Otto Tausig : "Ich gab den King Lear in kurzen Lederhosen"

Als er vier Jahre alt war, holte ihn Josephine Baker auf die Bühne. Jetzt spielt Otto Tausig einen George Clooney im Altersheim.

Interview: Peter Becker
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Otto Tausig, Schauspieler.Foto: Mike Wolff

Herr Tausig, nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland wurden Sie mit 15 Jahren als Sohn einer jüdischen Wiener Familie 1939 auf einen der damaligen „Kindertransporte“ nach England geschickt. So sind Sie der Tragödie des Jahrhunderts entkommen – und wurden ein gefeierter Komödiant. Ein Komiker. Haben Sie einen Lieblingswitz?


Ja. Albert Einstein kommt in den Himmel und wird sofort zum Chef geführt. „Grüß Gott“, sagt Einstein. „Grüß Albert“, sagt Gott, „was kann ich für dich tun? Hier wird dir jeder Wunsch erfüllt.“ „Na ja“, meint Einstein, „auf der Erde versuchen wir Physiker bisher vergeblich, eine Formel zu finden, die alles erklärt. Die Weltformel! Kannst du mir die verraten?“ Gott antwortet: „Kein Problem, ich bin allwissend“, lässt eine Schiefertafel und Kreide bringen und beginnt eine endlos lange Gleichung aufzuschreiben. Einstein unterbricht: „Verzeih, Herr, das soll die Weltformel sein? Die ist doch voller Fehler …“ – „Ja klar“, antwortet Gott, „wem sagst du das!“

Das ist eine schöne Variante zu dem Schneiderwitz. Ein Mann lässt sich einen Anzug machen. Nach zahllosen Anproben und immer neuen Änderungen verliert er die Geduld und ruft, der Herrgott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, und Sie brauchen Monate für einen Anzug! Worauf der Schneider sagt: „Aber bitte, schauen Sie mal auf die Welt – und dann sehen Sie meinen Anzug!“


Auch gut. Kennen Sie den? Ein Wiener kommt zum See Genezareth und will sich ein Boot mieten. Er empört sich, denn auf der Donau koste das höchstens ein Viertel. „Schon gut“, sagt der Bootsvermieter, „aber über diesen See ist Jesus zu Fuß gelaufen.“ – „Kein Wunder“, sagt der Wiener, „bei den Preisen!“

Sie sind offenbar großzügiger, wo Sie doch meist ohne Gage spielen.

Das ist ein Missverständnis. Wenn ich mit meinem Freund Jan Schütte für seinen neuen Film „Bis später, Max! Die Liebe kommt, die Liebe geht“ in Amerika drehe, dann haben wir, wenn man keine Hollywoodfirma hinter sich hat, besondere Konditionen. Worauf Sie jedoch anspielen: Ich spende tatsächlich alle meine Film- und Fernsehgagen, auch die größeren, für Projekte des Wiener Entwicklungshilfe-Klubs in der Dritten Welt.

Jeden Euro und Dollar? Sie haben außer im Theater in vielen internationalen Fernseh- und Filmproduktionen gespielt. So karitativ ist wohl keiner Ihrer Kollegen.


Doch, es gibt schon Künstler, die was abgeben. Ich stifte die dazu an! Und ich selber brauche das Geld nicht. Ich bekomme als ehemaliger Burgschauspieler eine schöne Pension, und meine Frau, mein Sohn mit seiner Familie finden es als Erben alle okay, dass mein überschüssiges Vermögen dazu dient, das Leid in Afrika oder Asien etwas zu mildern. Bei unserem kleinen Entwicklungshilfe-Klub weiß ich sicher, dass alles Geld direkt in die Hilfsprojekte fließt.

Wann hat diese Spendenbereitschaft begonnen?

