Zeitung Heute : Ottenthal

Ententerrine mit Dirndlgelee

Bernd Matthies

Ottenthal, Kantstraße 153, Charlottenburg, Tel. 313 31 62, täglich von 18 bis 1 Uhr, www.ottenthal.com. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlins Küche ist nach einer langen, wenig aufregenden Konsolidierungsphase wieder ein wenig in Bewegung geraten. Die erfolgreichen Neugründungen des letzten Jahres – Balthazar, Shiro I Shiro – haben offenbar Mut gemacht, es gibt Projekte, der eine oder andere qualifizierte Koch denkt ans Wechseln; es könnte ein ganz interessantes Jahr werden. Allerdings fehlt es noch an Ideen, die über die nächste Thai-Vietnam-Edelimbissstube hinausgingen.

Noch ist also Zeit, den alten Erfolgsrezepten nachzuspüren. Das österreichische „Ottenthal“ in der Kantstraße gehört zu jenen Restaurants, die einen archimedischen Punkt gefunden haben, von dem sie zwar nicht die Welt aus den Angeln heben, aber doch die Konkurrenz distanzieren können. Österreichisch mit dem unsterblichen Wiener Schnitzel im Mittelpunkt, dazu ein paar Gerichte mit vorsichtig eingesetzter Kreativität – und preislich immer unterhalb der Schmerzgrenzen, die beispielsweise bei 20 Euro für ein Hauptgericht liegen.

Selbstdarstellung spielt hier keine Rolle. Dass der Patron und Küchenchef Arthur Schneller heißt, wissen auch Insider selten auswendig. Er geht mit dem Erbe seiner österreichischen Heimat sorgfältig und intelligent um und entwickelt das Konzept behutsam voran – aber dennoch gibt es bei jedem Besuch irgendetwas Fragwürdiges. Irgendwo zwischen dem ausgezeichnet zubereiteten Spinat und der Maronenfüllung der Fasanenbrust geisterte eine merkliche Dosis Trüffelöl herum, und das Fleisch selbst war durch die rouladenhafte, ungenau getimte Zubereitung trocken geworden. Herrlich die knusprigen Polentakrapfen als Beilage, seltsam die Sauce.

Überhaupt liegt die Stärke dieser Küche nicht bei den kreativen Hauptgerichten, denen die stilistische Knappheit und Konsequenz des exzellenten Wiener Schnitzels oft fehlt. Denn auch das um eine Frischkäsefüllung gewickelte Kalbsrückenschnitzel mit Zucchini, Austernpilzen und einer Paprikasauce wirkte wie ein Verlegenheitsrezept aus einer Frauenzeitschrift. Und die Beigabe von Dekorationsgemüse wie roten Johannisbeeren oder Heidelbeerscheibchen ist albern. Freude bereiteten uns dagegen die Vorspeisen: Akkurat gebratene Jacobsmuscheln mit einem Blaumohndressing und winzigen gefüllten Palatschinken, oder die saftig-aromatische Ententerrine mit Dirndlgelee – dafür werden keine Mädchen verarbeitet, sondern jene Früchte, die wir hierzulande als Kornelkirschen kennen. Ebenso ratsam ist es, nie die Suppen auszulassen, beispielsweise die Tafelspitzbrühe mit einem hinreißend würzigen Gänseleberknödel oder die RoteBete-Suppe, die sich hinter dem Etikett „Tagessuppe“ unter Wert versteckte.

Na, und dass es hier gelungene, wenn auch etwas zu kompakte Topfenknödel gibt, muss ja nicht besonders betont werden. Eher schon, dass die Wildquittencreme, ein Ottenthal-Klassiker, diesmal nichtssagend ausfiel, ein sicher untypisches Phänomen. Dafür atmeten wir beglückt die sauerstoffreiche Luft, die wir ganz anders in Erinnerung hatten – Qualm hat uns schon mehrere Besuche in diesem sehr engen Lokal verleidet. Ob unsere Kettenraucher in die Defensive gehen, um das Totalverbot zu vermeiden? Der lockere Service, professionell, aber oft ein wenig von oben herab, drückt aufs Tempo, was mir gut gefällt – aber sicher auch mit der bemerkenswert hohen Auslastung zu tun hat.

Exzellente österreichische Weine zu vernünftigen Preisen beschafft die hauseigene Weinhandlung. Die Auswahl ist einigermaßen repräsentativ, und wer 44,50 Euro für den ausgezeichneten Nussberg von Wieninger/Wien ausgibt, ist damit schon fast im extravaganten Sektor angelangt. Am Ende wird ein ausladendes Abendessen zu zweit keinesfalls mehr als 150 Euro kosten, und das ist angesichts des Gebotenen wirklich fair. Ich würde allerdings beim nächsten Mal mehr Klassiker bestellen.

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