Paradedampfer der Nazis : Die unsinkbare Erinnerung

Drei sowjetische Torpedos, 9000 ertrunkene Flüchtlinge und Matrosen – und ein neuer, furchtbarer Verdacht. Am 30. Januar 1945 sank die "Wilhelm Gustloff".

Ein Junge und ein Mädchen. Sie stehen im Wasser und rufen: „Mutti! Vati! Helft uns doch!“ Die Mutter neben ihnen beugt sich hinunter. „Seid still, gleich sind wir beim lieben Gott.“

Ein Parteiführer, er trägt noch die braune Uniform. Seine Frau hält zwei Kinder an der Hand und brüllt: „Mach schnell ein Ende mit uns!“ Drei Schüsse fallen, dann richtet der Mann die Waffe gegen sich selbst. Sie versagt.

Ein Gespenst an Deck. Es hüpft und schreit und trägt den Mantel eines Marineoffiziers. Der Mann hat nur noch einen Fuß und hangelt sich an der Reling entlang. Blut tropft von seinem Stumpf auf die Planken.

Ein Soldat vor den Rettungsbooten. Er hat sich als Frau verkleidet und will einen der rettenden Plätze ergattern, aber der Wachoffizier reißt ihm das Tuch vom Kopf. „Du feiges Schwein!“ Dann erschießt er ihn.

Heinz Schön hat all das erlebt. Innerhalb einer Stunde. Am 30. Januar 1945, in der Nacht, in der die „Wilhelm Gustloff“ sank, genau zwölf Jahre nach der Machtübernahme der Nazis. Die „Gustloff“ war auf dem Weg von Gotenhafen nach Kiel, als sie vor Stolpmünde von drei sowjetischen Torpedos versenkt wurde. 9000 Menschen ließen ihr Leben auf dem Grund der Ostsee, sechsmal mehr als beim Untergang der „Titanic“. Nur 1000 haben überlebt. Aber was ist das für ein Leben, in dem Tag für Tag das Grauen zurückdrängt in die Köpfe? Die Kinder im eisigen Wasser. Das hüpfende Gespenst. Der verkleidete Soldat.

Einer der Überlebenden hat mal gesagt: „Die Toten haben es hinter sich. Wir sterben jedes Jahr aufs Neue.“ Immer wieder am 30. Januar.

Beim Untergang der „Gustloff“ war Heinz Schön 18 und Zahlmeisteraspirant, eine Art Hotelmanager auf See. Das Schiff hat sein Leben geprägt. Jahrelang mied er Brücken mit Eisengeländern, weil sie ihn an eine Schiffsreling erinnerten und dazu animierten, sofort ins Wasser zu springen. In Autos fühlte er sich genauso beengt wie im Rettungsboot und musste sich sofort übergeben. Heinz Schön fand seine eigene Art, mit der Katastrophe umzugehen. Er hat sie beschrieben, in vier Büchern, eines davon hat Günter Grass gelesen. Grass verdankt Schöns Recherche das literarische Comeback mit der Novelle „Im Krebsgang“. Seine im Jahr 2002 noch unangetastete Autorität machte ein Thema gesellschaftsfähig, das bis dahin tabu war: Es gab im Krieg nicht nur deutsche Täter. Es gab auch deutsche Opfer.

Auch Norbert Sauer stieß in diesen Tagen auf den Untergang der „Gustloff“. Der Chef der Filmgesellschaft Ufa sagt, das Thema habe ihn sofort elektrisiert. „Daraus müssen wir einen Film machen!“ Sauer gewann den Regisseur Joseph Vilsmaier und das ZDF für das Projekt. Jetzt ist der Zweiteiler fertig, das ZDF zeigt ihn ab dem 2. März zur besten Sendezeit.

