Pädagogik : Der Spielmacher

Was macht einen guten Spielplatz aus? Zum Beispiel, dass ein eigenes Gerät für das Alphatier da ist – das dominanteste Kind. Und sonst? Günter Beltzig, einer der bekanntesten Spielplatzdesigner der Welt, sagt: Einen guten Spielplatz zu bauen heißt, gerade keinen Spielplatz zu bauen

Verena Mayer
Günter Beltzig
Das ewige Kind. Günter Beltzig, 66, Spielplatzbauer, auf Entdeckungstour in Berlin. 1488 öffentliche Spielplätze gibt es hier.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Günter Beltzig, 66 Jahre alt, steuert sofort auf den Abenteuerspielplatz und dort auf das Klettergerüst zu. Er springt auf eine Seilbrücke, hangelt sich daran entlang und durchmisst eine schiefe Ebene in drei Schritten, ohne sich festzuhalten. Dann hüpft er aus eineinhalb Metern in die Tiefe und sagt: „Ganz okay hier.“

Günter Beltzig entwirft Spielplätze. Aber was heißt hier Spielplätze … Beltzig hat Röhrensysteme gebaut, die aussehen wie auf einem Bild von M. C. Escher. Er hat ein Ruinenfeld in eine Landschaft gestellt oder eine Schotteraufbereitungsanlage in einen Park. Er ist einer der Großen in einer sehr kleinen Kaste. 400 Spielplätze hat er selber entworfen, an weit über 3000 hat er als Berater mitgewirkt. Er arbeitet in großen Städten und für kleine soziale Einrichtungen, seine Spielplätze findet man in New York und London, in Dortmund oder Pforzheim.

Eigentlich arbeitet er in Bayern, im eigenen Designbüro, aber an diesem Tag ist er in Berlin im Volkspark Hasenheide unterwegs, mal sehen, was die Konkurrenz so macht. Beltzig trägt Wanderschuhe und eine Regenjacke, der Wind zerzaust das kurze Haar. Um die Schulter hat er einen riesigen Metallkoffer geschnallt, ein Gartenschlauch macht den Henkel, Beltzig wirkt wie der Teilnehmer einer Expedition. Er rüttelt an einer Holzpalme und befühlt die geschnitzte Bauchtänzerin, die Anlage heißt „Tausend und eine Nacht“. Es ist eine der aufwendigen, mit großen Gerüsten, Schiff und viel Drumherum; so etwas kann schon mal eine halbe Million Euro kosten. Der Spielplatz gefällt Beltzig, auch wenn er Schwachstellen habe. Der Mast des Holzschiffs zum Beispiel. Kein Ausguck. Ohne Ausguck sei der ganze Mast sinnlos. Kinder wollen ein Ziel, wenn sie sich wo hinaufquälen.

Oder die Rutschen. Rutschen dienten einer „Monotätigkeit“ und würden daher gerne zweckentfremdet, Beltzig zeigt auch gleich, wie. Er steigt auf die Rutschfläche und kraxelt nach oben. „Architekten würden jetzt sagen, da haben wir so einen schönen Spielplatz gebaut, und die Kinder machen alles kaputt. Dann ist klar, dass der Spielplatz eine Fehlkonstruktion ist.“ Günter Beltzig weiß, wovon er spricht. Er hat in seinem Leben so viel Zeit auf Spielplätzen verbracht und den Kindern zugeguckt, dass besorgte Eltern schon mal die Polizei gerufen haben.

Arena des Sozialverhaltens

Ein Spielplatz ist ein Mikrokosmos, eine Arena des Sozialverhaltens. In der Mitte geraten die Kinder aneinander, am Rand die Eltern. Über die hat Tanja Stelzer in ihrer Tagesspiegel-Mutter-Kolumne mal geschrieben: „Einmal sind da die Pädagogischen, die sich immer in den Sand setzen und mitspielen. Daneben gibt es die Besorgten, stets zehn Zentimeter hinter ihrem Kind unterwegs. Die Entspannten sonnen sich, während ihr Kind von den Pädagogischen in ein Spiel einbezogen oder von den Besorgten gerettet wird. Und dann gibt es noch die Freiberuflichen, die ihr Kind auf der Wippe festhalten, während sie mit hinters Ohr geklemmtem Handy zu ihrem Auftraggeber sagen: ,Ja, ich schicke Ihnen dann gleich heute Abend das Exposé! Ich habe nur gerade noch einen Termin.‘“

Nur Väter sieht man in dieser Welt selten, aber das ist eine andere Geschichte.

