Zeitung Heute : Papst Lolek

In der Schule sagte er nicht vor und ließ auch ungern abschreiben. Der junge Karol Wojtyla hatte seine Prinzipien, erzählen seine Mitschüler. Wenn sie jetzt ein Klassentreffen veranstalten, sagen sie Heiliger Vater. Und nennen ihn – Gott bewahre! – nicht so, wie sie ihn früher nannten.

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Von Christoph von Marschall, Wadowice

Er kann es nicht lassen. Die 82-Jährigen sitzen gerade zehn Minuten zusammen und erzählen sich von der gemeinsamen Schulzeit, damals in den 30er Jahren, da schiebt Karol Hagenhuber die alten Fotos beiseite und stützt den Unterarm zum Armdrücken auf den Tisch: „Komm, Eugeniusz, zier dich nicht!“ Er muss noch zwei Mal betteln, dann geht alles ganz schnell. Auch wenn Eugeniusz die andere Hand zur Hilfe nimmt, gegen Karol kommt er nicht an.

„Es gab niemanden in ganz Wadowice, der mich besiegen konnte.“ Klar, auch mit dem Heiligen Vater hat er sich im Armdrücken gemessen – und immer gewonnen. Karol Hagenhuber ist noch heute eine imposante Erscheinung mit breitem Brustkorb und buschigem, weißen Schnauzer. Er war der beste Sportler am Gymnasium des Papstes in der südpolnischen Kleinstadt Wadowice. Im letzten Winter ist er wieder Skimeister seiner Altersklasse im US-Bundesstaat Indiana geworden, wohin er nach dem Krieg ausgewandert war, als Polen kommunistisch wurde. Jetzt ist er extra zum Treffen mit dem Papst zurückgekommen. Noch einmal Skifahren mit Karol Wojtyla in der Hohen Tatra wie vor 60, 70 Jahren – das wäre was. Aber beim heutigen Gesundheitszustand des Papstes …

Immerhin, reisen kann Johannes Paul II. noch, wenn auch nur mit aufwändiger technischer Hilfe. Je älter und zittriger er wird, desto mehr Eindruck scheint er auf Jugendliche zu machen. Beim Weltjugendtreffen in Kanada vor drei Wochen wollten ihn eine halbe Million sehen. Heute kommt er zu seiner neunten Pilgerreise nach Polen. Natürlich muss auch diesmal Zeit sein für ein Klassentreffen, Abiturjahrgang 1938 – wie bei den letzten acht Besuchen und all die Jahre davor, als Wojtyla noch in Polen lebte. Eugeniusz Mróz holt die Mundharmonika – „Marke Hohner, das sind die Besten“ – heraus und drückt Karol die Noten eines nationalkämpferischen Marienlieds in die Hand. „Bis Sonntagabend muss das sitzen, solche Sachen freuen Lolek.“

Lolek? „Wir haben ihn immer Lolek genannt. Mutter Wojtyla benutzte diese Koseform.“ So gab es auch keine Verwechslungen mit dem anderen Karol, dem Sohn des Konditors Hagenhuber, dem Armdrücker. Als der 1964 zum ersten Mal aus Amerika zu Besuch kam, war Wojtyla gerade Erzbischof von Krakau geworden. „Ich wusste überhaupt nicht, wie ich ihn anreden soll und habe schließlich ,Exzellenz’ gesagt. Lolek umarmte mich lachend: Weißt du denn meinen Vorn nicht mehr?“ Erst 1978 wurde alles anders. „Wir können doch nicht Lolek zum Papst sagen“, erklärt Eugeniusz. Für sie ist er der Heilige Vater – auch in den Briefen, die sie ihm regelmäßig schreiben; Eugeniuszs Korrespondenz mit dem Papst füllt drei Aktenordner. Der setzt meist Johannes Paul II. unter die Antworten – in seltenen Fällen auch mal Karol, zum Beispiel im Kondolenzbrief zum Tod der Ehefrau des anderen Karol, den der stets bei sich trägt.

