Zeitung Heute : Papier ist geduldig

Möbel aus Zellulose haben ein studentisches Image – dabei lieben selbst große Designer und Architekten Papier. Und öko ist es auch!

Zart: Araki-Lampe (ganz oben) und Wiggle Chair (links) von Vitra. Cabbage Chair von Nendo (oben), darüber Shigeru Bans Miyake Design Studio Gallery.
Zart: Araki-Lampe (ganz oben) und Wiggle Chair (links) von Vitra. Cabbage Chair von Nendo (oben), darüber Shigeru Bans Miyake...

Einmal in einem japanischen Haus wohnen! Davon hat Bruno Munari als kleiner Junge geträumt. In den sechziger Jahren schrieb der italienische Designer: Zwar könne man sich in Häusern aus Holz und Papier nicht so einfach gegen die Wände lehnen. Auch keine Zigarette mal auf den Fußboden werfen. Doch sollte es unerwartet zum Klecks kommen, spekulierte Munari, müsse man bloß etwas Papier kaufen und schon sei alles wieder wie neu.

2000 Jahre ist es her, dass ein chinesischer Hofgelehrter es gleichsam im Recyclingverfahren aus alten Lumpen und gemahlenem Maulbeerbaumbast erfand. Schon damals war Papier mehr als die Unterlage für Schriftzeichen und Malerei, wurde genutzt als Lichtschirm, Verpackungsmaterial, selbst als Hygieneartikel.

Heute, da die Haptik des Papiers gegen die Touchscreens von iPhones und iPads eingetauscht wird, erlebt das Material eine regelrechte Renaissance. Designer wie Issey Miyake und Konstantin Grcic, Architekten wie Zaha Hadid haben damit experimentiert, selbst Särge wurden aus Papier gebaut. „Peace Box“ nennt sich der faltbare Ökosarg. Das recyclebare Papier ist so was wie die neue „grüne“ Strategie.

Shigeru Ban gilt als absoluter Magier unter den neuen Zellulose-Avantgardisten. Als der japanische Architekt, dem der Taschen Verlag gerade eine schwere Monografie gewidmet hat, Ende der achtziger Jahre seine innovativen Pappröhrenexperimente begann, spielte Umweltschutz noch kaum eine Rolle. Ban ging es darum, wie er sagt, ein grobes, kostengünstiges Material zu finden, das leicht aufzubauen und gut zu transportieren war. Als nach einem Auftrag schlichte Papprollen übrig blieben, wie man sie als Kern von Stoffballen kennt, warf er die nicht weg, sondern nahm sie mit nach Hause. Wenig später setzte er sie bei seinem „Alvar Aalto“-Pavillon ein – ein Ausstellungsraum wie aus Röhren.

Mit dem Entwurf des japanischen Papp-Pavillons auf der Expo 2000 in Hannover ging Shigeru Ban einen Schritt weiter. Mit seiner fabelhaften Konstruktion bewies er, dass selbst ein Low-Tech-Material wie Pappe zu kompliziertesten Baukonstruktionen taugt und dabei noch Schönheit entwickelt. Wichtiger als Glamour scheint Ban soziales Engagement zu sein. Mit den sogenannten „Paper Tubes“ lässt der 53-Jährige nicht nur innovative Brücken, Einfamilienhäuser, Bibliotheken und Pavillons entstehen, sondern vor allem preiswert temporäre Unterkünfte für Katastrophenopfer – in der vom Erdbeben zerstörten Stadt Kobe, im indischen Bhuj, in New Orleans.

Die Entwürfe von Bans Lehrer blieben Papier: Sie wurden nie gebaut. Seine eigene Arbeit ist auch als Verneigung vor einer uralten Tradition zu verstehen. Papier ist in Japan ein selbstverständliches Baumaterial, Schiebetüren werden mit lichtdurchlässigem „Shoji-Papier“ bespannt.

Derzeit ist es denn auch vor allem die junge japanische Designerszene, die sich mit dem uralten Werkstoff nicht nur ökologisch korrekt gibt, sondern ihn in zenmäßiger Klarheit und Strenge verarbeitet und gleichzeitig poetisch verklärt. Der 2008 von dem japanischen Studio „Nendo“ entworfene, wunderschöne Sessel „Cabbage Chair“ aus kunstharzbeschichtetem Papier etwa entblättert sich wie eine magische Wunderblüte.

In Europa war Papier im wohnlichen Kontext lange nur als Tapete oder Pappmaché-Dekoration bekannt. Vor allem Vertreter der Moderne wie Bruno Taut, Le Corbusier, Frank Lloyd Wright entdeckten dann die japanische Papiergestaltung mit ihren transparenten Raumteilern. Das bei uns bis heute wohl erfolgreichste Papierdesign entwarf Isamu Noguchi. Seine „Akari Lichtskulpturen“ waren moderne Neuinterpretation traditioneller, papierbespannter Lampions, die der japanisch-amerikanische Architekt in allen erdenklichen Formen und Größen weiterentwickelte – schlauchartig, gebogen, quadratisch, eierförmig oder rund.

