Zeitung Heute : Pack nicht so viel ein!

Von Esther Kogelboom

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Vergangene Woche war Valentinstag. Jetzt mal nur so als Fakt. Ich renne also zu meinem Briefkasten, um mir einen Überblick über die Liebesbriefsituation zu verschaffen – zwei Treppenstufen auf einmal habe ich genommen. Dann fiel mir auf: An meinem Briefkasten stand ja gar nicht mein Name. Betrübt schlich ich wieder nach oben und wollte mir einen Kaffee machen. Aber es war auch noch keine Kaffeemaschine da. Die einzigen Gegenstände, die sich in meiner Wohnung aufhielten, waren ein Föhn, eine Luftmatratze, die man nur mit einem Föhn aufblasen kann, und mein geliebter roter Samsonite-Koffer.

Ich war gerade erst eingezogen, erinnerte ich mich.

Da ich lange aus dem Koffer lebte, habe ich völlig vergessen, dass man eine Wohnung auch einrichten muss. Doch Regale an die Wand schrauben? Lieber nicht, dann muss man beim Auszug die Löcher zuspachteln. Bilder an die Wand nageln? Warum, wenn man sie im Mobiltelefon mit sich herumtragen kann? Es ist wichtig, mit leichtem Gepäck durchs Leben zu reisen.

Meine neuen Nachbarinnen sind herzensgute, ältere Damen: Oma S. und Oma L. Sie leben schon fast immer hier, und sie werden auch in näherer Zukunft nicht ausziehen. In meinem neuen Haus, erfuhr ich, ist es üblich, dass die Mieter alle zwei Wochen die Treppe putzen. Dafür bekommt man am Ende des Kalenderjahres einen kleinen Teil der Nebenkosten zurück. Gern gesehen werde es auch, wenn man sich in alter sozialistischer Tradition an der Pflanzenpflege im Hof beteiligt. Das sind jetzt zwar eher langfristige Projekte, aber ich bin dabei.

Zurück zum Valentinstag. Ich frage mich, was der frühere österreichische Finanzminister Grasser wohl von seiner Fiona bekommen hat. Ein Glitzerschweinchen von Swarovski? Schauen Sie sich die aktuelle „Vanity Fair“ an. Darin sagt Grasser, er sei ein Lebemann. Die Fotos dazu zeigen ihn in einem schneeweißen Strampler. Und das in Zeiten des Turbokapitalismus.

Ich glaube, für so Leute wie Grasser und Fiona ist der Valentinstag erfunden worden. Man braucht einfach ein ausgeprägtes Talent zum Schleimen. Oder von mir aus auch nur ein schlechtes Gewissen. Das alles sage ich nur, weil ich nichts bekommen habe und deshalb ernstlich beleidigt bin. Bigott, gell?

Zurück zur Wohnung. Letzte Nacht ist auf mysteriöse Weise die Luft aus meiner Luftmatratze entwichen. Ich war so müde, dass ich mich einfach auf den Teppich gerollt habe. Es ist ein gutes Gefühl, dass man im Notfall auch auf dem Teppich schlafen kann. Linoleum ist auch nicht viel härter als ein Futon. Auf dem Boden gibt es sicher auch nicht diese kleinen Tiere, wie sie manchmal Verbrauchermagazine in hunderttausendfacher Vergrößerung zeigen. Insekten, die im Rückenmark Nester bauen. Es hat seine Vorteile.

Manchmal würde ich trotzdem gerne mit Grasser tauschen. Ich hätte gerne, dass er vor den Augen von Oma S. und Oma L. die Treppe im Hausflur putzt. Ich würde auch gerne ein glitzerndes SwarovskiSchweinchen und einen schneeweißen Strampler haben. Warum geht aus Grassers Luftmatratze nie die Luft raus?

Viele Frauen wünschen sich einen Lebemann als Partner. Einen gewachsten Bademantelträger mit Dauerkarte für die Operette.

Mir reicht schon mein roter Samsonite-Koffer. Zum Valentinstag habe ich ihm versprochen, ihn nie wieder mit mehr als 20 Kilo zu belasten. Ich habe ihm ein Milky Way hingelegt. Heute morgen war es weg.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt dauernd gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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