Die verliebten Herren

„Ach, was war die Hanka hübsch! Und hier die Kazia Zakówna: In die waren wir alle ein bisschen verliebt.“ Beim Blättern in den Foto-Alben bekommen die alten Herren glänzende Augen. „Das war damals gar nicht so leicht, mit Mädels anzubändeln. Die Schulen waren nach Geschlechtern getrennt, Diskos gab es nicht, höchstens mal private Tanzfeste. In der Kirche konnte man Blicke tauschen. Doch die älteren Mädchen, die uns interessierten, die hatten meist nur Augen für die jungen Offiziere.“

Und Lolek? „Nein, mit Mädchen hatte der nichts“, schüttelt Szczepan Mogielnicki den Kopf. Er kennt den Papst von allen hier am längsten, ist der Einzige noch Lebende, der von der ersten Volksschulklasse bis zum Abitur mit Wojtyla in eine Klasse ging. „In einem ist sich Lolek treu geblieben: Er hat schon immer gerne über den Büchern gesessen. Und fleißig gebetet.“

Aber da gibt es doch dieses eine Foto, wo Karol Wojtyla vor einer Frau kniet – vor der schönen Kazia: er in der Rolle des Königs Sigismund August, sie als die begehrte Barbara Radziwill. War das örtliche Schüler-Theater der Weg, auf dem der Gymnasiast Wojtyla sich den Mädchen näherte? Da wird Eugeniusz Mróz fast ein wenig ungehalten. „Die Schauspielerei war Loleks Passion, er wollte damals sogar Schauspieler werden. Mit den Gerüchten, der Papst habe eine große Liebe gehabt, wollen sich doch nur einige interessant machen. Zum Beispiel der andere Mitabiturient, der heute in Rom lebt, Jerzy Kluger, zu dem halten wir deshalb auch kaum Kontakt. Oder die Tochter des Gymnasialdirektors, die tatsächlich eine bekannte Schauspielerin wurde: Die kokettiert damit, zwischen ihr und Lolek sei mehr gewesen als platonische Liebe. Na ja, die haben hier in Wadowice zusammen Theater gespielt. Und nach dem Abitur zusammen Polonistik in Krakau studiert. Doch schon ein Jahr später entschloss sich Lolek endgültig, Priester zu werden.“

Lieder des Sommers

„Ich kann euch eine Geschichte erzählen, die ihr alle noch nicht kennt“, mischt sich der Armdrücker aus Indiana ein. „Kazia Werdanówna hat sie mir erst neulich verraten. Ihr wisst doch, die gleich neben der Kirche wohnte und als Kind mit dem kleinen Karol Wojtyla spielte. Sie sagt, er war unheimlich schamhaft. Wenn ihr beim Toben der Rock verrutschte, da hat sich Lolek sofort die Hände vor die Augen gehalten – so streng war der erzogen.“

Im Radio spielen sie in diesen Tagen wieder die Lieder aus den Sommern 1980/81, als die ganze Welt auf Polen blickte, weil die Solidarnosc als erste freie Gewerkschaft im Ostblock zugelassen wurde – werden musste, nachdem zehn Millionen ihr beigetreten waren, ein Viertel der Bevölkerung. Ausschnitte aus den damaligen Predigten des Papstes werden gesendet, in denen auffällig oft von „Solidarität“ die Rede war. Gewiss, auch Gorbatschow und Reagan haben geholfen, auf unterschiedliche Weise, sagt Eugeniusz Mróz. Aber der Sturz des Kommunismus, das war das Werk ihres Lolek. „Seine Wahl 1978, sein erster Besuch 1979, sein Charisma – das hat uns Polen die Kraft gegeben, die Diktatur zu überwinden.“

Der Marktplatz des 20 000-Seelen-Städtchens mit den bunten Sonnenschirmen des Biergartens ist mit Fähnchen in den päpstlichen Farben weiß-gelb und weiß-blau geschmückt, an der Kirchenfassade hängt das päpstliche Wappen mit dem großen M (für Maria) und der Losung „Polonia semper fidelis“. Die Geburtsstadt bereitet sich aufs Feiern vor, auch wenn ihr berühmtester Sohn diesmal nicht herkommt. „In seinem Zustand muss man das verstehen“, sagen die Passanten, „und nach Krakau oder Kalwaria Zebrzydowska ist es für uns ja nicht weit.“ In der Apotheke gleich neben der Kirche gibt man bereitwillig Auskunft, wie es die Wadowicer Jugend von heute mit den Moralvorstellungen des Papstes hält. „Doch, doch, wir verkaufen Kondome – hier, die Drei-Stück-Packung für 7 Zloty 30. Und nicht zu knapp, besonders wenn wir mit dem Nachtdienst dran sind.“

Die Konditorei Hagenhuber gibt es nicht mehr, aber dafür gleich drei Verkaufsstellen für „Kremówki“: Blätterteig oben, Blätterteig unten, dazwischen Vanille-Creme. Nachdem der Papst beim Besuch 1999 öffentlich bekannt hatte, die Kremschnitten seiner Jugend seien sein Lieblingsgebäck, hatte Wadowice einen Verkaufsschlager: „Original-Kremówki nach Papst- Art“. Das Original-Rezept hat Karl Hagenhuber zwar mit ins Grab genommen, das beteuert sein Sohn Karol, der Armdrücker. Und das gibt auch der Verkäufer am Markt offen zu. „Aber was wollen Sie: Die Sahne von heute ist anders als damals, auch das Mehl. Früher war alles Handarbeit, heute arbeiten wir mit Maschinen. Mit Rezept wäre der Geschmack auch nicht näher am Original.“

