Zeitung Heute : Ouro Preto: Am Anfang war schwarzes Gold

Erste Sonnenstrahlen lassen die ziegelgedeckten Dächer in Rottönen erstrahlen. Weiß, blau und gelb wählten die Erbauer von "Vila Rica" für die Wohngebäude und Fassaden der Gotteshäuser, die oft auf einer Anhöhe gelegen das Häusermeer überragen. In eine sanfthügelige grüne Landschaft eingebettet wirkt Ouro Preto, wie die Stadt heute heißt, morgens wie eine brasilianische Barockstadt aus dem Bilderbuch.

Von wenigen Eingriffen abgesehen behielt Ouro Preto ein bemerkenswert geschlossenes Erscheinungsbild. Aufwändig verzierte Kirchen im Barock- und Rokokostil, edle Adelspaläste und schmucke Wohngebäude verhalfen der Goldgräberstadt zum Beinamen "Wiege der brasilianischen Kunst". Als das Barock in Europa schon aus der Mode gekommen war, blieben Ouro Pretos Architekten diesem Stil treu und schufen sogar eine eigenständige Kunstrichtung. Seit die ersten Navigatoren um das Jahr 1500 an der Küste Südamerikas gelandet waren, vermuteten sie im bergigen, dicht bewaldeten Hinterland unermessliche Bodenschätze, vor allem Gold und Edelsteine. Von São Paulo aus wagten sich immer wieder Expeditionen in das schwer zugängliche Landesinnere.

Nahe der heutigen Stadt sorgten Ende des nachfolgenden Jahrhunderts sattschwarz glänzende Körner aus einem Gebirgsbach für Aufregung. Der seltsame Fund erwies sich als Gold, das durch Eisenoxid schwarz gefärbt war. Die gute Nachricht lockte scharenweise Goldgräber an. Sie durchwühlten die Erde nach dem begehrten Edelmetall. Bald konnten die ersten Steinhäuser und Kapellen erbaut werden. Eines der Dörfer erhielt den Namen Ouro Preto. Zu Deutsch bedeutet das "schwarzes Gold".

Brasiliens "Goldenes Zeitalter", das Ouro Pretos Künstler, Musiker und Schriftsteller maßgeblich mitgestaltet haben, begann allerdings mit einem wenig ruhmreichen Kapitel; im Gefolge der Goldgräber zogen zwielichtige Gestalten und gewissenlose Abenteurer nach Minas Gerais. Die Kriminalität stieg und auch Seuchen und Hungersnöte brachen aus. Tausende von Schwarzen, die aus dem westlichen Afrika mit Schiffen in die Neue Welt geschafft wurden, mussten in den Goldminen Sklavenarbeit verrichten. Am Stadtrand vermitteln die Minas de Passagem mit ihren Gängen und Stollen Einblicke in die beschwerliche Arbeitswelt eines Goldbergwerks.

Weil die Schürfer von den Fördermengen stets einen ordentlichen Teil für sich abzweigten, verschärften die Portugiesen die Kontrolle. Schon zwei Jahrzehnte nach der Gründung erhoben sich die Goldgräber erstmals gegen die Obrigkeit, die ein Fünftel des Fundes für die Krone beanspruchte. Kein Wunder: Schon damals zeichnete sich ab, dass der Goldvorrat bald völlig ausgebeutet sein würde. Als die königlichen Vertreter 1788 Steuern gewaltsam eintreiben wollten, stieg die unzufriedene Einwohnerschaft auf die Barrikaden. An die Spitze stellte sich der Offizier José da Silva Xavier, den man seiner medizinischen Fertigkeiten wegen "Tiradentes" - Zahnzieher - nannte.

Als Anhänger der Aufklärung träumte Tiradentes von einem Umsturz nach dem Vorbild der Französischen Revolution, für deren Ideale sich auch die Intellektuellen begeisterten. Mit beispielloser Härte schlugen die Portugiesen den Aufstand 1789 nieder. Sie schickten die Revolutionäre, darunter Richter und Geistliche, in die Verbannung und ließen Tiradentes hinrichten. Seine bronzene Statue steht heute auf dem nach ihm benannten Hauptplatz, auf dem sich abends gern die Jugend trifft. Im ehemaligen Rathaus gegenüber erinnert das "Museu da Inconfidéncia" an den misslungenen Befreiungsschlag, der offiziell als Auftakt zur Unabhängigkeit Brasiliens angesehen wird.

Ouro Pretos Architekturerbe beweist, dass die Bewohner der Krone im Laufe der Jahrhunderte ansehnliche Goldmengen vorenthalten konnten. Nur vier Jahrzehnte nach der Gründung lebten dort bereits 100 000 Einwohner. Wurden die Pläne für koloniale Neugründungen von königlichen Hofarchitekten im Mutterland stets nach dem gleichen Vorbild am Reißbrett entworfen, wuchs Ouro Preto allmählich zu einer Stadt. Dabei berücksichtigte man natürliche Gegebenheiten, an die der Straßenverlauf und die Anlage der Wohngebäude, Plätze und Brunnen angepasst wurden. Nur ein Jahr dauerten die Arbeiten am Stadttheater, das seiner guten Akustik wegen zeitweilig für Opern genutzt wurde und als Lateinamerikas ältestes, noch genutztes Theater gilt. In der aufwändig möblierten Casa dos Contos, wie die alte Münzstätte genannt wird, hielten einst die Beamten die angelieferten Goldmengen fest. Das ganze Jahr über nur selten benutzt, finden in den großen Räumen während des traditionellen Winterfestivals im Juli Konzerte, Ballettabende und Ausstellungen zeitgenössischer Kunst statt.

