Zeitung Heute : Pakistan: Der Gesang des Imam

Harald Neuber

Neben dem Imam wirkt der Mann mit der goldumrandeten Brille unscheinbar. Der muslimische Geistliche bietet in seiner Afghanenkluft mit langem Gewand, dunkler Weste und der typischen breitkrempigen Stoffmütze einen würdevollen Anblick. Der General sitzt mit gesenktem Kopf daneben, vor ihm ein Wust von Mikrofonen, die ihn fast völlig verdecken.

Dann setzt der Imam in der Nationalbibliothek von Islamabad zu einem gebetsartigen Gesang an. Er singt auf Arabisch und Paschtun, der Sprache eines Großteils der afghanischen Bevölkerung. Er singt einen Vers aus dem Koran. Allah, heißt es darin, hat Mann und Frau geschaffen, damit sie miteinander existieren. So wie er Völker geschaffen hat, damit sie miteinander existieren und damit sie voneinander lernen.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Der General hinter den Mikrofonen rückt seine Brille zurecht. Er mustert die rund 100 Journalisten aus aller Welt und fängt dann mit fester Stimme an zu reden. "Das ist mein erster öffentlicher Auftritt nach den Angriffen", sagt Pervez Musharraf, der Militärmachthaber von Pakistan. Dass er diese Ansprache mit dem Gesang eines afghanischen Imam beginnt, solche Symbolik zählt viel dieser Tage in Pakistan. Musharraf muss es gelingen, auf dem schmalen Grat zwischen dem Einfluss der starken - weil über Jahre staatlich geförderten - Islamistengruppen und den Interessen der Vereinigten Staaten zu wandeln.

Dass ihm das in diesen Tagen nur bedingt gelingt, wird besonders im Westen des Landes, in den Städten Quetta und Peschawar nahe der Grenze zu Afghanistan, deutlich. Am vierten Tag nach Beginn der US-Luftangriffe gegen Afghanistan ist die Stimmung bei den islamistischen Gruppen gereizt wie nie zuvor. Dem Militärregime in Pakistan droht dort die Lage außer Kontrolle zu geraten. Einen großen Unsicherheitsfaktor stellen vor allem die streng religiösen Flüchtlinge aus Afghanistan dar.

"Tod den US-Imperialisten", schallte es auf den Demonstrationen am Mittwoch durch Peschawar. Hunderte Sympathisanten des Taliban-Regimes im benachbarten Afghanistan zogen unter der schwarz-weiss gestreiften Fahne der Sipah-e-Sahaba-Partei und mit Knüppeln bewaffnet durch die Straßen der Altstadt. Immer wieder sind auch die Rufe "Osama, Osama" zu hören. Und: "Musharraf, hüte dich".

Zunehmend rückt der pakistanische Staat selbst ins Visier der radikalen Islamisten. "Wenn die Angriffe gegen Afghanistan nicht gestoppt werden, wird kein Jude, Christ oder Hindu in Frieden leben", rief einer der Vorsitzenden der Partei Jamiat-Ulema-e-Islam (JUI), Maulana Attaur Rehman, vor seinen Anhängern am Dienstag in Peschawar. Sie sollten sich dem Dschihad, dem Heiligen Krieg, anschließen. Dazu gehört nach Ansicht des JUI-Vorsitzenden auch das Töten von Mitgliedern anderer Religionen: "Denn die USA und die Juden haben den Muslimen den Krieg erklärt."

Salman Schah, ein 24 Jahre alter Wirtschaftsstudent der Universität von Peschawar, ist ein erklärter Gegner der Islamisten. "Die Kraft der afghanischen und pakistanischen Fundamentalisten besteht in der Radikalität", sagt er. Auch an der Universität haben sie inzwischen das Sagen, obwohl nach Angaben der Universitätsleitung auf die rund 17 000 Studenten nur etwa 100 organisierte Islamisten kommen. "Neulich", erzählt Salman, "saß ich mit einer Freundin in einem Café auf dem Campus." Plötzlich seien zwei Mitglieder einer radikal-islamistischen Studentengruppe mit Holzknüppeln bewaffnet aufgetaucht und hätten die Frau aufgefordert, das Café zu verlassen. Das sei typisch für das Vorgehen der Gruppen, sagt der Student, und darum gebe es auch so wenig Gegenwehr. Wenn es zur Konfrontation komme, scheuten die Islamisten keine Gewalt, seien sogar bereit, ihr Leben zu opfern. "Ich bin das nicht", sagt Salman.

Insofern dürfte General Musharraf durchaus Recht gehabt haben, als er die Fundamentalisten am Montag "eine terroristische Minderheit" nannte. Er verschwieg aber, dass sie jahrelang vom Staat gefördert wurden. "Die Probleme sind hausgemacht", sagt auch der Kanzler der Universität von Peschawar, Zulfiqar Gilani. Seit Ende der 70er Jahre habe der pakistanische Staat enge Bindungen zu den radikalen Islamisten unterhalten. Auch die USA hätten zu deren Erstarken beigetragen, weil in ihnen einst ein Gegengewicht zum Einfluss der Sowjetunion auf die Region gesehen wurde.

In Gilanis Büro ist es erstaunlich ruhig, im Gebäude sind kaum Stimmen zu hören - die Universität ist seit Anfang der Woche geschlossen. "Auf Anweisung der Regierung", sagt der Kanzler. Unmittelbar nach Beginn der Angriffe seien fundamentalistische Studenten über den Campus gezogen und hätten eine Spur der Verwüstung hinterlassen. "Darum haben wir uns zum Aussetzen der Kurse entschlossen und die Studenten nach Hause geschickt." Die meisten Studierenden wären wahrscheinlich ohnehin zu Hause geblieben, vermutet Gilani, der die Tage der radikalen Islamisten gezählt sieht. "Der Wechsel in der Regierungspolitik gegenüber diesen Gruppen ist deutlich spürbar", sagt er. Und das mache sie so wütend.

Die Proteste werden wohl so lange weitergehen, wie die Luftschläge gegen Ziele in Afghanistan anhalten. General Musharraf hofft auf ein baldiges Ende der Militäraktion. Unklar ist, wie weit der Einfluss der radikalen Islamisten auf die staatlichen Strukturen geht. Bei der Demonstration am Dienstag rief JUI-Führer Rehman Polizisten und Soldaten auf, sich gegen den Staat zu wenden. "Unsere Regierung führt einen Krieg gegen das eigene Volk", so Rehman.

Realistisch betrachtet habe Pakistan jedoch gar keine andere Chance gehabt, als die USA zu unterstützen, sagt der Student Salman Schah. Doch im Moment sei die Stimmung so angeheizt, dass er sich abends kaum mehr auf die Straße traue. "Im Visier der Fundamentalisten stehen auch die, die sich ihnen nicht anschließen", sagt Salman, der in einem halben Jahr sein Studium beenden will.

Noch während er redet, fliegen Kampfjets über ihn hinweg. Auch den Islamisten wenige Kilometer weiter wird das nicht entgehen. Am Dienstag wurden erstmals auch tagsüber Angriffe auf Ziele in Afghanistan geflogen. Der pakistanische Luftraum steht ihnen dafür offen.

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