Meine Wende war der Neujahrstag 1989 in Bombay, heute Mumbai. Ich drehte dort mit Alain Corneau die Verfilmung von Antonio Tabucchis Roman „Indisches Nachtstück“, wo ich einen Juden spielte, der in Indien nach Jahrzehnten einem fürchterlichen ehemaligen KZ-Arzt wiederbegegnet. Und am Tag nach der nächtlichen Schlüsselszene trat ich vor die Tür des tollen Tadsch- Mahal-Hotels, wo jüngst die Anschläge passiert sind. Ich wollte auf der Uferpromenade am Ozean nur etwas Luft schnappen. Aber da wird jeder westliche Reisende sofort von Scharen bettelnder Kinder und Krüppel überfallen. Für mich war das neu, ich war nie zuvor in Indien und verteilte all meine Rupien. Nach fünf Minuten konnte ich nur noch meine leeren Taschen nach außen stülpen, doch die Bettelei hörte nicht auf – ich wurde immer ärgerlicher und ging zurück ins Hotel. Dann erfuhr ich, dass die Kinder und Krüppel zu einer Bettelmafia gehörten und das Geld später an ihre Bosse abliefern mussten. Seitdem versuche ich, systematisch und nicht nur zufällig und auch nicht mit großen Unicef-Spesen etwas gegen die Ungerechtigkeit und Armut in der Welt zu tun. Dafür sind Menschen, denen es besser geht, da.

Sie waren von früh an auch ein politisch und sozial engagierter Schauspieler.


Natürlich, ich war als Emigrant in England im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler, und wie viele Antifaschisten auch begeisterter Kommunist. Deswegen bin ich nach Kriegsende schon 1946 nach Wien zurückgekehrt. Wir wollten die neue Demokratie aufbauen, mit sozialistischen Idealen. Von Stalins Verbrechen haben wir erst in den 50er Jahren erfahren, und irgendwann war es bei mir dann mit dem Kommunismus vorbei. Aber der soziale Idealismus ist geblieben.

Ihre Eltern entkamen nach Schanghai, aber die Großeltern und einige nahe Verwandte sind in Treblinka ermordet worden. Das hatte Sie nicht abgeschreckt, sogleich nach Wien zurückzukehren?


Nein, wir wollten ja dafür sorgen, dass sich so etwas nie wiederholt und sich das Land und die Leute ändern.

Sie waren als Jungkommunist kein religiöser Jude?


Ich bin, wie schon mein Vater, Agnostiker. Nur meine Mutter ist einmal im Jahr in die Synagoge gegangen, weil: Man kann ja nie wissen! Aber das Jüdische hatte für mich keine Rolle gespielt. Ich kann wie viele damals Verfolgte sagen, dass mich erst Hitler wirklich zum Juden gemacht hat.

Und eine halbnackte schwarze Dame hat Sie erstmals zum Schauspieler gemacht.


Sie meinen Josephine Baker. Das war aber sehr unfreiwillig. Ich war vier und saß bei einem Gastspiel der Baker mit meinen Eltern in meinem einzigen blauen Kinderanzug ganz vorne im Theater. Für einen bestimmten Tanz, bei dem sie nur ihr berühmtes Baströckchen anhatte, holte sie jedes Mal einen männlichen Besucher aus dem Parkett, und an diesem Tag sah sie mich und schleppte mich zu meinem Entsetzen auf die Bühne. Das war mein Debüt, die Leute haben furchtbar gelacht, und sie wollte, dass ich mit ihr tanze, und nahm meine Hand für irgendwelche komischen Gebärden, die ich in Panik und Peinlichkeit verweigert habe. Alle fanden das komisch, außer mir.

Auch Josephine Baker hat ihr Vermögen für soziale Zwecke gespendet. Sind Sie ihr später nochmal begegnet?


Nein. Es ist keine lebensentscheidende Beziehung zwischen uns entstanden.

Aber Ihrer Zeit waren Sie offenbar von Anfang an voraus: Tanzpartner eines Weltstars mit vier, und sehr früh wollten Sie schon den König Lear spielen?

In der Schule bot mir ein theaterbegeisterter Deutschlehrer meine erste Inszenierung an, da war ich zwölf und habe für eine Schüleraufführung ein Nestroy-Stück ausgesucht und durfte dazu die Hauptrolle spielen. Im Jahr darauf bin ich von zu Hause durchgebrannt, für einen Nachmittag, und wollte mich bei einer privaten Schauspielschule bewerben. Mit dem Wahnsinns-Monolog des alten König Lear, in kurzen Lederhosen. Es kam tatsächlich zu einem Vorsprechen, doch im letzten Moment habe ich den Anlauf zum Shakespeare und dem wahnsinnigen Lear abgebrochen und begann Witze zu erzählen.

