Zeitung Heute : Pacemaker in einer wortkargen Branche

Regina-C. Henkel

Biotechunternehmen haben ein Problem. Der Öffentlichkeit mitzuteilen, was genau da eigentlich in den Labors erforscht und entwickelt wird, fällt den Geschäftsführern überwiegend schwer. Vor allem Unternehmensgründer haben es nur selten gelernt, die oft schwierige biotechnologische Materie in verständliches Deutsch zu übersetzen. Sie verstehen sich zu allererst als Biotech-Spezialisten. Um ihrer Forscherberufung unabhängig von den Vorgaben eines übergeordneten Chefs nachgehen zu können, haben sie sich selbstständig gemacht. Am Kaufmännischen - und damit auch am Marketing - besteht eher geringfügiges Interesse.

Die Folgen dieser Haltung können fatal sein. Öffentlichkeitsarbeit und PR sind wichtiger, als viele Naturwissenschaftler glauben: Dass 44 Prozent der Deutschen die Möglichkeiten der Gen- und Biotechnologie mit Sorge betrachten, wie Allensbach zur Jahreswende ermittelt hat, geht nach Überzeugung von Andreas Erber, PR-Berater bei der Düsseldorfer Kommunikationsagentur F & H, zu einem großen Teil auf die unprofessionellen PR-Aktivitäten der Biotech-Unternehmen zurück. Erber meint: "Begriffe wie molekulare Antikörper oder Proteomen-Forschung in verständliche Worte zu fassen, ist für jeden Vorstand oder Pressesprecher eine echte Herausforderung".

Das Management des Adlershofer Startups Scienion AG bildet die seltene Ausnahme in der überwiegend wortkargen Branche. Das Gründerteam hat es nicht nur bereits im ersten Jahr der Unternehmensexistenz geschafft, seine Technologie-Ideen in Produkte umzusetzen. Das Startup-Management investiert seit einigen Monaten viel Geld (ihres Investorenkonsortiums aus 3i, Peppermint Financial Partners und IBB Beteiligungsgesellschaft mbH) - und noch mehr Zeit in Vertrieb und Marketing: Ihre Kunden - das sind hauptsächlich Pharmafirmen, universitäre Forschungseinrichtungen und Biotechunternehmen - beispielsweise wurden zuletzt Ende April auf der europäischen Biotech-Leitmesse "Analytica" in München ausführlich über die neueste Biochip-Generation von Scienion informiert. Sie enthalten die für Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen relevanten Gene und die klinischen Forschungseinrichtungen verwenden sie als Werkzeuge und Diagnostiktools.

Aber auch die breite Öffentlichkeit erfährt, was in der Scienion AG seit April vergangenen Jahres am Berliner Wissenschaftsstandort Adlershof geschehen ist und was sie sich unter der Produktion von "DNA- und Protein-Biochips" vorstellen soll. Der 36-jährige Vorstandsvorsitzende Holger Eickhoff (promovierter Chemiker), die 37-jährige Finanzchefin Heike Feldkord (promovierte Ökonomin), der für die Geschftsentwicklung zuständige Sebastian Delbrück (promovierter Biologe) und Technologie-Chef Martin Horn (Ingenieur für technische Informatik) beherrschen die Kunst der Selbstdarstellung. Am 1. Mai beispielsweise flimmerten fast eine Stunde lang Kamerabilder über das junge Berliner Biotechnologie-Unternehmen in die Wohnzimmer der Nation. Der SFB zeigte im Detail, was in den derzeit acht - auf 700 Quadratmeter verteilten - Forschungslabors passiert und berichtete auch über die Probleme des jungen Startups.

Auch wenn Journalisten von Printmedien in Adlershof vorbeischauen, bleibt keine Frage unbeantwortet. Insbesondere Technologie-Chef Horn erklärt mit Spaß und Engelsgeduld die komplexesten naturwissenschaftlichen Zusammenhänge. Auf der Visitenkarte des 34-Jährigen steht zwar "Vice President Technology". Das ist für ihn jedoch eher eine Funktionsbezeichnung als ein Titel, der etwas über seinen Status in der Unternehmenshierarchie aussagen soll. Horn: "Ich bin Technikchef und werde Vice President Technology genannt, weil sich das internationaler anhört."

