Zeitung Heute : Papi vergessen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Emma hat mit 18 Monaten ihren Gang durch die Institutionen angetreten: Seit zwei Wochen besucht sie jetzt den Kindergarten. Sie geht in eine deutsch- italienische Kita in Kreuzberg mit vier Erzieherinnen, einer Köchin und 24 Kindern, hübsch klein und nestwarm. Es scheint ihr ganz gut zu gefallen. Ein Kita-Kind wird man heutzutage aber nicht einfach so. Das will gelernt sein – ganz allmählich. Dafür haben sie in der Kita ein Eingewöhnungskonzept entwickelt. In den ersten drei Wochen soll sich Emma in aller Ruhe mit der neuen Umgebung und den anderen Kindern bekannt machen. Auch Papa gehört ins Konzept, und deshalb hatte ich mir die erste Woche frei genommen, um meine Tochter zu begleiten. An den ersten drei Tagen blieben wir nur ein bis zwei Stunden dort, am dritten Tag verabschiedete ich mich für eine halbe Stunde von ihr, am vierten ging ich für eine Stunde zum Friseur.

Zu meiner Kindergartenzeit lief das ganz anders. Ich wurde einfach abgegeben und den Erzieherinnen überlassen. Es war ein großer Kindergarten, mit etwa 80 Kindern, evangelisch – aber davon merkte ich nichts. Es gab da zwei rivalisierende Rasselbanden, und weil ich selbst in keine der beiden eintreten wollte, verbrachte ich die Pausen auf dem Spielplatz meistens am Baum, gefesselt von der einen oder der anderen Bande. Ich ging nicht gerne in den Kindergarten.

Emma dagegen fiel der Abschied von mir nicht besonders schwer. Sie weinte zwar ein bisschen, aber nach der Trennung, erzählten mir die Erzieherinnen nachher, hatte sie mich „schnell vergessen“. Meine Tochter hatte mich vergessen! Die Erzieherinnen hatten also Erfolg mit ihrem Eingewöhnungskonzept, nur für mich war darin weniger Platz, als ich mir vorgestellt hatte. Emma hätte sich mit dem Eingewöhnen ruhig ein wenig mehr Zeit lassen können.

Gestern früh, am Ende der zweiten Woche, hatte ich es allerdings eilig – ich musste früher ins Büro, um diese Kolumne zu schreiben. In der Kita saßen die Kinder am Frühstückstisch, als ich mich von Emma verabschieden wollte. Doch sie war so vertieft in ihr Marmeladenbrot, dass sie gar nicht mehr bemerkte, wie ich ging.

Adressen von bilingualen Kitas in Berlin finden Sie im Internet unter www.fmks-online.de/adressen/bilikitas2003_berlin.htm

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