Zeitung Heute : Pässe, Passagen

Viele schaffen es nach Zypern, noch mehr kommen nur bis Beirut – die Not, ein Kriegsgebiet zu verlassen

Alfred Hackensberger[Beirut] Gerd Höhler

Sie sitzt in Beiruts Goethe-Institut, eine Großmutter mit ihren beiden Enkelkindern, die reglos auf einer Matratze vor ihr liegen. Sie hören, wie draußen gerade zwei israelische Kampfjets über die Stadt jagen und krachend die Schallmauer durchbrechen. Wenig später explodiert irgendwo etwas, drei schwere Explosionen.

Sie sitzen im Empfangsgebäude des Hafens Larnaka auf Zypern, eine vierköpfige Familie, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, der Vater schwitzt trotzdem. Einer der Söhne sieht sich auf dem Camcorder wieder und wieder die Bilder ihrer Flucht an: Kampfhubschrauber fliegen durchs Bild, Rauchwolken steigen auf dem kleinen Display auf. Hier, im sicheren Hafen von Larnaka, ist der Krieg schon fast wieder nur ein Videospiel. Und vielleicht ist es hier auch tatsächlich leichter, eine Flüchtlingsfamilie zu sein, auf dem Weg nach Berlin oder wenigstens mit der Hoffnung, dort bald anzukommen, als bei der Großmutter und den beiden Mädchen im Beiruter Goethe-Institut.

Die drei, Großmutter Samia Toufeili, 59, und Samanta Sabrina und Samia Aya, fünf und acht, warten in einem Klassenzimmer, es ist das mit der Nummer 5. Wie jedes Jahr waren die beiden Mädchen Anfang Juli aus Berlin zur Großmutter gekommen und sollten bis zum September bleiben. Nach 20 Tagen war Schluss mit der Familienidylle.

Der Beginn des Krieges überraschte Oma und Enkelkinder in Nabatiye, einer kleinen Stadt im Südlibanon, die von den Israelis noch immer bombardiert wird. Nabatiye ist eine Bastion der Amal- und Hisbollah-Milizen. Samia Toufeili und die beiden Mädchen wurden dort zuerst in einer französischen Schule untergebracht und danach von der französischen Botschaft nach Beirut geschafft. Jetzt liegen Samanta und Samia hier, auf der großen Schaumstoffmatratze im Goethe-Institut. Auf Fragen reagieren sie nicht, starren einen mit ihren großen blauen Augen nur reglos an. „Ich will die beiden so schnell wie möglich zu ihren Eltern nach Berlin bringen“, sagt die Großmutter. „Aber noch habe ich kein Visum.“

Während die anderen Flüchtlinge nach ein, zwei Tagen abreisen, sind die drei aus Nabatiye bereits seit drei Tagen hier. „Da wird es sicherlich bald eine Lösung geben“, sagt Rolf Stehle, der Leiter des Goethe-Instituts. „Ich werde mit der Botschaft gleich noch einmal telefonieren“. Samia Toufeili, die besorgte Großmutter, sieht wenig zuversichtlich aus.

800 000 Menschen sind seit derzeit auf der Flucht. „Etwa 120 000 davon sind in Schulen und Hilfszentren untergebracht“, sagt die libanesische Sozialministerin Nayla Moauwad. „70 000 davon alleine in Beirut. Über den großen Rest wissen wir nicht, wo sie gelandet sind. Viele der Flüchtlinge sind durch die Bombardierungen schwer traumatisiert.“ Kinder sprechen nicht mehr, sind apathisch, sagt die Ministerin. Die psychologischen Abteilungen der Beiruter Universitäten wurden nun gebeten, Flüchtlinge, insbesondere Kinder, zu betreuen. Zelte sind aus der Schweiz unterwegs. Die Lastwagen stehen an der syrischen Grenze und können nicht weiterfahren. Gerade Lastwagen sind ein bevorzugtes Ziel der israelischen Luftwaffe. Auf der Strecke durchs Bekaa-Tal nach Beirut stehen unzählige ausgebrannte Autos, Lkws, Minibusse.