Bei Ikea bekommt man solche mondfahl scheinenden Lampionkugeln aus Reispapier heute für nicht mal zwei Euro. Noguchi ging es bei seinen Akari-Entwürfen allerdings um Spiritualität. In lyrischer Schönheit schrieb er: „Die Magie des Papiers verwandelt die kühle Elektrizität zurück ins ewige Licht der Sonne.“

Im Zuge der Moderne fanden mit dem Zellulose-Werkstoff auch die ersten Materialinnovationen statt. Zum erfolgreichen Kolonial-Chic wurde Anfang des letzten Jahrhunderts der amerikanische LoomChair aus innovativen Papierkordeln geflochten. Die skandinavische Moderne begann für Sitzflächen statt Stroh und Bast fortschrittlich imprägniertes Papiergeflecht zu nutzen.

Im Unterschied zum feinen, eleganten Papier galt die jüngere Pappe lange als grob und gewöhnlich. Das Material hatte es denn auch schwerer, ins Wohnzimmer einzuziehen. Schon der deutsche Sprachgebrauch meint es nicht gut mit ihm. Luftfeuchte Brötchen schmecken „pappig“. Und wenn etwas solider als erwartet ist, ist es „nicht von Pappe“, also kein Kinderbrei oder Kleister – was „Papp“ bedeutet, von dem sich Pappe etymologisch herleitet. Besonders in der bräunlichen Profanität von Wellpappe, die ein Amerikaner als Verpackungsmaterial vor knapp 150 Jahren erfand, steckt immer eine Aura provisorischer Unfertigkeit und ästhetischer Provokation.

Seltsam roh und geschnitzt wirken die Pappmöbel „Easy Edges“, die Frank Gehry Ende der 60er Jahre aus Wellpappe mit Taschenmesser und Handsäge kreierte. Sessel, Stühle und Hocker sollten nomadisch spontan und billig sein. Darum ging es auch Peter Raacke, der 1967 sein Pappmöbelsystem mit dem antibürgerlichen Slogan „Sitz für Besitzlose“ anpries. Als Re-Edition wurde Raackes Sessel „Otto“ inzwischen wieder aufgelegt.

Pappmöbel wirken zwar noch heute etwas studentisch, doch worauf es mehr denn je ankommt, ist der grüne Anspruch und die kraftvolle Andersartigkeit des Materials. Für eine Pariser Werbeagentur entwarf der französische Künstler Paul Coudamy ein komplettes Büro – ein „Cardboard Office“ – aus vier Zentimeter dicker, wasserresistenter Honigwabenpappe. Wie Marke Eigenbau sieht das neueste Produkt der Kreativschmiede von Nils Holger Moormann aus, der seltsam wackelig erscheinende Stuhl „Zipfred“, dessen Papp- und Holzteile schlichte Kabelbinder zusammenhalten.

Allerdings steckt gar nicht in allem, was sich heute als Zellulose ausgibt, unbedingt Zellulose drin. Wie immer, wenn alte Kulturleistungen Konkurrenz bekommen, blüht mit ihrem langsamen Verschwinden das Zitat. Besonders gut zur Papierimitation eignet sich Porzellan. „Asa“ heißt eine neue Serie, die ihre Benutzer glauben läßt, aus zarten Papierblättern zu trinken. Die neue Taschenserie des Münchner Designerpaares Stefan und Saskia Diez nennt sich zwar „Papier“ und sieht auch so knüllig faltig aus, besteht in Wahrheit aber aus dem äußerst strapazierfähigen Kunststoffpapier „Tyvek“. Dieses reißfest wasserabweisende Material, das in Amerika als Isolierung im Häuserbau verwendet wird und aus dem etwa die Umschläge von „American Express“ bestehen, wird in Zeiten des papiernen Untergangs neuerdings von Kreativen für alles Mögliche benutzt. Die französische Designerin Inga Sempé hat aus „Tyvek“ mit „Double Stray“ eine Lampe entworfen, die an eine erleuchtete Kochmütze erinnert.

Aber es geht eben auch echt. Der japanische Designer Tokujin Yoshioka hat in diesem Jahr ein wahres papiernes Traumsofa gebaut: eine Art knisternd fragile Knautschzone. Leider wurde jedoch nur der Prototyp aus Papier gefertigt. In Serie ging das Sofa unter dem falschen Namen „Paper Cloud“ mit traditionellem Stoffbezug. Der ist zwar nicht so wolkenschön-ätherisch wie weißes Papier, für den Alltagsgebrauch aber wohl doch praktischer.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!