OSTSEE 2008 – Blauer Himmel, weiße Strände und mehr : Gut in Form

In Helsinki liegen Moderne und Tradition auf einer Linie – die Verbindung von Neu und Alt macht den kreativen Reiz der Stadt aus

Susanne Kippenberger

Auch in Helsinki ist der Winter nicht mehr, was er mal war. Schneebälle muss man sich im Museumsshop kaufen, für 8,50 Euro das Stück. Lumipallo heißt das weiße Designerteil, das aussieht wie ein Schneeball, knirscht wie ein Schneeball und vermutlich schmuddelt wie ein Schneeball. Nur dass er eben nicht so wetterfühlig ist.

Drücken soll man diesen handgemachten Lumipallo (was nichts anderes als Schneeball heißt), um „warme Erinnerungen an kreative Kindertage“ zu wecken. Die Sehnsucht nach jenen weißen Kindertagen scheint groß zu sein in Helsinki. Alle reden übers Wetter. Über den Wind, der von allen Seiten über die Halbinsel fegt, über den Sommer, nach dessen ewigem Licht sie lechzen, über den Winter, der keiner war, was alle äußerst melancholisch stimmt, über die monatelange Dunkelheit, die dem Besucher gar nicht so dunkel wie befürchtet erscheint.

Aber wenn schon: Mit der Natur zu leben, das haben die Finnen gelernt, daraus haben sie ihre Kreativität entwickelt. Und so tröstet sich der Besucher über den mangelnden Schnee hinweg, indem er sich am Abend ins Kappeli setzt, auf dem zentralen Boulevard der Stadt, der aus zwei Straßen und in der Mitte einem Grünstreifen besteht. Schon der Komponist Sibelius kam regelmäßig zum Trinken hierher.

Selbst mit nüchternem Kopf fühlt man sich verzaubert. Der Pavillon aus Holz und Glas ist märchenhaft erleuchtet, von einem alten Kronleuchter, einer großen modernen Lichterkrone, kerzenförmigen Leuchten in den Fenstern und flackernden Teelichtern in kleinen Gläsern. Wie so oft in Helsinki, gehen Alt und Neu eine harmonische Verbindung ein; dezent modern ist das Restaurant von 1867 eingerichtet, auf dem Tisch die schlichten Design-Klassiker, Geschirr von Arabia, Gläser von iittala. Und während man sein Rentiergeschnetzeltes verspeist, mit selbstgemachtem Kartoffelpüree und Roter Bete (Russland ist nicht weit, sitzt sogar am Nachbartisch) fühlt man sich wie in „Dr. Schiwago“. Und die alten Prachtbauten draußen wirken fast verschneit.

Da Finnland ein durch und durch demokratisches Land ist, gibt es im Kappeli, wie in vielen Lokalen, gleich mehrere Teile, für jeden etwas: rechts das edlere Restaurant und links ein Selbstbedienungscafé, dazwischen eine Bar und im Sommer draußen eine Gartenwirtschaft.

Zurückhaltung und Bescheidenheit, Markenzeichen des finnischen Designs, sind in der Gesellschaft fest verwurzelt. Schon im Dom, der auf einer großen Treppe über dem Hafen thront und Glanzstück eines ganzen klassizistischen Ensembles von Schinkels Zeitgenossen Carl Ludwig Engel ist: Wer die Kirche betritt, ist freudig überrascht vom schlichten, hellen Innenraum, der etwas sehr Modernes, Heiteres, ja, Menschliches hat. Selbst der Luxus kommt mit Understatement daher. Im Kämp zum Beispiel, dem einzigen Fünfsternehotel der Stadt, einer historischen Herberge, die vor ein paar Jahren wiedereröffnet wurde: Das ebenerdige Café-Restaurant wirkt ausgesprochen offen und einladend. Es liegt am selben Boulevard wie das Kapelli – und wie das Savoy-Restaurant, das legendärste Lokal der Stadt. Im achten Stock kann man hier über den Dächern von Helsinki tafeln, das Beste, auch Wildeste, was Feld, Wald und Meer des Landes zu bieten haben. Auch wenn die Hauptspeisen mehr als 40 Euro kosten: Die Möbel wirken fast rustikal.

Eingerichtet hat das Restaurant in den 30er Jahren Alvar Aalto, Vertreter einer Moderne mit menschlichem Antlitz. Für den kleinen Mann solle der Architekt entwerfen, forderte der Altvater des finnischen Designs. Für das Savoy hat er selbst die gleichnamige Vase in der Form eines Sees entworfen, die im Land der 1000 Seen (von denen es in Wirklichkeit 187 888 gibt) fast so etwas wie ein nationales Wahrzeichen geworden ist. Auch wenn rund ein Fünftel der finnischen Bevölkerung im Großraum Helsinki lebt: Im Herzen scheinen die Städter doch eher Naturmenschen zu sein. Überall wachsen Birken, ob auf Marimekko-Servietten oder in den Restaurants der Designer-Hotels Klaus K und Helka.

Alvar Aaltos Villa und Atelier im etwas abseits gelegenen Stadtteil Munkkiniemi sind seit der Renovierung vor ein paar Jahren zu besichtigen. Wobei sich auch die Villa als eher bescheidenes Häuschen entpuppt; das größte Möbelstück ist der Flügel von Aaltos Frau und Mitarbeiterin Aino. Bedeckt ist er von einem grafischen Stoff, der noch heute von der Einrichtungsfirma Artek produziert wird, die Möbel und Objekte nicht nur der Klassiker, sondern auch junger Designer herstellt. Seinen Laden hat auch Artek am zentralen Boulevard.

