Zeitung Heute : Paris diktiert!

Christian Dior gab 1947 sein Debüt und bestimmte zehn Jahre lang die Silhouette der Frau. Vor 100 Jahren wurde er geboren

Katrin Kruse

Nach seiner ersten Modenschau am 12. Februar 1947 wurde der 42-jährige Christian Dior in der Avenue Montaigne mit überwältigendem Jubel empfangen. Kurze Jacken mit runden, weichen Schultern, schmal geschnürte Taillen, ein weit fallender, wadenlanger Rock mit ungeheurem Volumen: „Ihre Kleider haben einen so neuen Look“, sagte Carmel Snow, die Chefredakteurin von Harpers Bazaar.

Bald war das, was der Couturier „Ligne Corolle“, Blütenkelchlinie, getauft hatte, als „New Look“ bekannt. Seine charakteristischen Formen wurden noch kopiert, als Dior mit seiner Linie längst weitergeeilt war. Bis zu seinem Tod 1957 bestimmte er die Silhouette der Frau – und er erfand sie in jeder Saison neu.

Der „New Look“ war der Beginn, er war Sensation. Ließe sich ein größerer Gegensatz zu dem denken, was in der Nachkriegszeit auf den Straßen zu sehen war? Uniformen, umgearbeitet zu Kostümen. Dicke Holzsohlen, kurze Röcke, lange Jacken mit breiten Schultern. Mit welch „rächender Freude“ habe er später die Gegenspur aufgenommen, schreibt Dior in seiner Autobiografie!

Da war zunächst der großzügige Umgang mit dem Material. Dior schuf eine Linie, die nicht von der Stoffknappheit diktiert war, einen Look, der nicht aus der Zufälligkeit des Verfügbaren entstand, eine Mode, die nicht den Notwendigkeiten der Existenzsicherung geschuldet war, sondern einzig dem Grundverlangen der Couture: die Frauen schöner zu machen. Dass der „New Look“ kein neuer, sondern vielmehr ein alter Look war, darauf verweisen Modehistorikerinnen noch heute. Rückkehr zum weiblichen Ideal der Belle Epoque, Anknüpfung an die bereits voluminöser gewordenen Silhouetten vor allem der Abendkleider vor dem Krieg.

Keineswegs modern war auch die dekorative Weiblichkeit, die Dior in die Mode brachte. Hatte man die nicht überwunden mit den Jumperkleidern der zwanziger Jahre, mit den Jerseys und Tweedkostümen Chanels, bei der Eleganz immer auch eine Frage der Bewegungsfreiheit war? Lächerlich, diese Kleider, die nicht einmal in einen Koffer passten, so schien es Coco Chanel, die ihr Pariser Couturehaus erst 1954 wiedereröffnete.

Mit Dior, so heißt es bisweilen, hätten die fünfziger Jahre in Frankreich schon vor den fünfziger Jahren begonnen; er führte die charakteristischen Formen ein und schuf Entwürfe, in denen man wenig mehr konnte als sitzen und stehen – mit kühnem Schwung zwar, den Körper je nach Linie in die passende Pose gebracht, doch nicht ohne die Obstruktion komplizierter Unterkonstruktionen und steifer Fütterung. Das Kleid, so Dior, sei eine „Art ephemerer Architektur, um die Proportion des weiblichen Körpers zu sublimieren.“ Dass das Kleid schwer wog, nahm er in Kauf. Die einen waren begeistert, die anderen empört ob der langen Röcke oder allein aufgrund des gigantischen Stoffverbrauchs von acht bis 25 Metern, den ein „New Look“-Modell forderte. Pragmatischere machten sich sogleich daran, aus drei Kleidern ein neues im Stil des „New Look“ zu schneidern.

Es war also das Jahr 1947, in dem „der Christian Dior des Hauses Christian Dior geboren wurde“, wie es der Meister in seiner 1956 erschienenen Autobiografie ausdrückt, die in der französischen Originalausgabe den treffenden Titel „Christian Dior et moi“ trägt: „Es gibt zwei, die sich immer klarer trennen: mich und den anderen.“

Der Erste wird am 21. Januar 1905 in Granville als Sohn eines Chemiefabrikanten geboren und „verabscheut den Lärm, den mondänen Wirbel und plötzliche Veränderungen“. Der Zweite ist der Couturier, der beunruhigende Fremde, der im Jahr 1947 in die Welt tritt. Finanziert vom Textilfabrikanten Marcel Boussac, eröffnet der Modezeichner Dior sein eigenes Couturehaus, in dem fortan zu Beginn jeder Saison mondäner Wirbel, Lärm und Veränderung herrschen. 1948 kommt eine Filiale in New York dazu; er schließt Lizenzverträge mit prozentualer Beteiligung ab, wie sie heute grundlegend für den Gewinn der Modehäuser sind. Hüte, Schuhe, Parfüm und Strümpfe: Dior war ein kompletter Look. Man sprach vom Modediktat, und Dior übte es aus, bis er im Herbst 1957 unerwartet an einem Herzanfall starb. „Paris diktiert“ hieß es auch, wenn der deutsche Modedesigner Heinz Oestergaard in den frühen fünfziger Jahren das, was in Paris in der Luft lag, für Berliner Verhältnisse passend machte – nur wenig später.

Wer den Wechsel der Formen Diors nachvollzieht, könnte auf die Idee kommen, jede neue Linie habe einzig den Sinn, von der vorherigen weitest möglich abzuweichen. Auf den „New Look“ folgte, nachdem er in der Folgesaison noch überspitzter zu sehen war, die bleistiftschmale Rocklinie. Auf die Tulpenlinie 1953 die Kuppellinie, auf die Maiglöckchenlinie mit dem boleroartigen Jäckchen die H-Linie, lang gestreckt, mit tief angesetztem Rock und flacher Brust, mit der Dior die Taille „befreien“ wollte. Die A-Linie mit schmalen Schultern und weitem Rock gab im Sommer 1955 der gesamten Silhouette ungewohnt viel Volumen, doch im Winter bereits waren die Kleider mit der Y-Linie wieder schmal und körpernah.

Dior selbst verstand jede Kollektion als Weiterentwicklung einer Tendenz, die in der vorherigen bereits angelegt war. Jede umfasste etwa 170 Modelle, und keineswegs waren die populärsten immer die, die Dior selbst als wegweisend empfand. Proportion, Harmonie, Geschlossenheit, diesen Prinzipien folgte jede Kollektion, und jede entstand aus dem gleichen Ritual, das Dior in seinem Buch entstehen lässt: Wie er sich zurückzieht aufs Land, spazieren geht, überall nur Kleider sieht; wie er zu zeichnen beginnt, die Linie langsam klarer wird und das, was ein „neuer weiblicher Kanon“ sein könnte; wie das gesamte Couturehaus in Aufregung gerät im Bemühen um den richtigen Ausdruck, wenn die Skizzen Diors – in denen er „einen Gang, eine Haltung, eine Geste, eine Gestalt“ heraufbeschwört – Schnitte werden müssen.

Die ersten Nesselmodelle entstehen. Das mit weißen Kitteln bekleidetet Komitee urteilt, verwirft: „Dem Kragen fehlt die Kühnheit!“ Man fällt vom Grauen in die Verzückung, bis schließlich, am Tag der Vorführung, Dior die neuen Linien derart zur Gewohnheit geworden sind, dass ihm nichts mehr neu erscheinen will. Aufregung birgt dann nur noch die Reaktion des Publikums – und kleine Versäumnisse, die in letzter Sekunde behoben werden. Dann verliert Madame Raymonde, erste Dame des Ateliers, fast den Kopf: Wie „gefährlich nahe“ berührt der Saum des Rockes den des Mantels!

Wie lange ist das her, dass zwei einander sich nähernde Säume Entsetzen auslösen konnten. Wer wollte sich heute einem Liniendiktat beugen? Im Zentrum der Mode steht der Look – aber nicht wie bei Dior als geschlossenes, sondern als offenes Ganzes. Doch nicht, dass Dior verschwunden wäre: Nur schneidert, wer heute an Dior Anteil haben will, kein Kleid mehr nach, sondern greift zum Accessoire. Denn im Namen Dior, noch in jeder Tasche mit den Buchstaben CD, schwingt noch immer jener „andere“ mit, der am 12. Februar 1947 zum ersten Mal auftrat – und der zehn Jahre lang die Mode selbst verkörperte.

Die Staatlichen Museen zu Berlin planen für 2007 eine Ausstellung „Christian Dior in Deutschland“. Wer besitzt Kleidung, Schmuck, Accessoires, frühe Fotos, Zeichnungen oder Werbematerialien von Dior? Jeder Hinweis wird gerne entgegengenommen: Dr. Adelheid Rasche, Kostümbibliothek, Matthäikirchplatz 6, 10785 Berlin, Telefon: 266-2047 oder -2030, per E-Mail: a.rasche@smb.spk-berlin.de

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