Ja, die Kremówki, erinnern sich die alten Herren an eine Wette aus dem Abiturjahr: Wer die meisten verdrücken könne – ohne zwischendurch zu trinken. „Wilhelm Mosurski, wir nannten ihn Lunek, schaffte 16. Lolek war auch in der Spitzengruppe, er aß zwölf. Von wegen der Papst als schlanker Sportler! Das kam später. Damals hatte er ein bisschen Übergewicht. Beim Fußball haben wir ihn ins Tor gestellt, da war er Spitze.“

Es ist nicht schwer, die Schauplätze der Gymnasialjahre 1935 bis 1938 in Wadowice wiederzuerkenen. Und doch nicht so leicht, sich in diese Welt hineinzufinden. Die Wohnung der Wojtylas war gleich rechts neben der Kirche: zwei Zimmer mit Küche im ersten Stock. „Hier ließ Lolek morgens die Milchkanne aus dem Fenster zum Milchmann hinunter und zog sie dann voll wieder hoch“, sagt Eugeniusz Mróz, dessen Familie die angrenzenden zwei Zimmer mit Küche bewohnte. Heute sind beide Wohnungen mit einer dritten zusammengelegt: als Papstmuseum.

„Durch das Fenster sah Lolek auf die Sonnenuhr an der Kirchwand – czas uczeka, wiecznosc czeka: die Zeit entflieht, die Ewigkeit wartet.“ Und schräg gegenüber bei Maria und Alojzy Banas hatten die Wojtylas ihren Mittagstisch, nachdem die Mutter 1929 gestorben war; Russische Pierogi (Teigtaschen mit Kartoffel-Quark-Füllung) und Flaczki (Suppe aus Innereien) aß Lolek besonders gern. Frühstück und Abendbrot machte der Vater selber.“

Die Schicksalsschläge der Kindheit haben seine Religiosität verstärkt, meint Szczepan, der Volksschulfreund. „Seine jüngere Schwester starb kurz nach der Geburt, die Mutter 1929, als Lolek neun war, direkt vor seiner Erstkommunion, das wurde ein trauriges Fest. Der 14 Jahre ältere Bruder Edmund starb 1932 an Scharlach, er war Arzt und hatte sich bei Patienten angesteckt, es gab noch keine Antibiotika. Lolek war zwölf – und 21, als der Vater 1941 starb; da wohnten sie beide schon in Krakau.“

„Der Glaube und die Kirche gaben ihm Halt“, ergänzt Eugeniusz Mróz. „Der Himmel wollte es, dass Kardinal Sapieha ihn firmte, weil der gerade auf der Reise durch die Diözese Wadowice besuchte. Und Lolek gab uns moralischen Halt in einem Alter, in dem sich der Charakter herausbildet. Er hatte diese klare, ruhige Art, war in allen Fächern der Beste, konnte sich lateinisch unterhalten und als einziger von den Nicht-Deutschstämmigen schon in der Schule flüssig Deutsch und Goethe und Schiller im Original lesen.“ Ein Streber? „Er war hilfsbereit, hatte aber Prinzipien: In der Klasse sagte er nicht vor, ließ auch ungern von sich abschreiben. Aber er bot Nachhilfe außerhalb der Schule an, wenn einer im Stoff nicht mitkam.“

Der Triumph

Wadowice in den 30er Jahren: eine Kleinstadt von 8000 Einwohnern, davon rund ein Viertel Juden, geprägt durch über 100 Jahre Zugehörigkeit zur österreichischen k.u.k.-Monarchie während der polnischen Teilungen. Nun suchte sie verstärkt ihre nationale Identität. Die Bilder in den Alben zeigen die Jugendlichen in patriotischen Sportverbänden, in Uniformen.

„Halt geben“ und „den Charakter herausbilden“ – das hieß: für ein freies und unabhängiges Polen eintreten, selbst unter Lebensgefahr. Das jedoch ahnt man erst, wenn sich in den Erzählungen die Lebensläufe allmählich verbinden: der des Papstes, die eigenen und die der Eltern. Sie alle aus dem Jahrgang 1920 haben gegen zwei Diktaturen gekämpft, erst gegen die Nazis, dann gegen die Kommunisten. Und ihr Lolek hat am Ende triumphiert, er verkörpert den Sieg des Guten über das Böse. Nur ein einziger aus ihrem Abiturjahrgang 1938, sagt Eugeniusz Mróz, habe je mit dem Sozialismus sympathisiert.