Wie die drei anderen Firmengründer auch hat Horn einen ganz normalen Angestelltenvertrag. Wirklich reich werden kann er nur über seine Mitarbeiteraktien, wenn Scienion tatsächlich in drei Jahren die ersten schwarzen Zahlen schreibt und möglicherweise an die Börse geht. Die Chancen, dass die Scienion AG Erfolgsgeschichte schreibt, stehen nach Überzeugung von CEO Holger Eickhoff gut. Er meint: "Biotechnologie wird in spätestens zehn Jahren das tägliche Leben von uns mehr beeinflussen als alle anderen Technologien - inklusive der IT."

Das sieht nicht nur Eickhoff so. Nach Berechnungen der Deutschen Bank soll bis zum Jahr 2010 in der Bundesrepublik der Biotech-Umsatz von derzeit 500 Millionen Euro auf drei Milliarden Euro hochschnellen. Von solchen Zahlen beflügelt, hat sich das Startup vorgenommen, innerhalb der kommenden fünf Jahre zehn Pozent des Weltmarktanteils bei biochipbasierten Produkten und Dienstleistungen zu erobern. Der eigene Vertrieb und eine Supportabteilung mit Hotline für die Kunden sollen dies vorantreiben.

Als größten Trumpf sieht Unternehmensgründer Horn seine berufliche Herkunft. Den Informatikingenieur verschlug es 1995 als Entwicklungsingenieur für biologische Roboter ans Max-Planck-Institut (MPI) für Molekulare Genetik. Die dort angesiedelte Abteilung von Professor Hans Lehrach, der das "Deutsche Human Genom Projekt" ins Leben gerufen hat, gilt als "Center for Excellence" der Genomanalyse.

Die Arbeit am MPI wurde für Horn sehr schnell mehr als ein Job zum Geld verdienen. Die Biologietechnologie begeisterte ihn. Außerdem lernte er 1997 den promovierten Chemiker Eickhoff kennen, der ebenfalls am MPI arbeitete. Es entstand die gemeinsame Idee einer Ausgründung - für die Professor Lehrach seine Unterstützung zusagte.

Ingenieur Horn setzte fortan alles auf die nicht gerade ingenieurtypische Branche und arbeitete er sich in die betriebswirtschaftlichen Finessen des Businessplan-Schreibens ebenso ein wie in die Kunst der Finanzakquise ein. Horn rückblickend: "Das Vorsprechen bei den Venture Capital-Gesellschaften war eine richtige Lauferei, fast Fließbandarbeit. Es war für uns nicht leicht davon zu überzeugen, dass unsere Idee Geld einbringt".

Kein Wunder, die goldenen Zeiten für Startups waren bereits vorbei - das Geld der Investoren saß nicht mehr so locker wie noch ein Jahr zuvor. Das Gründerteam brauchte ein drei viertel Jahr, bis die Finanzierung von 16 Millionen Mark stand. Im März 2001 nahm die Scienion AG endlich das operative Geschäft auf. Seit dieser Zeit kann sich Horn wieder um seine wahre Leidenschaft kümmern, das Engineering. Sein Job: Aufbau und Weiterentwicklung der Hardware, die für die Biochip-Produktion notwendig ist: Roboter für berührungsloses Liquid-Handling.

Der Biochip von Scienion hat nämlich keine Ähnlichkeit mit einem neuronalen Computerchip, sondern ist ein eigenproduzierter, oberflächenbehandelter Glas-Objektträger, der Moleküle in biologisch aktivem Zustand an sich bindet. Als winzige Tröpfchen können Tausende DNA, Proteine und Wirkstoffkandidaten gleichzeitig untersucht werden. Wie viel Ingenieur-Know-how für die Entwicklung der dazu erforderlichen Hightech-Roboter notwendig ist, lässt sich durch die "Größe" der wässrigen Tröpfchen erahnen, in denen die DNA-Moleküle gelöst sind: Ihr Volumen beträgt ein millionstel Liter.

Die Sprache der Biotechnologie beherrscht Martin Horn inzwischen perfekt. Und er weiß, dass von der Präzision, mit der die von ihm entwickelten Roboter "wandminimierte Reaktionsgefäße" auf Objektträger mit "hydrophober Oberfläche und hydrophilen Ankerpunkten" aufbringen, nicht nur die weitere Entwicklung des jungen Startup-Unternehmens und der derzeit 35 Mitarbeiter abhängt, sondern auch die Hoffnung von vielen Menschen. Scienion will mit seiner Arbeit dazu beitragen, dass Volkskrankheiten wie Rheuma, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schneller diagnostiziert und effizienter therapiert werden können.

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