Pakistan : Zersplitterte Gesellschaft

Eine Anschlagsserie in Pakistan fordert wieder dutzende Todesopfer. Wie instabil ist die Atommacht?

Christine Möllhoff[Neu-Delhi] Andrea Nüsse[Berlin]
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Foto: Reuters

Nach dem Tod von Baitullah Mehsud hatte sich die Regierung in Islamabad gebrüstet, den Taliban das Rückgrat gebrochen zu haben. Doch die Realität in Pakistan sieht anders aus. Die Taliban scheinen gefährlicher denn je. Seit knapp zwei Wochen erschüttert fast täglich ein neuer Anschlag das südasiatische Land. Am Donnerstag kam es gleich in zwei Städten zu Angriffen, bei denen mindestens 39 Menschen starben. Betroffen war auch Lahore, das bürgerliche und kulturelle Herz Pakistans, an der Grenze zu Indien. In einer Art Kommandoaktion griffen dort drei Terrorteams aus insgesamt 25 bis 30 Bewaffneten, darunter möglicherweise auch Frauen, zwei Polizeischulen und die regionale Kripo-Zentrale an. Über Stunden lieferten sie sich Feuergefechte mit der Polizei. Teile der Millionenmetropole versanken im Chaos. Zugleich starben bei einem Suizidanschlag in Kohat im Nordwesten Pakistans zehn Menschen. Auch dort war eine Polizeistation Ziel der Terroristen.

Wer kämpft hier gegen wen?

Zu den Anschlägen hat sich erneut der Talibanverband Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) und sein neuer Führer Hakimullah Mehsud bekannt. Dieser hatte sich an die Spitze der TTP gesetzt, nachdem Gründer Baitullah Mehsud im August bei einem US-Angriff getötet worden war. Die jetzigen Angriffe sind eine klare Kampfansage an die pakistanischen Sicherheitskräfte, die derzeit eine neue Großoffensive vorbereiten – diesmal in Südwasiristan an der afghanischen Grenze. Die unwegsame, wilde Bergregion ist die Hochburg der TTP. Auch Al Qaida soll sich dort verstecken. „Man will demonstrieren, welchen Preis eine Offensive gegen Südwasiristan haben wird“, analysiert der Leiter der Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Christian Wagner. „Die Botschaft lautet: Wir können jederzeit an jedem Ort des Landes zuschlagen.“

Mit der Terrorwelle fordern die Extremisten die Sicherheitskräfte heraus. In zwei Wochen kamen durch den Terror 120 Menschen ums Leben. Am vergangenen Samstag hatten die Extremisten sogar das hoch gesicherte Armeehauptquartier in Rawalpindi angegriffen und 40 Geiseln genommen. Bei der Befreiungsaktion starben 23 Menschen.

Welche Ziele verfolgen die Taliban mit den Anschlägen?

Sie wollen fraglos Angst und Chaos verbreiten. Nach dem Tod Baitullahs haben sich die Militanten offenbar schnell neu formiert. Dabei vernetzen sie sich zusehends mit Al Qaida und professionellen Terrorgruppen wie der Laschka-e-Toiba (LeT) aus dem Punjab, dem Machtzentrum Pakistans. Gerade die Anschläge in den Städten gehen nach Angaben Wagners auf das Konto der pakistanischen Terrorgruppen, welche der pakistanische Geheimdienst selbst seit dem Ende der 80er Jahre unterstützte als Vorhut des Kampfes mit Indien um Kaschmir sowie für Afghanistan. „Die jetzigen Anschläge demonstrieren das Scheitern dieser Strategie der pakistanischen Militärs“, sagt Wagner. Sie hätten Gruppen wie Laschka-e-Toiba über Jahre hinweg aufgebaut und würden jetzt erkennen, dass sie diese Gruppen längst nicht mehr kontrollieren. „Die Armee steht vor einem Scherbenhaufen“, sagt Wagner.

Nach Ansicht Wagners stellt die neue Anschlagsserie, deren Opfer oft Zivilisten sind, aber auch den neuen gesellschaftlichen Konsens in Frage, der sich nach der Rückeroberung des Swat-Tals herausgebildet hatte: Die dort von den islamistischen Gruppen geplante Errichtung eines islamischen Staates ist kein Gesellschaftsmodell für Pakistan – diese Einsicht habe sich bei einer Mehrheit der Pakistaner durchgesetzt. „Hier gab es einen Meinungsumschwung in der Öffentlichkeit zugunsten des militärischen Vorgehens gegen die Taliban“, beobachtet Wagner. Die jetzigen Anschläge „erschüttern diesen Konsens“, glaubt Wagner. Denn Zivilisten zahlen den Preis und daher debattiert Pakistan jetzt schon wieder darüber, ob man bereit ist, diesen Preis zu zahlen. Auch wäre bei einer Offensive gegen die Taliban in Südwasiristan wieder mit Flüchtlingsströmen zu rechnen wie bei der Rückeroberung des Swat-Tals.

Macht Pakistans Militär also ernst mit dem Kampf gegen die Taliban?

Schon mehrfach hat die Armee versucht, das halbautonome Niemandsland unter Kontrolle zu bringen. Doch die Vorstöße blieben halbherzig. Pakistanische Analysten bezweifeln, dass die neue Offensive erfolgreicher sein wird. Mindestens 10 000 Taliban-Kämpfer sollen sich in Südwasiristan tummeln.

Nach Ansicht Wagners ist nun auch deutlich, dass die Strategie Pakistans, in gute und schlechte Taliban zu unterscheiden, gescheitert ist. Die afghanischen Taliban wurden unterstützt, die einheimischen aber bekämpft. „Das war wohl immer eine ,irreale‘ Unterscheidung“, sagt Wagner. Denn die Taliban-Gruppen hätten schon immer das gleiche Ziel gehabt, nämlich in ihrem Heimatland einen islamischen Staat aufzubauen, und dabei kooperiert.

In den vergangenen Monaten war es erstaunlich ruhig. Wagner führt das darauf zurück, dass die Strategie der Regierung, die Stammesgebiete zu entwickeln, Stämme aber auch gegeneinander auszuspielen, teilweise gefruchtet hat. Nun kocht der Terror wieder hoch. In den Städten und in Südwasiristan. Hier sei der harte Kern der Taliban und Al Qaidas verschanzt, dem mit politischen Lösungen und Entwicklungsangeboten nicht beizukommen sei, sagt der Berliner Wissenschaftler. Daher lege die Regierung in Islamabad nun wohl den Schwerpunkt wieder auf die militärische Bekämpfung.

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