Wer einen Spielplatz bauen will, sagt Günter Beltzig, müsse sich jedenfalls für Soziologie interessieren. Und wissen, dass es etwa einen Platz für das Alphatier braucht, ein Spielgerät, an dem sich das dominanteste Kind abarbeiten kann wie ein hyperaktiver Chef, ohne die anderen zu behelligen. Gut seien Anlagen, die alle Ausprägungen von Stärke und Schwäche zuließen. Günter Beltzig deutet auf ein Netz aus roten Seilen. Ein sogenanntes Orion-Raumnetz, eine Erfindung der frühen Siebziger. Die Angstfreien gehen in die Mitte, wo es am meisten vibriert. Die Schüchternen müssen nicht das Gesicht verlieren, sie wippen einfach am Rand mit. Das Orion-Netz ist die Antwort der Pädagogik auf das Zehnmeterbrett und die ewige Frage der Kindheit: Vor oder zurück? Mut oder Demütigung?

Am besten sei ein Spielplatz, bei dem nicht alles festgelegt sei, sagt Beltzig. Also alles ohne Dekoration oder bunte Figuren, Kinder würden in den Dingen sowieso etwas anderes sehen. Beltzig erzählt, wie er einmal mit einem englischen Geschäftspartner und dessen Kindern im Wald war. Die Kinder spielten auf einem herumliegenden Baumstamm. Wahrscheinlich stellen sie sich vor, sie sind Waldgeister, dachte Beltzig, was sollten sie auf einem Baumstamm sonst schon spielen? Als er fragte, erhielt er die Antwort: „Wir spielen deutsches U-Boot.“

Ein altes Auto ist am interessantesten

Beltzig selbst entwirft Spielplätze, die offen sind für Deutungen. Verschachtelte Gerüste, Landschaften aus Felsen und Erde oder künstliche Teiche, auf denen Plattformen aus Holz schwimmen. „Wenn es nach den Kindern ginge, würde ich einfach ein altes Auto hinstellen, das ist am Interessantesten“, sagt Günter Beltzig. Doch seine Vorgaben sind die DIN-Normen, und die legen fest, wie hoch und wie schwer ein Spielgerät sein darf oder welcher Boden daruntergehört. „Das sind Kräfte, die ich einbeziehen muss wie die Fliehkraft.“ Einer seiner besten Entwürfe, findet er, sei die schräg gestellte Schraube, die man mit den Beinen antreiben muss. „Bauen kann jeder eine, aber ich habe sie durch den Tüv gekriegt.“

Günter Beltzig redet viel und gerne über sich und seine Arbeit. Um zu demonstrieren, wie Kinder die Welt sehen, geht er schon mal in die Hocke und hüpft herum. Im Schlepptau hat er seine Tochter, die als Fotografin in Berlin arbeitet. Sie steht die meiste Zeit still neben dem ganz in seine Welt versunkenen Beltzig, hält seine Tasche, wenn er wieder irgendwo hochklettert – wer hier das Kind ist und wer der Erwachsene, ist nicht ganz klar.

