Papst-Reise : Kleine Schritte über rote Linien

Es war der heikelste Punkt seiner Amerika-Reise: Wie würde der Papst mit dem Pädophilie-Skandal umgehen, der die Kirche in den USA in eine tiefe Krise gestürzt hat? Benedikt hat seine Kritiker überrascht, besänftigt hat er sie nicht.

Matthias B. Krause[New York]

Die Bilder ähneln sich, die Worte auch. Mit seinem reinweißen Papstmobil wird Benedikt XVI. durch Washington und New York gefahren und wo er auftaucht, jubeln die Menschen ihm zu, drängen sich an den Straßenrändern, um einen Blick auf ihn zu erheischen. Aus allen Teilen des Landes pilgerten am Donnerstag 46 000 aus dem ganzen Land in das nagelneue Baseballstadion der Nationals in Washington, um den Mann aus Rom zu hören, um Baseballkappen zu kaufen und Gebetsketten, Postkarten und gelbe Golf-Shirts mit den Insignien des Papstes, T-Shirts mit dem Motto „The one who has hope lives differently“. Der, der Hoffnung hat, lebt anders.

Vorne auf der Bühne liest der Mann, den die amerikanischen Medien ob seiner konservativen Ansichten und seiner deutschen Herkunft einst als „Gottes Rottweiler“ beschrieben, seine Botschaft in seiner weichen, warmen Stimme mit schwerem bayrischen Akzent seine Botschaft vor. Sein schlohweißes Haar leuchtet in der Frühlingssonne.

Mit einem Mal wird die Stimme fast unheimlich still. Der Papst spricht von den Schmerzen, die der Missbrauch von Jungen und Mädchen durch katholische Priester in den USA bereitet habe. „Keines meiner Worte kann die Schmerzen und den Schaden beschreiben, der angerichtet wurde“, sagt Benedikt, „und ebenso wenig kann ich den Schaden angemessen beschreiben, der dadurch der Gemeinschaft der Kirche entstanden ist.“

Später an diesem Tag lässt er seinen Worten Taten folgen. Er trifft sich mit fünf Opfern in der Botschaft des Vatikans in Washington. Sie hätten mit dem Papst gebetet, sagte hinterher einer seiner Sprecher. Etwas später treten drei der Betroffenen, inzwischen erwachsen, beim Nachrichtensender CNN auf.

Er habe Benedikt gesagt, „unter ihrer Priesterschaft wuchert Krebs und sie müssen etwas dagegen tun“, sagt Bernie McDaid. Es sei nicht nur sexueller Missbrauch gewesen, sondern auch spiritueller Missbrauch. „Und ich will, dass Sie das wissen.“ Benedikt habe zu Boden geblickt, dann in sein Gesicht.

„Ich weiß, was Du meinst.“

Es sei ein sehr emotionaler Augenblick gewesen. Und auch Olan Horne, auch er einst Opfer, sagt, seine Hoffnung in die Kirche sei mit dem überraschend anberaumten Treffen jenseits der Fernsehkameras wieder hergestellt worden.

Die Frage, wie der Papst mit dem Missbrauchsskandal umgehen würde, der 2002 ans Tageslicht gekommen war, hatte die US-Medien seit Tagen sehr beschäftigt. Noch bevor Benedikt seine Füße das erste Mal auf amerikanischen Boden setzte, ließ er verbreiten, dass sich die Kirche „schäme“ für die Vorfälle, von denen mehr als 13 000 Jungen und Mädchen betroffen sind. Diese Formel wiederholte er bisher auf jeder Station seines fünftägigen Besuches.

Dass sich der Papst nicht nur mit Worten an die Seite der Opfer stellt, ist ein Schritt, der nicht unbedingt zu erwarten war. Er hat damit zumindest denVorwurf widerlegt, er würde sich um das heikelste Thema seines US-Besuchs herumdrücken: den Pädophilie-Skandal, der die US-Kirche in eine jahrelange schwere moralische und finanzielle Krise gestürzt hat, die noch immer andauert. Und Benedikt hatte sich dagegen entschieden, die Erzdiözese Boston zu besuchen. Dort war vor sechs Jahren der Missbrauch von Kindern durch Geistliche bekannt geworden. Der „Boston Globe“ deckte auf, dass der Priester John J. Geoghan sich über 35 Jahre an mehr als 130 Minderjährigen vergangen hat und dass diese Vergehen der Bistumsleitung bekannt waren. Geoghan durfte trotzdem Seelsorger bleiben.

„Das Treffen mit den Opfern hat eine neue Qualität“, sagt der Historiker und Kirchenexperte Bernd Schäfer vom Woodrow Wilson Center in Washington, einem renommierten Forschungsinstitut. „Damit dokumentiert er seine Solidarität“. Und einen Lernprozess. Es ist ein Schritt über eine rote Linie.

Als Benedikt noch als Joseph Ratzinger in Rom im Range eines Kardinals mit den Fällen befasst war, trug er nicht gerade zur Aufklärung bei. Vielmehr bremste er so gut es ging und versuchte, die Angelegenheit möglichst kirchenintern zu regeln. Mittlerweile mussten die katholische Kirche in den USA jedoch mehr als zwei Milliarden Dollar Schadenersatz zahlen. Fünf Diözesen gingen über den Skandal pleite, mehr als 5000 Priester stehen unter Missbrauchsverdacht oder wurden für schuldig befunden. Noch immer kommen neue Fälle dazu, noch immer haben die Opfer in den von der Kirche beschäftigen Anwälten unerbittliche Gegner.