Adel Ghonim, dem Familienvater im Hafenempfangsgebäude von Larnaka, treten wieder Schweißperlen auf die Stirn. Er erzählt gerade die Geschichte seiner Flucht. Am 11. Juli war der Palästinenser, der seit 20 Jahren in Berlin lebt, mit seiner Frau Halima und seinen Söhnen Bilal, 15, und Bassim, 13, im Libanon angekommen. In der Nähe der Hafenstadt Tyrus wollten sie in einem Palästinenserlager Verwandte besuchen und später in ihr Ferienhaus nach Baalbek weiterfahren. Sechs Urlaubswochen sollten es werden, wie jeden Sommer, sagt Ghonim.

Doch dann, am Tag nach der Ankunft, begann das Bombardement der Israelis. „Wir saßen in der Falle“, sagt der 46-jährige Elektroschweißer. Zwölf Tage hielt die Familie in dem Lager aus, während ringsherum Bomben fielen und Raketen einschlugen. „Die Palästinenser haben uns zwar gesagt, wir seien sicher, solange wir das Lager nicht verlassen, aber wir bekamen immer mehr Angst“, sagt Ghonim. Strom habe es keinen mehr gegeben. Am Dienstagmorgen hörte er in seinem kleinen, batteriebetriebenen Radio, dass in Tyrus ein Schiff anlegen werde, um Ausländer aufzunehmen. „Ich dachte: Das ist unsere letzte Chance“, sagt Ghonim. „Ein Verwandter setzte uns in sein Auto, dann rasten wir kreuz und quer über Feldwege und Schotterstraßen nach Tyrus. Über uns sahen wir die israelischen Hubschrauber. Am Hafen standen Männer mit einer deutschen Flagge. Sie sahen sich unsere Pässe an und ließen uns an Bord.“

Es war die „Princesa Marissa“, ein vom Auswärtigen Amt gemietetes Kreuzfahrtschiff, das Adel Ghonim und seine Familie die 80 Seemeilen über das östliche Mittelmeer nach Zypern brachte. Die „Prin- cesa Marissa“ war eines von fünf Schiffen, die in dieser Nacht mit insgesamt 1800 Flüchtlingen in Larnaka eintrafen.

Jede Nacht kommen neue Schiffe. Zu jenen, die am Kai auf die Ankömmlinge warten, gehört Oliver Hochedez vom Technischen Hilfswerk in Bonn. Der 33-Jährige hält Ausschau nach Deutschen, die von Bord der Schiffe gehen. „Die meisten Menschen sind völlig aufgewühlt“, sagt Hochedez. „Sie brauchen Zuwendung, schon eine Berührung kann ihnen helfen.“ Erschöpfung und Verzweiflung schlagen oft innerhalb von Augenblicken um in Freude und Erleichterung, dann wieder in Depression. Es ist ein ständiges Wechselbad der Gefühle, das man hier erlebt“, sagt Hochedez.

Die deutschen Diplomaten und die 18 Helfer des THW bemühen sich in Larnaka um die schnelle Weiterreise der Flüchtlinge, möglichst noch am gleichen Tag. Nicht immer gelingt das, denn zum einen weiß niemand, wie viele Flüchtlinge vom Libanon aus unterwegs sind. Zum anderen ist es jetzt, während der Urlaubssaison, nicht einfach, Flugzeuge zu beschaffen. Immer wieder kommt es deshalb vor, dass auf dem Flughafen von Nikosia Maschinen bereitstehen, es aber keine Passagiere gibt und umgekehrt.

Großes Lob haben die deutschen Helfer für die Zyprer: „Die haben das wirklich hervorragend organisiert“, sagt Peter Görgen, ein altgedienter THW-Helfer aus Koblenz, der schon im Kosovo, beim Tsunami auf Sri Lanka und beim Elbe-Hochwasser Menschen Hilfe leistete. Das zyprische Rote Kreuz bewirtet die Ankömmlinge in Larnaka mit Kaffee, Tee und belegten Broten und Babynahrung, auch Windeln werden bereitgehalten. In 25 Schulen und Sporthallen sind Notaufnahmelager eingerichtet worden. Rund 42 000 Flüchtlinge waren bis zum Mittwoch in Zypern eingetroffen, davon warten noch etwa 10 000 auf die Weiterreise.