Ouro Pretos Gotteshäuser wurden zwar weniger verschwenderisch verziert als die Kirchen der damaligen Hauptstadt Salvador de Bahia; durch ihre einheitliche Gestaltung tragen die 13 Kirchen jedoch entscheidend zur Geschlossenheit der Altstadt bei. Sie lieferten schon immer eine würdige Kulisse für Prozessionen und die traditionelle Semana Santa.

Als bekanntester Künstler der Goldgräberstadt schuf der Architekt und Bildhauer Antonio Francisco Lisboa in sechs Stadtkirchen meisterhafte Altäre und Skulpturengruppen, die dem Vergleich mit europäischen Schöpfungen stand halten. Schon als Jugendlicher von Rheuma und Lepra geplagt, verfertigte Aleijadinho (das "Krüppelchen") in der Kirche São Francisco de Assis Bildwerke, Statuen und die Kanzel.

Aus dem regionalen Speckstein modellierte der Künstler, schon halb blind, wunderbare Rundreliefs, die Karmeliterkirche und Nossa Senhora do Pilar schmücken. Als ihm die Krankheit die Hände genommen hatte, ließ sich Aleijadino Hammer und Meißel an den Armstümpfen festbinden und bewegte sich bei der Arbeit rutschend fort.

Seine letzten Werke schuf er nahe der benachbarten Stadt Congonhas do Campo, das durch seine Wallfahrtskirche Bom Jesus de Matozinhos bekannt wurde. Elf steinerne Propheten, die Schriftrollen aus Speckstein in den Händen halten, erheben sich lebensgroß auf der Treppenummauerung vor dem Hauptportal der Wallfahrtskirche zum "Guten Jesus". In sechs Kapellen erinnern 64 Zederholzfiguren, die schon an den künstlerischen Geschmack des Rokoko anknüpfen, an diesen außergewöhnlichen Künstler, der sein Leben in bitterster Armut beschloss. Er fand seine letzte Ruhestätte in der städtischen Kirche Nossa Senhora da Conceiçao, die sein Vater errichtet hatte.

Durch Edelmetall reich geworden, setzte im vorigen Jahrhundert, als die Goldminen endgültig ausgebeutet waren, Ouro Pretos unaufhaltsamer Niedergang ein. Geldknappheit verhinderte, dass der Kern damals gründlich erneuert wurde.

Diese Unversehrtheit bildete die Grundlage für den Fremdenverkehr. Seit Intellektuelle das Barockjuwel in den 30er Jahren wieder entdeckt haben, wird Ouro Preto planmäßig restauriert. Auf der Suche nach dem puren Barock ging man so weit, Baudenkmäler im neoklassizistischen Stil und die wenigen Art-Déco-Elemente regelrecht aus dem Straßenbild zu tilgen. Wo immer sich im historischen Zentrum Häuserlücken befanden, füllte man sie mit barock nachempfundenen Gebäuden.

Ein ähnliches Schicksal wie Ouro Preto ereilte im vorigen Jahrhundert die Stadt Diamantina, die ihren Aufstieg Edelsteinen verdankte. Die inmitten der unwirtlichen, an manchen Stellen wie eine kahle Mondlandschaft wirkenden Serra dos Cristais liegende Kleinstadt hat bisher kaum Touristen angezogen. Ihren Namen verdankt die Stadt glänzenden Steinen, die man in der Nähe entdeckte und die sich bei genauer Prüfung als Diamanten erwiesen.

Im Gegensatz zu anderen Kolonialorten in Brasilien wurden beim Bau von Diamantina, dessen Bild seit dem 18. Jahrhundert unverändert blieb, nur für Gebäudefundamente behauene Steine verwendet. Die Fassaden der ein- bis zweistöckigen Gebäude bestehen einheitlich aus Adobe, wie die luftgetrockneten Lehmziegel genannt werden. Holz fand an Wohngebäuden wie an Kirchen nur für dekorative Zwecke Verwendung.

Haben die Erbauer von Ouro Preto Kirchen, darunter vor allem Nossa Senhora do Carmo, und Wohngebäude räumlich von einander getrennt, scheinen sie in Diamantina miteinander zu verschmelzen. Ähnlich wie die Häuser an stark abschüssigen Straßen angelegt und verziert, sind die Kirchen oftmals fester Teil der Casarios genannten, rechteckigen Häuserblocks, die das Erscheinungsbild der Stadt prägen. Diese Eigenart versinnbildlicht die engen Beziehungen zwischen Einwohnern und geistlicher Macht, die in dieser Stadt immer eine untergeordnete Rolle gespielt hat.

Diamantinas märchenhafter Reichtum, auf den nur ein Jahrhundert später ein tiefer Fall folgte, inspiriert noch heute Musiker, die abends zu ihren Instrumenten greifen. Ihre traurigen "Serestas" und "Vesperatas", die sie in den engen Lokalen der Altstadt anstimmen, sind als fester Bestandteil des Kulturerbes in ganz Brasilien sehr populär geworden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben