Paralympics-Portrait : Immer vorneweg

Sie sind blind und rasen doch mit Skiern über Pisten und auf Loipen die Hänge hinab. Sie müssen beim Tischtennis neben dem Rollstuhl auch noch die Kelle beherrschen: Athleten mit Handicap. In Berlin zeigen Sportler jetzt, was sie können - und wie sie Leidenschaft und Beruf vereinen.

Lorenz Vossen
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Auf Zuruf. Verena Bentele holte mit Begleitläufer Franz Lankes in Turin/Pragelato Gold. Er fährt vor und ruft ihr die Infos zur...Foto: dpa

VERENA BENTELE, BIATHLETIN, SIEBEN GOLDMEDAILLEN

Es klingt ziemlich schwierig: Eine Langlaufloipe mit engen Kurven und vereisten Stellen. Ein Schießstand mit zehn Meter entfernten, 32 Millimeter breiten Zielscheiben, die man treffen muss – und das alles in völliger Dunkelheit. Verena Benteles größte Schwierigkeit mutet dagegen eher banal an: „Es ist nicht immer einfach, den Leuten zu vermitteln, dass ich mich selber völlig normal finde", sagt die erfolgreichste Blinden-Biathletin der Welt. Das sie das ist, werden die Besucher des International Paralympic Day (IPD) am Sonnabend im Gespräch mit Verena Bentele schnell feststellen.

Mit elf Jahren begann die 27-Jährige, die von Geburt an nicht sehen kann, Leistungssport auf Skiern zu betreiben – vier Jahre später war sie Europameisterin auf der 7,5-Kilometer-Distanz im Biathlon. Mit der Teilnahme an drei Paralympischen Winterspielen hat sie ihrer Heimat Bayern seit 1998 sieben Goldmedaillen beschert. Grund genug für Bentele, mehr als Sportlerin denn als Behinderte angesehen zu werden. „Es ist bei mir ja genauso wie bei anderen Sportlern. Der Sport ist Hauptteil meines Lebens, in den ich alles hineinstecke“, sagt sie, die ihren Magister in Germanistik an der Universität macht.

Der „International Paralympic Day“ in Berlin ist für sie wichtig, weil er Berührungsängste nimmt. „Und es ist eine Möglichkeit, den Leuten zu zeigen, wie Biathlon für Blinde funktioniert. Und das mitten in der Stadt, letztes Mal waren schon so viele Menschen da, das war toll", freut sich Bentele über ihr zweites Engagement auf dem Pariser Platz. An einem Schießstand will die paralympische Botschafterin Besuchern zeigen, wie Blinde mit einem Gewehr zielen und treffen. Wer möchte, darf es selber ausprobieren: Beim Blindenbiathlon benutzen die Athleten kein Luft-, sondern ein Infrarotgewehr. Dieses gibt ein Tonsignal ab, das der Schütze über einen Kopfhörer empfängt. Der Ton verändert sich mit der Entfernung zum Ziel. „Diesen Ton habe ich immer im Ohr", sagt Bentele. Auch mit dem Laufen hat es im Blindenbiathlon etwas Besonderes auf sich: Damit die Athleten bei ihrem hohen Tempo nicht von der Strecke abkommen, haben sie, genau wie Läufer in der Leichtathletik, einen Begleitläufer, der sie führt und ihnen ständig zuruft, wo es lang geht. Wenn das nicht klappt, rasen sie in die Bande – Bentele ist das schon mal passiert. „Es ist schwierig, einen Läufer zu finden, der selber keine Wettkämpfe bestreitet und bereit ist, eine Ehe auf Zeit einzugehen“, weiß Bentele. Kürzlich ist sie fündig geworden und bereitet sich nun auf ihr großes Ziel, die Paralympischen Winterspiele 2010 in Vancouver, vor: drei Mal Laufen, zwei Mal Krafttraining in der Woche. Ein Aufwand, den sie stemmen kann, weil sie dem von zwei Großkonzernen finanzierten „German Paralympic Top Team" angehört. Nach dem Studium will sie im Personaltraining arbeiten und Profisportlern beim Umgang mit Medien helfen – ein Job, der gut zur wortgewandten Athletin passt. „Franck Ribéry hat letztens in einer Fernsehshow auf fünf verschiedene Fragen die gleiche Antwort gegeben. Ich glaube, dagegen kann man was machen." Lorenz Vossen

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