Zeitung Heute : „Otto ist der Beste!“

Innenminister Schily – super. Claus Peymann – grauenhaft! Martin Walser – na gut. Und wie hat Klaus Wagenbach als Linker gelernt, die Polizei zu lieben?

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Klaus Wagenbach ist als Verleger eine Institution – und er sorgte für reichlich Skandale. Bei ihm erschien von Rudi Dutschke bis Michel Houellebecq alles, was links, provokant und literarisch war. Schon lange pflegt der Verlag vor allem italienische Autoren. Morgen feiert Wagenbach seinen 75. Geburtstag auf Capri. Interview: Harald Martenstein und Norbert Thomma

Herr Wagenbach, was wird Ihnen persönlich vom mythenumrankten ’68 auf ewig bleiben?

Das Autofahren.

Im Ernst?

Ja. Ich habe schon immer Wert gelegt auf Autos, so hatte ich früh einen Volvo. Dieses Auto weckte die Begierde der Genossen. Andauernd kam einer und musste ganz schnell nach Stuttgart oder Frankfurt zu einer ganz wichtigen Versammlung, auf der die Revolution beschleunigt werden sollte. Dafür haben sie mir ihre rostigen WG-Kutschen dagelassen, R 4, VW Käfer, eine Ente oder einen ollen Opel. Seitdem kann ich mich in jedes fremde Auto setzen und sofort losfahren.

Sie werden jetzt 75 Jahre alt und…

…ich weiß schon, Sie sind nicht an meiner Person interessiert. Sie wollen wegen der Neuwahlen nur wissen, warum ’68 angeblich daneben ging.

Bitte, wie Sie wünschen. Die „FAZ“ hat Sie immerhin mal „die verlegerische Speerspitze der Linken“ genannt.

Uiuiuiuiuiiii!

Was ist daran falsch? Im Programm Ihres Verlags finden sich jede Menge linker Bücher. Rudi Dutschke! Ulrike Meinhof!

Speerspitze, das klingt so militärisch. Da hört man sofort: Es spricht die oberste Heeresleitung. FAZ, zack, zack!

Im Terminus der Linken müsste es „verlegerische Avantgarde“ heißen, ja?

Ist mir auch zu militärisch. Die Avantgarde ist in einer Armee die Vorhut, und die wird in der Regel niedergemetzelt. Ich würde sagen, mein Verlag fühlt sich der Linken zugehörig und ist immer neugierig darauf, was diese so treibt.

Im Moment betreiben einige die Gründung einer Linkspartei. Und Rot-Grün verabschiedet sich von der Macht. Mit welchen Gefühlen sehen Sie das?

Ich bin ein wenig traurig. Einmal weil zu befürchten ist, dass das linke Projekt für eine Weile ruht. Und auch, weil ich ein bisschen fürchte, was da auf uns zukommt. Inhaltlich ist Angela Merkel ja ein Hohlraum. Allerdings – machtpolitisch – ein unterschätzter Hohlraum. Interessant ist, wie gut sie die Klaviatur der Macht erlernt hat. Sie hat Kontrahenten wie Merz und Seehofer kurz beiseite geschoben, das kann sie. Aber inhaltlich? Wissen Sie, welches für mich der komischste Satz von Frau Merkel ist? Sie hat mal gesagt, die Bundesrepublik Deutschland war seit 1949 ein freiheitlich demokratischer Rechtsstaat. Das weiß sie natürlich ganz genau, weil sie ja in der DDR aufgewachsen ist. Wer die Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren erlebt hat, weiß freilich: Das war keinesfalls ein freiheitlich demokratischer Rechtsstaat. Dazu fehlte noch manches. Und das ist glücklicherweise von jungen Leuten vor und nach ’68 ein bisschen verändert worden.

Sie wollten damals die Weltrevolution.

Das ist doch Quatsch, ich wollte die Weltrevolution nie, übertreiben Sie nicht. Aber dass heute Kinder nicht mehr angebrüllt oder geohrfeigt werden, dass Frauen in dieser Gesellschaft eine andere Rolle spielen, das ist doch auch etwas.

