Zeitung Heute : Papageien auf dem „Faß“

Psychologen testen, ob Schüler die neue Rechtschreibung besser lesen können

Felicitas Aretin

Auf dem Schulhof weht es eisig. Vor dem Zaun steht ein weißer Fiat-Ducato-Transporter mit der bunten Aufschrift „Guckomobil“. Davor ein Herr mit auffallendem Hut und hochgeschlagenem Mantelkragen, der an diesem Tag schon sein drittes Interview gibt. „Jetzt muss ich aber wirklich in meine Vorlesung“, sagt der Frierende. Es ist Arthur Jacobs, Professor für Allgemeine Psychologie.

Noch gehört es in Deutschland zu den Ausnahmen, dass Professoren an Grundschulen kommen. Für Jacobs hingegen ist dies eine Selbstverständlichkeit. „Wenn wir bei den kommenden Pisa-Studien in Deutschland nicht weiter absinken wollen, müssen wir unsere gesellschaftliche Verantwortung Ernst nehmen“, erzählt der Vater zweier kleiner Söhne.

„Bislang gibt es noch keine Studie, die nach der 1998 eingeführten Rechtschreibreform das Leseverhalten von deutschen Schülern getestet hat“, wundert sich Jacobs. Das soll nun anders werden, weshalb Felix, Nadine und ihre Klassenkameraden aus der sechsten Klasse der Mühlenau-Grundschule in Dahlem es kaum erwarten können, in den von der Firma Fiat gesponserten Kleintransporter zu klettern und im mobilen Labor ihre Lesefähigkeit zu testen.

Rund eine halbe Stunde sitzen die Kinder vor einem Blickbewegungsmessgerät, mit dessen Hilfe die Psychologen nachweisen wollen, ob den Schülern das Lesen in der alten oder neuen Rechtschreibung leichter fällt. „Bislang ist die Debatte um die Rechtschreibung in Deutschland sehr emotional und unter ästhetischen Gesichtspunkten geführt worden“, sagt Projektleiter Florian Hutzler. Der Psychologe plädiert dafür, die Debatte um die Rechtschreibreform zu versachlichen. Im Inneren des Guckomobils sitzt inzwischen die zwölfjährige Nadine auf einem Stuhl vor dem „Guckometer“. Mitarbeiterin Verena Engl stellt die Kamera ein, mit deren Hilfe die Bewegung der Augen verfolgt werden kann. „Auf dem hölzernen Faß sitzt ein Papagei“, liest Nadine einen der 160 Sätze vor. Dabei bleibt ihr Blick länger an dem Wort „Faß“ hängen. „Das Auge verharrt öfters und länger bei unbekannten Wörtern“, erläutert Hutzler. Das längere Verharren des Auges auf einer Stelle bedeute, dass der Lesende mit dem Erlesen des Wortes Schwierigkeiten habe.

Das Wort „Fass“ begegnet Nadine beim Lesen noch einmal, auch wenn es in einem der nächsten Sätze in neuer Rechtschreibung wieder auftaucht. „So können wir feststellen, welche Worte schwer zu lesen sind, welche Änderungen der Rechtschreibreform objektiv eine Erleichterung gebracht haben und inwiefern eine Gewöhnung der Leser an die neue Rechtschreibung schon eingesetzt hat“, sagt Verena Engl. Insgesamt 50 Kinder testen die Psychologen auf diese Weise. Außerdem fließen die Daten von 50 erwachsenen Lesern in die Untersuchung ein. Mit der Studie wollen die Psychologen der Forschungsfrage nachgehen, welche Auswirkungen die Rechtschreibreform auf die Leseleistung von Kindern und Erwachsenen hat. Über eine Leseschwäche der einzelnen Schüler sagt der Test allerdings nichts aus. „Dazu wären weitere Untersuchungen notwendig, die aber leicht durchführbar wären“, so Hutzler. „Wir erleben einen ungeheueren Beratungsbedarf zum Thema Leseschwäche“, sagt auch Arthur Jacobs und meint, in diesem Bereich müsste in Deutschland dringend etwas geschehen.

Weiteres im Internet:

www.guckomobil.de

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