Das fanden die Theaterlehrer nicht so witzig?

Doch, das fanden die sehr witzig! Aber sie fragten, hast du nicht auch noch eine richtige Rolle? Ich nuschelte nur etwas und getraute mich nicht mehr an meinen Lear. Da sagten sie: Komm wieder, wenn du 16 bist.

Mit noch nicht 16 mussten Sie dann nach England und haben Ihren Vater nie und Ihre Mutter erst nach dem Krieg wiedergesehen. Stimmt es, dass große Komiker im Herzen meist eine schwermütige Seite haben und ihre Melancholie überspielen?

Das ist ein gepflegtes Klischee. Ich bin kein melancholischer Mensch. Einmal bei George Tabori habe ich am Burgtheater einen alten Juden gespielt und war ganz schlecht, weil ich meinte, absichtlich tragisch sein zu müssen. Was Tabori gar nicht wollte. Kennen Sie die Geschichte von Grock?

Von Grock, dem König der Zirkusclowns?

Dieser Grock, über den alle Welt lachte, hat eine Autobiografie geschrieben. Vielleicht hatte er diese andere Seite, denn sein Buch ist stinklangweilig, er schreibt nur über seine Gagen und seine tollen Autos. Das einzig Interessante fand ich, wie er mal nach einem Auftritt in Südamerika beim Abendessen neben dem Polizeipräsidenten, ich glaube von Buenos Aires, saß, und ihm gegenüber einen Mann mit Vollbart sah, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Plötzlich erscheint ein Ober und steht für einen Moment hinter dem bärtigen Mann mit einer Brotschneidemaschine, die wie eine Guillotine ausschaut. Da fällt es Grock ein: Ganz klar, der Mann gegenüber ist Landru, der berühmte mehrfache Frauenmörder …

… Henry Landru, der in den 1920er Jahren in Frankreich nach einem spektakulären Prozess geköpft wurde. Das Vorbild vieler Krimifiguren und Filme, von Chaplin bis Chabrol …

Ebender. Grock wispert nun etwas zu dem Polizeipräsidenten, und der nickt zustimmend und wispert zurück. Das Theater mit dem Landru, seine Verurteilung sei wohl alles nur ein Scheinprozess gewesen, um von irgendwelchen politischen Skandalen abzulenken.

Es wurde stattdessen ein anderer geköpft?

Vielleicht, jedenfalls meinte Grock, der echte Landru saß ihm gegenüber. Das fand ich komisch, mindestens grotesk. Ansonsten hatte der große Clown privat offenbar wenig Sinn für Humor. Aber deswegen muss man nicht alle Komiker für verkappte Trauerklöße halten.

Sie haben im Krieg, als man Sie in England als Flüchtling und zugleich als Feindeskind internierte, wieder Laientheater gespielt. Nach dem Max-Reinhardt-Seminar in Wien hat die richtige Karriere dann 1948 in der Wiener Scala begonnen, wo Sie in Komödien reüssierten, aber zugleich bekennender Kommunist waren.

Es war das Haus, in dem ich mein Debüt mit Josephine Baker hatte. Und wir waren, angeführt von den linken, aus dem Schweizer Exil heimgekehrten Schauspielern und Regisseuren Karl Paryla und Wolfgang Heinz, eine Truppe, die auch mit dem Lachen die Welt verbessern wollte. Aber wir begannen mit Brechts „Mutter Courage“, mit der von uns tief bewunderten Therese Giehse als Courage. Das ging bis 1956, da kam der Ungarn-Aufstand, ich war noch KP-Mitglied, aber gegen die offizielle Parteilinie, und der Kalte Krieg wurde in Wien eiskalt und der Antikommunismus hysterisch. Die Scala, die keine Subventionen hatte und keine Konzession mehr bekam, war am Ende. So ging ich nach Berlin.

Nach Berlin, nach Ost-Berlin rief Sie Bert Brecht?