Heinz Schön war von Anfang an als Berater dabei. Er hat „Die Gustloff“ schon ein paar Mal gesehen. Am Schneidetisch in Mainz. Bei der Pressevorführung in den Hamburger Kammerspielen. Zuletzt am Dienstag im Berliner Sony-Center mit der Bundeskanzlerin. Joseph Vilsmaier hat ihm eine Szene gewidmet. Noch einmal sieht der Greis, wie er sich als 18-Jähriger am Telefon meldet: „Zahlmeisterei, Schön!“ Den Film hält er für „unglaublich realistisch, vor allem, wenn das Wasser einbricht“. Das ist ein Kompliment, aber auch Zeugnis dafür, wie schwer es Schön fällt, alles noch einmal zu erleben.

Im Juni wird er 82. Ein kleiner Mann, das weiße Haar zurückgekämmt und immer noch voll, zu offiziellen Anlässen trägt er einen dunkelblauen Anzug und eine Krawatte mit aufgesticktem Anker. Das Meer hat ihn schon immer fasziniert. Daheim in Schlesien gab es kein Meer. Heinz Schön hat trotzdem eine Marine-HJ- Gruppe gegründet, die Prüfungen zum Seesportabzeichen bestanden und die Reichsseesportschule besucht. Ja, er war begeisterter Hitlerjunge, und an den Endsieg hat er auch geglaubt. Gern wäre er zur Kriegsmarine gegangen, doch seine Augen waren zu schlecht. Nicht kriegsdiensttauglich. Also hat er sich der Handelsschifffahrt verschrieben. Sein erstes Kommando führte ihn Ende 1944 auf die „Gustloff“, nach Gdynia, in die Stadt, die die Nazis Gotenhafen nannten.

Anders als Danzig ist Gdynia nie eine deutsche Stadt gewesen. Es war Polens Tor zur Welt, aufgebaut aus einem Fischerdorf im Schutz der Halbinsel Hela nach der staatlichen Wiedergeburt zwischen den Weltkriegen. Der Marinestützpunkt im östlichen Stadtteil Oxhöft war der letzte, der im September 1939 vor der Wehrmacht kapitulierte. Die Deutschen bauten Gotenhafen zum wichtigsten Ostseehafen aus. Hier meldete sich der 15-jährige Danziger Günter Grass zum Dienst bei der U-Boot-Waffe. Und landete bei der Waffen-SS.

Heute zählt Gdynia 280 000 Einwohner. Für den flüchtigen Besucher wirkt es so, als würde die Stadt zur Hälfte aus Kränen, Containern und Hafenbecken bestehen. „Unglaublich, was die Polen hier geleistet haben“, sagt Heinz Schön. Mit dem Bühnenbildner der Ufa ist er nach Gdynia gereist, vom Bahnhof rund um die Hafenanlagen gefahren bis nach Oxhöft, das heute Oksywie heißt und militärisches Sperrgebiet ist. Viel Beton und Stacheldraht. Schön hat dem Bühnenbildner gesagt, die Kosten für den Dreh in Polen könne er sich sparen, und die Ufa wich aus nach Stralsund. In Gdynia ist nichts mehr so, wie es in Gotenhafen war.

Wo heute Plattenbauten in den Himmel ragen, standen 1945 Speicher, Schuppen und Lagerhäuser. Hier fanden die Flüchtlinge aus Ostpreußen Unterschlupf. Um die 100 000 Menschen strömten in den späten Januartagen nach Gotenhafen, im Rücken die Rote Armee. Ein Name machte die Runde. Nemmersdorf. Das erste deutsche Dorf, das die Sowjets eroberten und wo sie grausame Rache nahmen für die deutschen Kriegsverbrechen im Osten. Ganz Ostpreußen machte sich auf die Flucht nach Westen. Da die Rote Armee schon tief in Pommern stand, blieb nur der Weg über die Ostsee.

Viele Schiffe hatten in Gotenhafen festgemacht, die „Gustloff“ war nicht mal das größte. Aber das bekannteste, der Paradedampfer der Nationalsozialistischen „Kraft durch Freude“-Urlaubsflotte. Hitler war 1937 Taufpate. Jedes Kind in Deutschland kannte die „Wilhelm Gustloff“, das Traumschiff der 30er Jahre.

