Zeitung Heute : Ozon zersetzt Abfälle von Arzneien Blondierungsmittel sorgt für saubere Badegewässer

Roland Knauer

Martin Jekel und seine Kollegen können die Sorgen des Dessauer Umweltbundesamtes (UBA) mindern. Die TU-Forscher haben nämlich festgestellt, dass Ozon die Sexualhormone der Anti-Baby-Pille zerstört, die ins Abwasser gelangen. Und dabei handelt es sich um keine kleine Menge. Vielmehr schlucken deutsche Frauen jedes Jahr rund fünfzig Kilogramm des Wirkstoffes EE2 in Pillenform, wie die UBA-Experten bereits 2002 ausgerechnet haben.

Der größte Teil dieser Menge wird unzersetzt über den Urin ausgeschieden. Auch Kanalisation und Klärwerk können EE2 wenig anhaben. In jedem Liter Oberflächenwasser in Deutschland könnten daher rein theoretisch rund zwei Milliardstel Gramm (Nanogramm) des Verhütungsmittels schwimmen. Tatsächlich finden sich im Ablaufwasser von Kläranlagen bis zu zehn Nanogramm EE2.

Die Regenbogenforelle leidet aber schon bei Konzentrationen von einem halben Nanogramm EE2 pro Liter Wasser, denn der Fisch bekommt weniger Nachkommen.

„Wir sehen bei den Arzneimitteln in der Umwelt mögliche Probleme der Zukunft“, sagt UBA-Präsident Andreas Troge sorgenvoll. Schließlich finden UBA-Wissenschaftler im Wasser auch nach der Reinigung in der Kläranlage noch einen bunten Medikamenten-Cocktail, von Mitteln gegen Entzündungen und Epilepsie bis hin zu Senkern von Blutfetten, die Herzinfarkten vorbeugen sollen. Anhand der Überreste bestimmter Medikamente konnten die Forscher auch beobachten, dass die Berliner im Winter erheblich mehr Hustenmittel nehmen als im Sommer.

Bei einem Hustenmittel mögen sich die Probleme in Grenzen halten, schwieriger wird es schon mit Entzündungshemmern wie Ibuprofen und Diclophenac (Voltaren). Diese Substanzen stecken in rezeptfreien Salben gegen Zerrungen und andere Sportverletzungen. Spätestens beim Duschen wird ein Teil des Wirkstoffes in die Kanalisation geschwemmt.

Genau an diesem Punkt setzt ein Pilotox genanntes Projekt an, das TU-Wasserexperte Martin Jekel gemeinsam mit anderen TU-Forschern, den Berliner Wasserbetrieben, der Firma Wedeco und dem Umweltbundesamt durchführt. Im Klärwerk Ruhleben installierten die Forscher eine Pilotanlage, in der das bereits geklärte Wasser mit Ozon oder Wasserstoffperoxid behandelt wird. Diese Stoffe werden unter anderem zur Reinigung von Trinkwasser, aber auch zum Blondieren von Haaren eingesetzt.

Schon relativ geringe Mengen Ozon lassen Sexualhormone wie EE2, die Schmerzmittel Diclophenac und Phenazon (früherer Handelsname: SpaltN), das Epilepsiemittel Carbamazepin und den Blutfettsenker Clofibrinsäure aus dem Wasser verschwinden. Ein wenig mehr Ozon tötet auch diverse Bakterien, die nach der Klärung noch im Wasser schwimmen. Wegen solcher Keime kann das Klärwerk Ruhleben im Sommer seine gesäuberten Abwässer nicht in die Spree leiten. Das verbietet auch die EU-Richtlinie zur Reinhaltung von Badegewässern. Statt dessen pumpt man in der warmen Jahreszeit das Abwasser eben über eine Leitung etliche Kilometer weit bis zum Teltower Kanal.

Das Geld für dieses Pumpen und die Unterhaltung der Leitung könnte man sich sparen, wenn das geklärte Abwasser mit Ozon oder Wasserstoffperoxid behandelt würde. Diese Methode ist obendrein relativ preiswert, wie die Forscher ausgerechnet haben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!