Brecht hatte bei uns drei Jahre zuvor seine „Mutter Courage“ inszeniert, ich habe ihn voller Ehrfurcht kennengelernt, und es gab von ihm auch ein Angebot. Aber Brecht starb schon 1956. Ich konnte dann bei Wolfgang Langhoff, dem Vater von dem Regisseur Thomas Langhoff …

… nach der Wende war Thomas Langhoff Intendant des Deutschen Theaters Berlin, wie sein Vater …


… ich konnte erst bei dem Vater Langhoff am Deutschen Theater inszenieren, habe danach mehrere Jahre im Ensemble der Ost-Berliner Volksbühne gespielt und in der DDR zum ersten Mal richtig Geld verdient.

Wie denn das?

Wir waren in der Wiener Scala idealistische Hungerleider. Ich bekam als Schauspieler 500 Schillinge und in Ost-Berlin, im staatlich subventionierten Theater, waren es über 2000 Mark. Man hatte mir sogar 3000 geboten, was ich als nichtsozialistisch ablehnte. DDR-Mark natürlich, aber selbst davon konnte meine Frau im Westen im KaDeWe mal richtig einkaufen. Was ich nicht ganz billigte. Trotzdem waren die Berliner Jahre eine schöne Zeit, ich drehte auch bei der Defa, nur die Einmischungsversuche der DDR-Kulturpolitik wurden immer schikanöser. Deswegen bin ich noch vor dem Mauerbau gegangen und über diverse westliche Bühnen, von Münster bis München, wieder in Wien gelandet. Am Ende sogar am Burgtheater.

Mit Berlin haben Sie 1984 nochmals ein triumphales Wiedersehen gefeiert. Das war in „Ghetto“, dem israelischen Musical über ein KZ. An der Seite von Michael Degen, Ulrich Tukur, Esther Ofarim spielten Sie unter Peter Zadeks Regie einen Schneider, der aus den Kleidern der Toten Theaterkostüme nähte und die Uniformen der Nazis flicken musste. Hatte so Ihre Hinwendung zu den jüdischen Figuren und zu eher schwarzhumorigen Rollen begonnen?

Sicher hatte der Erfolg von „Ghetto“ seine Auswirkungen. Ich selber suche aber nicht bewusst nach jüdischen Stoffen, mich interessieren nur gute Geschichten und interessante Charaktere. Die sind dann oft gebrochen, zwischen Lachen und Weinen. Selbst als meine Familie 1938 in Wien aus unserer Wohnung geworfen wurde und wir jüdischen Schüler plötzlich von einigen Klassenkameraden gehänselt wurden, war in mir schon so eine Haltung: Das ist alles nicht schön. Aber besser was Mieses erleben, als gar nix erleben! Und ich fühle mich als Außenseiter wohler denn als bürgerlich Angepasster. Was mir an den Juden gefällt, ist, dass sie als lange verfolgte Minderheit oft gegen das Etablierte andenken. Es ist sicher kein Zufall, dass Marx und Freud und Einstein alle jüdischer Herkunft waren. Auch der jüdische Witz geht gegen das Angepasste.

Sie leben in Österreich, in Wien, wo die Mitverantwortung für den Holocaust und der eigene Antisemitismus besonders gerne verdrängt werden.

Es gab nach 1945 in Österreich keine „Reeducation“ durch die Alliierten. Ich selber wollte mal ein kommunistisches Österreich und bin jetzt froh, dass es das nicht geworden ist. Trotzdem könnte es anders sein. Dass der Haider ein größeres Staatsbegräbnis kriegt als einst der Bundeskanzler Bruno Kreisky, ist beschämend. Im Grunde ein Witz, aber ein schlechter.

Sie spielen nun zum dritten Mal in einem Film des Berliner Regisseurs Jan Schütte. Es sind drei Variationen eines Mannes, aus drei amerikanischen Erzählungen von Isaac B. Singer, und im Zentrum steht und fällt der jüdische Schriftsteller Max Kohn, der auch als alter Mann noch zur Beute attraktiver Damen wird. Eine spielt Barbara Hershey …


Er wird ihre Beute? Also, dieser Max ist selber noch ein Jäger. Mein Spaß ist ja, ich spiele einen George Clooney im Altersheim, der ich im realen Leben nicht bin. Auch Isaac Singer war im höheren Alter noch sehr an Frauen interessiert. Nach einer Prostata-Operation hat er dann gesagt: „Früher war ich ein Könner, jetzt bin ich ein Weiser.“ Da war er über 70. Ich bin jetzt 87.

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