Manche sinken zu Boden und schicken ein Stoßgebet zum Himmel, als sie das Schiff betreten. Endlich in Sicherheit! Andere haben Angst. Heinz Schön erinnert sich an eine 20-jährige Marinehelferin, „sie hieß Anni und hat immer wieder gesagt: Ich will nicht auf das Todesschiff“. Widerwillig bezieht sie ihr Quartier im Schwimmbad, weit unter der Wasserlinie. Als es am 30. Januar endlich losgeht, ist das Schiff hoffnungslos überladen. 4000 Flüchtlinge sollten mit, jetzt sind es 9000. Exakte Zahlen gibt es nicht, denn der Zahlmeisteraspirant Heinz Schön hat irgendwann aufgehört, Listen zu führen, weil ihm die Kladden ausgingen.

Offiziell hat Wilhelm Petersen das Kommando, aber der Handelskapitän tut sich schwer mit Korvettenkapitän Wilhelm Zahn von der Kriegsmarine. Als die „Gustloff“ die Spitze der Halbinsel Hela umschifft, fehlt das versprochene Geleit. Der Marineoffizier Zahn will die 1000 Matrosen an Bord so schnell wie möglich nach Kiel bringen. Also setzt die „Gustloff“ ihre Fahrt fort, begleitet allein von einem winzigen Torpedoboot. Aus Angst, in Küstennähe auf Minen zu laufen, wählt sie den Weg übers offene Meer. Dazu befiehlt Petersen, nur zwölf Knoten statt der möglichen 15 zu fahren. Mehr traut er der „Gustloff“ nicht zu, denn das Schiff hat den Hafen in den vergangenen vier Jahren nicht verlassen. Keiner weiß, wie die Maschinen den plötzlichen Einsatz verkraften.

Drei Entscheidungen. Drei Fehlentscheidungen.

Die flachen Küstengewässer, umfangreiches Geleit und höheres Tempo hätten einen U-Boot-Angriff so gut wie unmöglich gemacht. Aber wer rechnet schon mit einem U-Boot in der angeblich geräumten Ostsee? Die größte Fehlleistung provoziert jener mysteriöse Funkspruch, der gegen 18 Uhr die Kommandobrücke erreicht. Er warnt die „Gustloff“ vor entgegenkommenden Minensuchern.

Keiner will sich später an den Überbringer dieser Nachricht erinnern. Der Oberfunkmeister, den Heinz Schön nach der Wende in der DDR aufgestöbert hat, schwört Stein und Bein, er habe niemanden aus seinem Funkraum hinauf zur Brücke geschickt, wegen der vereisten Antennen sei gar kein Funkverkehr möglich gewesen. Die Folgen sind fatal. Um eine Karambolage mit den Minensuchern zu vermeiden, lässt die „Gustloff“ Positionslichter setzen. Beleuchtet wie in tiefsten Friedenszeiten fährt das Schiff durch die verschneite Dämmerung. Als nach 90 Minuten immer noch keine Minensucher in Sicht sind, lässt Petersen das Licht wieder ausschalten. Zu spät. Ein sowjetisches U-Boot, die S-13, hat das Schiff entdeckt.

Von jetzt an bleiben der „Gustloff“ nicht einmal mehr zwei Stunden.

