Zeitung Heute : Pakt gegen den Frieden

Der Tagesspiegel

Von Charles A. Landsmann

Zweimal ist der amerikanische Reservegeneral Anthony Zinni bisher mit seinen Vermittlungsmissionen im Nahen Osten gescheitert. Wenn er am Donnerstag erneut in der Region eintrifft, in der die Lage inzwischen zum offenen Krieg eskaliert ist, wird er zumindest einen Teilerfolg verbuchen können. So jedenfalls ist es geplant.

Zwei Tage hat Zinni seine Reise verschoben. Und bis zu seiner Ankunft wird die größte israelische Offensive aller Zeiten gegen die Palästinenser andauern. Sie wird die Flüchtlingslager, aber auch die autonomen Städte umfassen und noch viele weitere Tote fordern. Israels bestausgerüstete und schwer bewaffnet Truppen werden - wenn ihnen nicht selbst ein Fehler unterläuft - dabei auch weiterhin kaum Verluste hinnehmen müssen. Das ist die Strategie von Israels Ministerpräsident Scharon.

Sobald der US-Vermittler Zinni den blutgetränkten Boden des Heiligen Landes betritt, so die Prognose, wird Israels Armee sich zurückhalten, auf weitere Offensivaktionen verzichten, nur bei „heißen" Terrorwarnungen Greifkommandos losschicken oder Rache für Anschläge üben. Zinni darf dann die Lageberuhigung auf die Habenseite seiner bisher leeren Erfolgsbilanz verbuchen.

Die USA und Israel haben sich auf einen zynischen Deal geeinigt: Im Rahmen ihres weltweiten Kampfes gegen den Terror räumte die amerikanische Regierung Ariel Scharon mittels Verschiebung der Reise Zinni eine verlängerte Frist ein, um mit aller Härte und Brutalität gegen Palästinenserpräsident Jassir Arafat und sein Volk vorzugehen. Als Gegenleistung ließ Scharon seine ursprünglich ultimative Forderung nach einer siebentägigen totalen Ruhephase der Gewalt vor Beginn von Waffenstillstandsverhandlungen fallen. Das sollte Kompromissbereitschaft signalisieren, die Zusage wirkt jedoch angesichts der jüngsten Militäraktionen zynisch.

Doch auch Arafats Arsenal umfasst die Waffe namens Zynismus, denn er hat bisher noch bei jeder Zinni-Mission spektakuläre Anschläge in Israel zugelassen, mit denen jedes Vermittlungsvorhaben unterminiert wurde, während gleichzeitig der Palästinenserführer selbst dem amerikanischen Gast das Märchen von seinen Anstrengungen für einen Waffenstillstand erzählte.

Wie Arafat diesmal agiert, werden erst die kommenden Tage zeigen. Israel befürchtet - auf Grund der bitteren Erfahrungen - mit einer neuen Anschlagswelle. Die Palästinenser arbeiten dabei gegen ihre eigenen Interessen, denn jeder neue Selbstmordanschlag legitimiert die Strategie der US-Regierung, die sich offensichtlich davor scheut, Druck gegen Israel auszuüben und als halbherziger Vermittler erscheint. So sind die Chancen, dass Zinni tatsächlich einen anhaltenden Waffenstillstand aushandelt, ziemlich gering. Auch, weil die Anführer auf beiden Seiten noch nicht an einem solchen interessiert sind: Scharon will weiter mit „eiserner Faust“ zuschlagen um seine Parteifreunde zu überzeugen; Arafat will mit bisher ausgebliebenen Erfolgen im militärischen Kampf die schweren Verluste rechtfertigen.

Und Zinni wird wohl wieder ohne Abkommen heimreisen, aber zumindest mit einer vorübergehenden Lageberuhigung, die wiederum George W. Bush Anlass geben wird, doch von einem Erfolg zu sprechen - ein wahrhaft zynischer Deal.

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