Die Menschen zügig heimzufliegen, ist die größte Herausforderung. „Die EU-Staaten könnten mehr tun und den Weitertransport ihrer Bürger besser koordinieren“, sagt Zyperns Verkehrsminister Charis Thrassou. Und Regierungssprecher Christodoulos Pasiardis meint: „Wir brauchen nicht mehr Dank und Glückwünsche, sondern tatkräftige Unterstützung, das hier übersteigt die Grenzen unserer Möglichkeiten.“

Auch für die Familie Ghonim verzögert sich die Heimkehr um einen Tag. Das erste Flugzeug nach Berlin haben sie verpasst. Denn so erschöpft waren die vier von ihrer Flucht, dass sie die Ankunft in Larnaka verschlafen haben. Erst vier Stunden, nachdem die „Princesa Marissa“ angelegt hatte und die anderen Passagiere längst von Bord waren, hat ein Steward die Schlafenden in ihrer Kabine entdeckt und geweckt.

Auch die Menschen im Beiruter Goethe-Institut oder auch in der deutschen evangelischen Kirchengemeinde hoffen auf so ein Schiff. „Wer einen deutschen Pass hatte, konnte nach kurzer Zeit ausreisen“, erzählt Siegfried Alexander, ein pensionierter Ingenieur der MiddleEast-Fluggesellschaft, der einer von fünf freiwilligen Helfern in der evangelischen Gemeinde ist. „Entweder mit einem Schiff der Briten oder Amerikaner nach Zypern oder die eher strapaziöse, etwa siebenstündige Fahrt mit einem Bus nach Damaskus.“

Rund 180 Flüchtlinge wurden im Gemeindesaal des evangelischen Zentrums und in den Klassenräumen des Goethe-Instituts untergebracht.

Familie Soueidan hat keine deutschen Pässe. Fast zehn Jahre hatten sie dort gelebt, deshalb waren sie auch zum deutschen evangelischen Gemeindezentrum geflüchtet. „Wir dachten, wir könnten nach Deutschland ausreisen“, sagt Ali Soueidan, der Familienvater. Rolf Stehle, der Leiter des Goethe-Instituts, wo die Familie nun untergebracht ist, nachdem das Gemeindezentrum überfüllt war, sagt: „Da lässt sich leider nichts machen.“

Stehle ist sichtlich bewegt über das Schicksal der Flüchtlinge. „Sie haben nur noch das, was sie tragen konnten. Viele haben Familienmitglieder verloren oder wissen nicht, wo ihr Mann oder ihre Kinder sind.“ Auch Chirine Soueidan, Ali Soueidans 28-jährige Tochter, hat ihren Mann bei der überhasteten Flucht aus den Augen verloren. „Nachdem mein Onkel in seinem Haus starb, mussten wir weg. Die nächste Bombe hätte uns treffen können.“ Ihr Mann war ins Dorf gegangen, um Hilfe zu holen. Über sein Handy ist er nicht mehr zu erreichen. „Er wird schon wiederkommen“, sagt Chirine. Die ganze Familie ist voller Hoffnung, sie glauben, bald wieder in ihr Haus im Südlibanon zurückkehren zu können.

In den nächsten Tagen wird Familie Soueidan zunächst aber in ein Auffanglager für Flüchtlinge in Batrun gebracht. Normalerweise ist das ein Ausflugsort für die christliche Oberschicht des Libanon. Khodoa, 23, einer der drei Söhne, ist der Einzige der Familie, der über die Bomben der Israelis noch immer sehr aufgebracht ist. „Bei uns im Dorf haben sie verbotene Splitterbomben abgeworfen. Eine davon hat meinen Onkel getötet, obwohl es bei uns keine einzige Stellung der Hisbollah gegeben hat.“

Elf Tage lang sollen die Bomben auf Bilad, ihr Dorf, nur wenige hundert Meter von der israelischen Grenze entfernt, gefallen sein. Elf Tage und Nächte kauerte die Familie Soueidan in ihrem Keller, der normalerweise Kartoffelsäcken vorbehalten ist. Vater, Mutter, zwei Töchter und drei Söhne sowie die drei Enkelkinder im Alter von acht, sechs und fünf Jahren. Insgesamt zehn Leute auf engstem Raum, ohne Strom, frisches Wasser und ausreichende Verpflegung. Und dann die Bombe aufs Nachbarhaus, der Onkel tot, die Flucht nach Beirut. Noch nicht weit genug weg.

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