Wer hat den Funkspruch gefälscht? Der Film deutet eine Antwort an, für die es keine Beweise gibt, die aber auch Heinz Schön favorisiert: Sabotage. Begangen von Deutschen, die hinter der Front umgedreht wurden. Womöglich vom Nationalkomitee Freies Deutschland, einem Zusammenschluss von deutschen Kriegsgefangenen und kommunistischen Emigranten in der Sowjetunion. „Man weiß ja, dass diese Leute mit Fallschirmen abgesetzt wurden. Und eine Uniform konnte sich im Chaos auf dem Schiff jeder anziehen“, sagt Schön, er räuspert sich, und für ein paar Sekunden versagt seine Stimme. „So etwas Hinterhältiges … nein, das will ich mir gar nicht vorstellen.“

Auf der Brücke ahnt keiner die Gefahr. Als die „Gustloff“ die Sandbank vor Stolpmünde erreicht, prosten sich die Kapitäne mit Cognac zu. Sie wähnen den schwersten Teil der Reise überstanden. Es ist 21 Uhr 16. Auch Heinz Schön gießt sich in seiner Kammer ein Glas ein. In diesem Augenblick kommen die drei Torpedos. Sie treffen das Vorschiff, den Maschinenraum und das Schwimmbad, in dem die Marinehelferinnen schlafen. Die 20-jährige Anni zählt zu den ersten Opfern.

Bei manchen Passagen schließt Heinz Schön im Kino die Augen. Wenn die Panik um sich greift und sich die Masse aus Leibern über die Treppen nach oben wälzt. Wer fällt, ist verloren. Wie viele Mütter verlieren in diesen Minuten für immer ihre Kinder? Rettungsboote stürzen in die Tiefe und zerschellen in der See. Auf dem verglasten Promenadendeck trommeln die Eingeschlossenen verzweifelt gegen die Scheiben aus Panzerglas. Nach 62 Minuten ist der Kampf verloren. Um 22 Uhr 18 sinkt die „Gustloff“.

Heinz Schön hat es in letzter Sekunde auf ein Floß geschafft. Neben ihm liegt ein Bündel, er greift danach und hält plötzlich einen blonden Haarschopf in den Fingern. Ein Mädchen, es blickt Schön mit verängstigten Augen an und bittet ihn, gemeinsam das Vaterunser zu beten. Die nächste Welle spült das Mädchen hinaus aufs Meer. Mehr als 4000 Kinder finden beim Untergang der „Gustloff“ den Tod. Viele treiben mit den Füßen nach oben im Wasser. Noch Jahre später wundern sich Schiffer über die vielen Bälle, die bei Stolpmünde im Meer treiben. Es sind die Schädel der Ertrunkenen.

War die Versenkung der „Gustloff“ ein Kriegsverbrechen? Nein, sagt Heinz Schön. „Das Schiff hatte Soldaten an Bord, es war bewaffnet und fuhr mit grauem Tarnanstrich. So schwer es uns fällt, das zu akzeptieren: Die Torpedierung war durch das Kriegsrecht gedeckt.“

Für Heinz Schön gehörte es zu seiner persönlichen Aufarbeitung der Geschichte, auch auf der anderen Seite zu forschen. Er hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Viele Leidensgenossen empfanden es als Verrat, dass er sich schon in den 50er Jahren um Kontakte zu sowjetischen Seeleuten bemühte. Dass er mit Alexander Marinesko korrespondierte, dem Kommandanten des U-Bootes S-13, der später auch noch den Flüchtlingsdampfer „Steuben“ versenkte und posthum als Held der Sowjetunion gekürt wurde.

Zu Beginn der 90er Jahre traf Schön in St. Petersburg Wladimir Kurutschkin. Den Mann, der am 30. Januar 1945 die drei Torpedos abgefeuert hatte. In ordensgeschmückter Uniform und voller Stolz berichtete Kurutschkin vom Abschuss der Gustloff, dem Nazi-Schiff, beladen mit Soldaten und faschistischen Verbrechern. Schön erzählte ihm von den vielen Kindern und Frauen. Als er drei Monate später noch einmal nach St. Petersburg kam, empfing ihn die Frau des Torpedisten. „Mein Mann hat seit Ihrem letzten Besuch nicht mehr richtig geschlafen. Er muss immer an die Frauen und Kinder denken. Er hat das wirklich nicht gewusst.“

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