Zum Spielplatzdesign kam Beltzig über Umwege. Er ist in Wuppertal inmitten der Kriegstrümmer aufgewachsen, beim Spielen hat er Waffen und Knochen gefunden. Er war Linkshänder und Legastheniker und hat sich oft als Verlierer gefühlt, ein Übriges tat sein Vater, der gerne sagte, der Junge ist sicher im Krankenhaus vertauscht worden. „Kindheit ist nichts Liebliches“, sagt der Spielplatzbauer. „Das entsteht erst in der Erinnerung.“

Beltzig machte eine Maschinenschlosserlehre, studierte Industriedesign und fing bei Siemens in der Designabteilung an. Dann kam 1968, und Beltzig wollte, wie so viele, die Welt verändern. Weil er irgendwo anfangen musste, baute er Möbel für Kinder. Er experimentierte mit Kunststoff, weil damals alle mit Kunststoff arbeiteten. Er war der erste, der eine Rutsche mit Treppe aus einem einzigen Stück baute. Er entwarf einen bauchigen Plastikstuhl namens Floris, der ein Klassiker wurde und auf Auktionen heute für 10 000 Euro verkauft wird. Dann ging es bergab, Kunststoff war out, die Revolution sowieso, Beltzig musste seine Designfirma dichtmachen. Er begann, als Berater für Spielgerätehersteller zu arbeiten. Es ist eine Karriere daraus geworden.

Die ersten Spielplätze richtete ein gewisser Doktor Schreber ein

Beltzig zieht dicke Mappen aus seinem Metallkoffer, zeigt Fotos, skizziert. Inzwischen hat er sich in Fahrt geredet – das Thema Kinder bringt seit jeher Missionare hervor. Und Spielplätze sind gute Einsatzgebiete für Missionare. Zur Zeit von Turnvater Jahn aufgekommen, waren sie kein Ort, an dem man Spaß haben sollte. Es ging um körperliche Ertüchtigung unter freiem Himmel. Eine sehr deutsche Angelegenheit, wie der Kindergarten. Die ersten Spielplätze richtete ein gewisser Doktor Schreber ein, Patron der gleichnamigen Gärten. Seitdem hat der Spielplatz einige erzieherische und ästhetische Moden mitgemacht, Metallkonstruktionen, Betonteile, Holzspielzeug, Autoreifen. In Berlin gibt es nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 1844 öffentliche Kinderspielplätze oder 0,6 Quadratmeter Spielfläche pro Berliner. Das ist allerdings zu wenig. Das Spielplatzgesetz sieht einen Quadratmeter pro Einwohner vor.

Derzeit ist Kunsthandwerk en vogue, die Arbeiten von Holzbildhauern. Günter Beltzigs Blick schweift über die Welt von „Tausend und eine Nacht“, über Krokodile und Kletterstangen, Wippen und Wackeltiere. Eigentlich seien Spielplätze ja „eine Perversität“, sagt Beltzig, „eine Prothese für eine verkrüppelte Kinderfreundlichkeit. Wenn Kinder mit allem spielen könnten, bräuchte man sie nicht.“ Einmal hat er für einen seiner Spielplätze lediglich eine freie Fläche genommen, mitten im Leben, geeignet für Spiele aller Art. Ein Ort für Erwachsene genauso wie für Kinder. Niemand kam. „Dann habe ich eine Rutsche und eine Bank dazugestellt, und die Mütter strömten herbei. Das war wie ein Plakat: Hier sind Kinder.“ Es ist schon kurios: Es gibt immer weniger Kinder in Deutschland, und die, die es gibt, sieht man kaum, weil sie wie Preziosen vom Alltag ferngehalten werden, in Kinderabteilen, Kinderwelten, Kinderparadiesen.

Günter Beltzig hasst diese künstlichen Räume, die er gerne „Ghettos für Kinder“ nennt und die mit ihren „kanalisierten Erfahrungen“ für ihn die Wurzel allen Übels sind. „Spiel ist der erste Schritt, mit der Welt umzugehen. Ideal ist, wenn ich lerne, mich innerhalb meiner Umwelt mit meinem Körper zurechtzufinden.“ Einen guten Spielplatz zu bauen heißt daher, gerade keinen Spielplatz zu bauen. Beltzig setzt in seiner Arbeit auf die alltäglichsten Dinge. Er verwendet Wasser, Kies oder Erde oder konstruiert eine Feuerstelle. Einem kleinen Ort hat er schließlich vorgeschlagen, am Wochenende den Jugendlichen einfach den Aldi-Parkplatz zum Fußballspielen zu überlassen. Der beste Spielplatz ist schließlich der, dem man es am wenigsten ansieht: das Leben selbst.

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