Vater Wojtyla, ein kleiner Eisenbahner, hatte noch in der k.u.k.-Armee gedient und kämpfte 1920 im Krieg gegen Sowjetrussland bei Minsk und Lemberg um Polens Ostgrenze. Der Konditor Hagenhuber, ein gebürtiger Wiener, war im Ersten Weltkrieg in der Gegend verwundet worden, verliebte sich im Lazarett in die polnische Krankenschwester, heiratete und blieb. Die beiden Väter hätten oft Deutsch miteinander gesprochen, erinnert sich Sohn Hagenhuber: Karol, der Armdrücker. Er selbst dagegen nur widerstrebend, er war polonisiert.

1939, als Hitler Polen überfiel, waren sie schon im Soldatenalter. Wadowice wurde dem Reich zugeschlagen; jenseits der Brücke über die Skawa begann das Generalgouvernement. Auschwitz ist nur 35 Kilometer entfernt. Die Hagenhubers wurden Reichsdeutsche, Sohn Karol in die Wehrmacht eingezogen. Er türmte, schloss sich in Albanien den Partisanen gegen die italienische Besatzung an, schlug sich nach Kriegsende in die amerikanische Zone durch, hoffte auf US-Hilfe zur Befreiung Polens. „Aber der Westen hat uns verkauft.“

Eugeniusz Mróz kämpfte in der Untergrundarmee Armia Krajowa, die kein Polen von Stalins Gnaden wollte, sondern die Befreiung aus eigener Kraft. Das ließen ihn die Kommunisten bei Arbeits- und Wohnungssuche spüren. Zehn der 40 Abiturienten sind im Krieg geblieben, gefallen bei Tobruk und beim Sturm auf Monte Cassino, abgeschossen als Piloten der Royal Air Force, ermordet in Straflagern in Sibirien und Spanien.

Rosen und Tränen

Lolek aber, der unter dem Schutz des Krakauer Kardinals Sapieha durch den Krieg kam und 1946 die Priesterweihe erhielt, wurde immer mehr zum Fixstern für die Überlebenden. 1968 und 1973, zum 30. und zum 35. Abitur-Jubiläum trafen sie sich im Sitz des Erzbischofs Karol Wojtyla – und jeden letzten Sonntag im Dezember. Auch für 1978 hatten sie sich verabredet, aber dann war Lolek im Oktober zum Konklave nach Rom gereist – und geblieben. 1979, bei der ersten Polenreise Johannes Pauls II. haben sie sich wiedergesehen. „Wir haben ihm einen Rosenstrauß überreicht, da hat er geweint – und wir auch.“ Zum 60. Abiturjubiläum 1998 hat Lolek sie eine Woche lang in die päpstliche Residenz Castelgandolfo eingeladen.

Eugeniusz Mróz war mit seinem Sohn in diesem Frühjahr wieder in Rom, natürlich hat der Papst sie zum Abendessen empfangen. „Wenn man ihn in diesem Zustand sieht, so gebrechlich, da kommen einem die Tränen. Aber sein Geist ist hellwach.“ Nein, über die Krankheit wird nicht gesprochen. Eugeniusz hat ihn nur gebeten, sich zu schonen, sich nicht mehr so oft in dem schweren Ornat durch die langen Lithurgien zu quälen.

Sie brauchen ihn doch noch. „Polen hat die Chance schlecht genutzt, die er uns mit dem Sturz des Kommunismus eröffnet hat. Die Freiheit bringt moralischen Verfall mit sich. Es fehlt an sozialer Gerechtigkeit, die Reichen bedienen sich ungeniert.“ Eugeniuszs Enkelin hat keinen regulären Studienplatz bekommen, von seiner schmalen Rente spart er sich was ab, um die 5000 Zloty im Jahr für ihr Abendstudium aufzubringen. Der Lebensmittelkiosk seines Sohns steht kurz vor dem Bankrott.

Von den Gerüchten, dies sei die letzte Reise des Papstes, vielleicht werde er hier seinen Rücktritt erklären und in Polen bleiben – oder durch eine göttliche Fügung in Krakau sterben, damit sich der Kreis schließe, hält Eugeniusz nichts. „Christus ist auch nicht vom Kreuz herabgestiegen“, so hat es ihm der Heilige Vater erklärt. Nur eines sei sicher, sagt er, und die anderen nicken: „Jeder von uns würde sein Leben geben, wenn nur er möglichst lange lebt.“

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