Zeitung Heute : Oxymoron

Avocadofächer und Steckrübenschnitzel

Elisabeth Binder

Oxymoron, Hackesche Höfe, Hof 1, Rosenthaler Str. 40/41, Mitte, Tel. 283 918 86, geöffnet täglich ab 11 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eine Mischung aus großbürgerlichem Wohnzimmer mit Patina, Kaffeehaus mit Flohmarktschick und schräger Lounge: Über das einzelne rote Lampenhütchen auf einem Kronleuchter voller Glühkerzen im Oxymoron könnte man wahrscheinlich eine ganze Berlin-Legende zusammenspinnen, die durch den riesigen Rosenstrauß auf der Bar eine romantisch mysteriöse Note bekäme. Obwohl wir reserviert haben, werden wir nicht an einem der vorbereiteten Esstische plaziert, sondern in der Ecke an einem runden Tisch mit hellen, glatt gepolsterten Sesseln. Der wird dann allerdings auch mit weißem Stoff gedeckt und ist sogar besonders gemütlich, wenn man die heftigen Beziehungsgespräche am Nachbartisch mal ausblendet. Es gibt große, fruchtige und sogar alkoholfreie Cocktails wie den „Sportsman“ aus Bananen-, Zitronen- und Orangensaft (5,50 Euro), aber auch ganz günstigen Prosecco, kühl und trocken (3,40 Euro). Eine nette Kellnerin trägt einen leicht verrucht wirkenden, lang gemalten dicken schwarzen Strich auf dem nackten Arm. Insgesamt ist der Service von einer angenehm professionellen Gelassenheit, unaufdringlich, aber präsent.

Der Endiviensalat ist höchst pittoresk mit Belugalinsen durchsetzt. Die Kaviarassoziation, die das hervorruft, ist gewiss gewollt. Vielleicht badet er etwas zu ausgiebig in der gelungenen, gleichzeitig eigenwilligen und gefallsüchtigen Safran-Sesamvinaigrette. Auf all dem thronen zwei gebratene Rotbarbenfilets, lauwarm, frisch und zart, die gut harmonieren mit den Artischocken ringsum (neun Euro). Die Salatsauce fand der Koch offenbar ebenfalls so gut, dass er sie in zum Verwechseln ähnlicher Rezeptur auch dem Avocadofächer auf einem anderen Vorgericht gegönnt hat. An das Ananaschutney im Radicchioblatt passte sie sich ebenfalls ganz gut an. Dazu gab’s gehäutete Tomatenfilets (acht Euro).

Ein Rotwein-Risotto ist mit den karamelisierten Chicoreeblättern und duftenden Kräutern auch ohne das mögliche Schwarzfederhuhn mit Olivenpesto ein Erlebnis, körnig bissfest auf den Punkt gebracht, weder zu säuerlich noch zu weinig, wenngleich die intensive Rotkohlfarbe eine entsprechende Sorge zunächst aufkeimen ließ (8,50 Euro).

Der Hit war das superzarte, innen eher rote als rosige Filet vom argentinischen Angusrind an wunderbar grün-weißem Mangold-Kartoffelpüree, über das malerisch lauter Steckrübenschnitzel gestreut waren. Ergänzt wurde das durch Pfefferbutter mit reichlich grünen Körnern. Daraus ergab sich geradezu eine Wohlfühlmassage für den Gaumen. Der Koch versteht sich darauf, Geschmacksnerven auf viele verschiedene Weisen zu kitzeln (17 Euro). Aus der ganz gut sortierten und preisbewussten Weinkarte hatten wir uns einen Goldriesling vom sächsischen Schloss Proschwitz Prinz zur Lippe aus Meißen ausgesucht, Jahrgang 2002. Wurde ein bisschen zu warm serviert, war aber rein und trocken (24 Euro).

Sehr sanft in der Konsistenz, vielleicht etwas zu zurückhaltend im Geschmack gab sich die Mango-Joghurt-Mousse mit einer Kokos-Limettensauce und verschiedenen bunten Beeren (5 Euro). Das Parfait vom grünen Tee hatte die Gestalt von zwei kleinen Tortenstückchen, sah sehr grün aus und besaß ansonsten keinen besonders intensiven Geschmack nach irgendwas, vielleicht weil die Farbe unfreiwillig Pfefferminzassoziationen weckte, die natürlich nicht ansatzweise eingelöst wurden. Sehr intensiv war dafür die dunkle Schokoladensauce mit Pistazienstücken (fünf Euro).

Jetzt beginnt die Saison, wo man wieder draußen sitzen kann und die ebenfalls angebotenen Kleinigkeiten wie Gemüsequiche oder Pecorino mit Feigensenf (jeweils 4 Euro) ihrer Hochsaison entgegenfiebern. Auf der Rechnung erscheint übrigens nur in Englisch und Französisch der Hinweis, dass Trinkgeld im Rechnungsbetrag nicht enthalten ist. Die hier zu Lande üblichen zehn Prozent scheinen der Reaktion nach zu urteilen in den Augen der Servicekräfte eher eine untere Grenze zu markieren. Trotzdem: Wer den reichlich vorhandenen Touristen Gesellschaft leistet, wird mit einer kulinarischen Leistung belohnt, die der Stadt mit ihrer Originalität Ehre machen will.

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