Claus Peymann, der Chef des Berliner Ensembles, hat kürzlich in der „Zeit“ gesagt, die pädagogischen Versuche der ’68er seien komplett gescheitert: „Wir hätten den Kindern beibringen müssen, dass Erfolg und Erfüllung etwas mit Ausdauer, Disziplin und Quälerei zu tun haben.“

Das ist ja eine grauenhafte Äußerung! Das ist sehr nah an: Ihr sollt sein zäh wie Leder, flink wie die Windhunde und hart wie Kruppstahl. Hitlerjugend, ich kann es noch gut. Natürlich ist es richtig, Kindern Werte zu vermitteln, aber ohne Disziplin und Quälerei. Es war falsch zu sagen, Kinder müssen sich in jeder Hinsicht ausleben können. Ich kenne mich da aus, ich habe vier Töchter im Alter von acht bis 51 Jahren.

Peymann geht zu keinem Empfang mehr hin, zu dem auch Otto Schily eingeladen ist. Er wolle den nicht mehr sehen, er müsse sich sonst ärgern.

Den letzten Teil des Satzes unterstreiche ich. Nur würde ich selbstverständlich zu einem Fest mit Otto Schily gehen. Da ist der Peymann ein unverbesserlicher Deutscher, so final, so liquidatorisch. In Italien lernt man den Umgang mit dem politisch Andersdenkenden – den höflichen Umgang. Ist Schily vielleicht mein Feind?

Schily ist von CDU und CSU oft gelobt worden.

Also, ich möchte nicht bis ins Auge hinein kontrolliert werden, das mit den biometrischen Daten ist mir nicht so sympathisch. Aber man vergisst eine große Leistung von Otto Schily, dass er 50 Jahre nach dem Krieg endlich ein Blut-und-Boden-Staatsbürgerschaftsrecht gekippt hat. Das hat sich von den Konservativen keiner getraut. Jeder Russe etwa, der eine deutsche Ururgroßmutter hatte, konnte kommen und auf Russisch sagen: Ich bin Deutscher. Ein Türke, der in Berlin geboren ist und nur bruchstückhaft türkisch konnte, war kein Deutscher. So war das Gesetz, skandalös! Das hat Otto geändert, dafür bewundere ich ihn.

Sie sehen Schily als Integrationsminister?

Jeder Innenminister auf der Welt ist verhasst. Weil er auch Polizeiminister ist. Die Polizei wird nicht überall geliebt, logisch. Aber ich wollte Otto mal loben, auch wenn Ihnen das nicht gefällt. Ich habe ihn ja auch als Rechtsanwalt erlebt...

...als Ihr Verlag Ärger mit der Justiz hatte, und den hatten Sie häufig. Nur haben Sie die meisten Prozesse verloren.

Nicht die meisten, alle! Wir haben immer verloren.

Konnten Sie sich als linker Verleger keinen besseren Anwalt leisten?

Otto war der Beste! Er war wirklich der Beste. Dass wir alle Prozesse verloren haben, sage ich nur der Korrektheit halber. Die Absicht der Berliner Staatsanwaltschaft ging ja weiter. Die wollten den Verlag ruinieren, allen voran der Polizeipräsident Klaus Hübner, dieses Dreckschwein an der Spitze…

Moment! Wir dachten, Sie haben in Italien den höflichen Umgang mit dem politischen Gegner gelernt.

Da haben Sie Recht. Sagen wir besser: ein Kalter Krieger und ein Feigling. Die Polizei hatte hinterrücks den Studenten Georg von Rauch erschossen, das hatten wir – und auch Erich Fried – als „Mord“ bezeichnet. Hübner klagte gegen Fried in Hamburg und verlor. Dann klagte er gegen mich in Berlin und verlor, er ging in die zweite Instanz. Ich bot ihm eine öffentliche Diskussion an. Er schrieb zurück: Erst dann, wenn Sie verurteilt worden sind, wovon ich ausgehe. So kam es dann auch: Die Polizisten erhielten Aussageverbot, aus München wurde ein angeblicher Schusssachverständiger eingeflogen, der in Wahrheit beim Amt für Wasserwirtschaft arbeitete. Ich bin zwar verknackt worden…

…einmal zu neun Monaten Haft.

Ich lege Wert darauf, der höchst vorbestrafte lebende deutsche Verleger zu sein. Doch am Ende jedes Urteils stand, wenn auch zähneknirschend: Von einem Verbot des Verlags konnte für dieses Mal abgesehen werden. Das waren Ottos Siege.

Hatten Sie Existenzangst?

Oh ja, und zwar in doppelter Hinsicht. Es gab ja auch eine militante Linke, der manches überhaupt nicht gefiel, was wir veröffentlichten. So hat Gudrun Ensslin noch aus dem Stammheimer Gefängnis heraus versucht, das Erscheinen des Buchs „Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse“ von Peter Brückner zu verhindern. Mit allen Mitteln… Und natürlich machte es Existenzangst, wenn die Polizei den Verlag besetzt, die Wohnung auf den Kopf stellt und zum Hausbesitzer sagt: Sie haben einen Kommunisten im Haus, wollen Sie dem nicht mal kündigen? Was wollte ich eigentlich erzählen?

Von Ihrem emotionalen Verhältnis zur Polizei.

Das war ablehnend, milde ausgedrückt. Aber es hat sich gewandelt.

Wodurch?

Das bewirkte Salman Rushdies Buch „Die satanischen Verse“, das 1988 auf Englisch erschien. Ein verrückter Imam hatte aufgefordert, den Autor zu töten, jeden Übersetzer und jeden Verleger umzubringen, der es wagt, dieses Buch zu veröffentlichen. Ich habe mit Michael Naumann geredet, dem Chef bei Rowohlt. Wir sagten: Das Buch muss raus. Wir machten das in einem nicht existierenden Verlag, den nannten wir „Artikel 19“, ich habe die linken Verleger eingesammelt und Naumann die konservativen. Das Buch erschien, die Hintermänner blieben geheim, die Mullahs haben getobt.

Jetzt fehlt nur noch die Polizei.

Günter Grass als Mitglied der Akademie der Künste hat gesagt, wir müssen eine öffentliche Diskussion über die Meinungsfreiheit machen. Tapferer Mann, nicht? Nur die Akademie hat gezittert, sie wollte nicht. Da ist Grass aus der Akademie ausgetreten. Er hat dann einen anderen Saal gefunden, an der Hasenheide. Oben auf dem Podium gaben wir ein gutes Ziel ab, der Saal war rappelvoll, ich hatte wirklich Angst. Da sah ich an den Wänden im Abstand von einem Meter Polizisten stehen und dachte: Gott sei Dank, sie sind doch zu etwas nütze.

Karl Marx: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

In Ordnung. Ich widerspreche einmal nicht.

Akzeptieren Sie auch die These: Die 68er sind in der politischen Praxis gescheitert, aber kulturell waren sie erfolgreich.

Nein, ich sehe das politische Scheitern nicht. Und Sie werden lachen, ich sehe auch den kulturellen Sieg nicht. In der Literatur waren die 50er und 60er Jahre die große Zeit, mit Heinrich Böll und Grass’ „Blechtrommel“. Nicht die 70er, nicht die 80er und nicht die 90er Jahre. Oder wollen Sie es als Sieg werten, dass es haufenweise linke Lehrer waren, die sagten: Wir lesen keine Gedichte mehr?

Sie waren Mitte der 80er Jahre zu einem Besuch in die linke „taz“ eingeladen und haben gefordert, sie sollte mehr Gedichte drucken. Danach stand lange Zeit auf deren Seite 1 täglich ein anderes Gedicht.

Ach, das war wunderbar. Gedichte zu lesen bringt einem bei, auf Zwischentöne zu achten. Wir leben in einer binären Welt, in der Welt der Computer, es gibt nur ja und nein. Der Computer fragt nicht, was wäre wenn? Der Computer scheitert am Konjunktiv. Wir Menschen leben aber nun mal im Konjunktiv. Ein Beispiel: Meine zweite Frau Barbara sprach Kopfkissenitalienisch, sie hat es von einem Freund gelernt. Ich bin in den 50er Jahren monatelang allein mit dem Fahrrad durch Italien gefahren, ich konnte vom Schraubenzieher bis zur Speiche jedes italienische Wort. Aber ich konnte keinen Konjunktiv. Sie schon – in der Liebe braucht man den Konjunktiv. Lyrik kann das vermitteln. Da fehlt mal ein Verb, da fehlt ein Substantiv, dort wird ein Gedanke nur angedeutet, man weiß nicht so ganz genau… Lyrik ist Einführung in differenziertes Denken. Gereimt oder ungereimt ist egal.

Ein wichtiger Dichter für Ihren Verlag war Wolf Biermann. Solange er in der DDR lebte, haben Sie seine Schallplatten und Bücher gemacht.

1963 hat mir Stephan Hermlin ein Tonband vorgespielt, sehr wildes kommunistisches Liedgut, da wurden von Bauern tiefe Ackerfurchen gezogen, Land wurde kollektiviert, das war von Biermann. Es waren dann komplizierte Vorgänge, seine Sachen rüberzuholen. Tonbänder konnte man sich um den Bauch wickeln, fürs Papier hatten wir jemanden in Ost-Berlin in der Ständigen Vertretung. Es war riskant. Ich weiß noch genau, am 31.12.1965 saß ich mit einem DDR-Abgesandten im Café Kranzler und bekam Bescheid: Nur wenn Sie Biermann nicht mehr drucken, bekommen Sie Lizenzen von DDR-Schriftstellern. Meine Idee war ja, einen Ost-West-Verlag zu machen. Durch den Kontakt mit Biermann war damit Schluss. Bedauerlich, aber wir standen zu ihm.

Als Wolf Biermann 1976 von der DDR ausgebürgert wurde, ist er sofort zu einem anderen Verlag gewechselt. Das muss Sie gekränkt haben.

Biermann hat im Westen seinen alten Verlag nicht ein einziges Mal betreten. Er hat ja nicht nur den Verlag gewechselt, er wollte auch seine alten Bücher von Wagenbach mitnehmen. Es gab dann eine Zivilklage vor dem Landgericht am Tegeler Weg. Da trat Wolf Biermann auf und sagte dem Richter – einem West-Berliner Richter, und er wusste genau, was er da tat: „Ich möchte lieber zu einem weniger politischen Verlag.“ Da habe ich aber gestaunt.

Biermann hat später bei der „Welt“ angeheuert. Warum werden Linke – auch Martin Walser – so gerne konservativ, umgekehrt geschieht das selten?

Den Walser habe ich in guter Erinnerung. Der hat immer furchtbar kommunistische Texte für unser literarisches Jahrbuch „Tintenfisch“ geschickt, wir haben sie angeguckt, ach, der Martin, der ist ja wieder furchtbar kommunistisch, na gut, wir drucken ihn, weil es der Martin ist.

Und ein guter Schriftsteller.

Der Schlüssel zu Walser ist sein Buch „Der springende Brunnen“, eine unglaubliche Lügengeschichte über seine Jugend. Da will er uns weismachen, dass seine Mutter leider 1932 in die NSDAP eintreten musste, um ihre Gastwirtschaft zu retten, die auf diese Weise leider zum NS-Parteilokal geworden sei. In Wirklichkeit gab es 1932 gute Gründe für eine bürgerliche Frau, sich für die NSDAP zu entscheiden. Bei der SPD und der KPD durften Frauen höchstens Flugblätter verteilen. Die Nazis haben eigene Organisationen für sie geschaffen, und in denen konnten sie in Uniformen zu ihren Männern sagen: Ich muss zum Dienst. Diese scheinbare Emanzipation, darüber hätte ich von einem mit Walsers Fähigkeiten gern gelesen.

Wenn wir Sie auf eine einsame Insel verbannen und Sie dürfen nur drei Bücher mitnehmen, welche…

Oh, das müssten ja dicke Bücher sein, und das ist blöd, weil ich dicke Bücher hasse. In dicken Büchern wird immer alles erzählt, da bin ich gezwungen, dem Helden bis auf die Toilette zu folgen. Kleine Bücher lassen beim Lesen mehr Raum für Spekulationen und…

Bitte!

Also, ich nehme von Franz Kafka „Der Landarzt“, einen Erzählungsband. Es ist ein ganz erfolgloses Buch von Kafka, 300 verkaufte Exemplare, es kommen lauter Verrückte darin vor wie auch der Satz: „An der Ferse kitzelt es jeden, den großen Achilles wie den kleinen Schimpansen.“ Dafür liebe ich Kafka. Jetzt noch Goethes „Italienische Reise“ in der Ausgabe von Hanser. Dick und trotzdem gut. Und aus unserem Verlag ein klassisches italienisches Buch, „Irrläufe“ von Manganelli: 100 Romane in Pillenform, immer nur eine Seite lang. Daran lassen sich zwei Dinge studieren, die Italiener hervorragend können: erzählen und lügen, bis die Schwarte kracht.

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