Helsinki ist eine ausgesprochen sympathische Stadt: So großzügig sie wirkt, so bequem ist sie zu Fuß zu erkunden, mit dem Fahrrad oder mit der Straßenbahn, die mit ihrem warmen Gelb-Grün etwas rührend Altmodisches hat, aber ausgesprochen gut funktioniert. Eine Metro gibt es sogar auch, verfahren kann man sich nicht: Es gibt nur eine Linie.

Die einsamen, traurigen Trinker aus den Kaurismäki-Filmen sucht man in der Innenstadt vergebens. Hier trifft man eher gutgekleidete Menschen mit Designerbrillen, gut trainiert zudem. Die Sportbegeisterung der Finnen scheint sich nicht im Zugucken zu erschöpfen – dicke, gar fette Menschen sieht man auffallend selten.

Helsinki, nicht mal zwei Flugstunden von Berlin entfernt, ist anders – nicht fremd, trotz der Sprache, von der man kein Wort erkennt, nein, es ist eine durch und durch europäische Stadt. Aber im Unterschied zu vielen Orten, in denen einen schon beim allerersten Besuch das Gefühl überkommt, längst dagewesen zu sein, ist Helsinki eine weitgehend einheimische, kettenfreie Stadt. H&M, McDonald’s, Zara, das war’s dann fast schon. Nicht ein einziger Starbucks – und das, obwohl die Finnen die Europameister unter den Kaffeetrinkern sind. Aber es gibt ja genügend eigene Cafés, das Fazer zum Beispiel, das Engel oder das Strindberg, dessen Terrasse im Sommer „the place to be“ ist. Wenn man jemanden treffen will, der schwer zu erreichen ist, setzt man sich hier hin, irgendwann wird der schon vorbeikommen. Und dann gibt es eigene Coffeeshops. Natürlich mit modernem Design möbliert.

Nach der schweren Krise in den 90er Jahren hat man sich in letzter Zeit wieder stärker auf das besonnen, was man hat, die Natur, und das, was man kann: kreativ sein. 2005 wurde in Helsinki das Jahr des Designs ausgerufen, ein großes Gebiet im Zentrum zum Design District erklärt. Dazu gehören nicht nur das Design Forum, das sich mit seinen Ausstellungen und seinem Laden als Showroom für finnische Designer versteht, sowie das Design- und das Architekturmuseum, sondern auch Modeläden, Bars, Restaurants.

Viele der Kreativen kennen sich ohnehin, haben oft auch zusammen studiert: Es gibt nur eine Kunsthochschule im Land. Und die liegt in Arabianranta, in der früheren Keramikfabrik der Firma Arabia, deren Geschirr in Helsinkis Lokalen und Wohnzimmern ebenso allgegenwärtig ist wie die Gläser von iittala und die Pfannen von Hackmann, die inzwischen sogar unter einem Firmendach vereint sind – und hier einen großen Laden betreiben.

Arabianranta, das ist ein neues Viertel im Osten der Stadt, das Arbeiten, Lernen und Wohnen vereint. Es ist nicht das einzige neue Gebiet. Durch die Stilllegung verschiedener Industriegebiete, vor allem aber die Verlegung des Hafens 20 Kilometer außerhalb der Stadt werden zum ersten Mal auf der Halbinsel größere Gebiete zur Neubebauung und Umnutzung frei. So ist auch im ehemaligen Kabelwerk von Nokia ein großes Kulturzentrum entstanden.

Aber nirgendwo ist die Kunst so zentral wie in Arabianranta, in dem sich inzwischen viele Kreativbüros angesiedelt haben – auch die beiden Designerinnen von Lumipallo, dem Schneeball, haben ihr Atelier hierher verlegt. Kreativ geht man hier schon mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit um. Um die Ghettoisierung, Makel vieler Neubausiedlungen, zu vermeiden, wird die soziale Durchmischung gezielt geplant. In der ersten Reihe, mit Blick aufs Wasser und das dahinterliegende Naturschutzgebiet, stehen die edleren Häuser mit den Eigentumswohnungen; dahinter kommen Miet- und Sozialwohnungen, Studenten- und Altenheime sowie ein Haus für MS-Kranke. Und jedes Gebäude hat im obersten Stock eine Gemeinschaftsetage mit Sauna und Grillplatz. Auch die Kunst am und im Bau ist nicht etwas, was hier nachträglich als dekorativer Fremdkörper aufgestellt wird, sondern von vornherein integraler, identitätsstiftender Teil der Häuser ist. Den krönenden Abschluss wird Robert Wilson liefern: Der Amerikaner gestaltet einen ganzen Platz.

Das potenzielle Publikum für Kunst und Kultur ist groß in Helsinki. Dass die Schulbildung hier musterhaft ist, weiß auch in Deutschland seit Pisa jedes Kind. 40 Prozent eines Jahrgangs machen einen Hochschulabschluss, die öffentlichen Bibliotheken, die in Arabianranta auch im zentralen Gebäude angesiedelt ist, werden viel genutzt. Ja, selbst viele Bars sehen aus wie kleine Bibliotheken, im Kämp zum Beispiel und im Strindberg. Mit gutem Gewissen können die Finnen dort in den behaglichen Sofas versinken und sich ihrer anderen Leidenschaft hingeben: dem Trinken.

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