Benedikt sagte nun, es komme nicht darauf an, wie viele Priester die Kirche habe, sondern dass es gute Priester seien. Vor allem das deute auf einen Sinneswandel hin, sagt der Historiker Schäfer. „Bislang haben die Personalverantwortlichen die Schuldigen oft nur hin- und hergeschoben, weil sie Angst hatten, die Priester zu verlieren.“ Wegen des Zölibats gibt es ohnehin einen Personalmangel, von dem die Kirche nicht wisse, wie sie ihn beherrschen könne. Zudem bescheinigt Schäfer dem Kirchenoberhaupt, das im Vergleich zu seinem populären Vorgänger Johannes Paul II. als spröde gilt, gute PR-Arbeit.

Vielleicht gelingt es Benedikt, die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen, die Missbrauchsopfer sind skeptisch.

„Das Treffen des Papstes mit den Opfern in Washington war ein lange überfälliger Schritt“, sagt etwa Joelle Castrix vom Survivors Network of Those Abused by Priests, einer Opferhilfsorganisation. „Und wir sind sicher, es war für die Teilnehmer wichtig. Aber grundsätzlich hat sich nichts geändert. Eine wirkliche Reform in der Kirchenhierarchie ist dringend nötig.“ Andere kritisieren, dass der Papst von Washington nach New York weiterfuhr, um sich mit seiner Rede vor den Vereinten Nationen in die Weltpolitik einzumischen. Stattdessen hätte er sich nach Boston trauen sollen, dem Epizentrum des Missbrauchsskandals.

Dem Problem kann der Papst aber auch in New York nicht ganz entkommen. Eine Galerie in SoHo zeigt derzeit eine Ausstellung der Fotografin und Autorin Carmie Galasso. In stillen, manchmal dramatischen Schwarzweißbildern sind dort 30 der Opfer zu sehen, die an die Orte ihres Schreckens zurückkehrten. Daneben stehen kurze Zitate, die ihren Fall beschreiben. Auf einem Bild ist das Gesicht einer Frau in einer spiegelnden Fläche zu erkennen, das Licht wird gebrochen von hunderten Unebenheiten. Rechts oben in der Ecke hängt etwas, das ein Kreuz sein könnte. Der Text sagt: „Mein Name ist Patricia Anne Cahill, ich bin zweiundfünfzig. Ich lebe in Lancaster, Pennsylvania und ich werde langsam erwachsen.“

Ihr ist das Verhalten des Pontifex zu wenig. „Der Skandal hat den Papst also beunruhigt? Dann hat er mein volles Mitgefühl“, sagt sie sarkastisch in einem Interview mit der „New York Times“, „er sollte Lunch mit uns haben, dann würde er sehen, was es wirklich bedeutet, beunruhigt zu sein.“ Das Treffen mit den fünf Betroffenen in Washington betrachtet sie mit Misstrauen. Warum nur habe es sich um Leute gehandelt, die Bostons Kardinal Sean O´Malley handverlas? „Vielleicht“, sagt Cahill, „haben sie nur gesagt, was die Kirche und was die Öffentlichkeit hören wollten.“ In der Galerie in SoHo jedenfalls halten sie in diesen Tagen eine Mahnwache ab. Am Freitag, als er vor der Generalversammlung der UN spricht, lesen sie die Namen der Missbrauchsopfer.

In der Anfangsphase des Skandals versuchten einige von ihnen jahrelang vergeblich, sich beim Vatikan Gehör zu verschaffen. Wie Gary Bergeron, der 2003 nach Rom reiste und tagelang buchstäblich an die Türen des Vatikans klopfte, um mit dem Papst zu sprechen. Schließlich erklärte sich nur ein hochrangiger Kirchenvertreter dazu bereit, ihn zu empfangen. John Paul II. ignorierte den Skandal und die Betroffenen bis zu seinem Tod 2005. Sein Nachfolger brauchte weitere drei Jahre für seine Geste der Solidarität. Bergeron, der über seine Erlebnisse ein Buch mit dem Titel „Don`t Call Me a Victim“, „Nenn mich nicht Opfer“, schrieb, sagt heute: „Immerhin haben wir den Ball ein bisschen das Spielfeld hinunter bewegt. Mit seinem Statement hat Papst Benedikt zumindest einen neuen Maßstab gesetzt.“

Was in den Augen der Opfer folgen muss, sind wirkliche Taten. „Trotz der beruhigenden Worte und der Versprechen auf eine Reform bleibt es bei den kalten, harten Fakten“, sagt David Clohessy vom Survivor Network in Boston, „nicht ein einziges Kind ist sicherer geworden durch das, was der Papst in dieser Woche gesagt hat.“

Und solange es Fälle gibt wie den von Jim Hackett, einem Programmierer aus Cheshire, Connecticut, wird es mehr brauchen, als kurze Audienzen, um das Vertrauen in die katholische Kirche in den USA wieder herzustellen.

Hackett, heute 44, wurde als Junge von einem Priester sexuell missbraucht. Als er 30 Jahre später mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit trat, kam heraus, dass sich der Betreffende an einer ganzen Reihe von minderjährgen Jungen vergangen hatte. Er wurde zunächst von seinem Posten entbunden und beurlaubt. Heute arbeitet er wieder als Priester. Unbestraft und unbehelligt.

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