Paris : Nicht lang gefackelt

3000 Polizisten zu Fuß, auf Rollschuhen, Motorrädern, Pferden. Sie sollen Demonstranten vom olympischen Feuer fernhalten - vergeblich. Peking spricht von Separatisten. Und der Präsident des Olympischen Kommitees muss einsehen, dass Sport und Politik sich nicht so leicht trennen lassen.

Hans-Hagen Bremer Benedikt Voigt
Paris
Nahkampf um Symbole. Frankreichs Polizei versucht, die olympische Fackel vor Demonstranten zu schützen. -Foto: AFP

Paris/PekingDie große Frage ist, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Drei Schnellboote, Helikopter, 3000 Polizeibeamte zu Fuß, auf Rollschuhen, zu Pferd, auf Motorrädern und in Autos hatten die französischen Behörden aufgeboten, um den olympischen Fackellauf durch Paris zu schützen – ein Sicherheitsaufgebot, wie es bisher nicht einmal für einen höchst gefährdeten Staatsgast nötig war. Es hat nichts genützt.

Schon als Stéphane Diagana, 38, ehemals Weltmeister über 400 Meter Hürden, am Montagmittag mit der Fackel in der erhobenen Hand die Treppe von der ersten Etage des Eiffelturms herunterlief, zeigte sein Gesicht mehr Besorgnis als Stolz. Und schon nach wenigen Metern sollte sich das Gefühl der Unsicherheit bestätigen. Der Zug hatte sich gerade in gemächlichem Tempo in Bewegung gesetzt, als die Polizei schon ein erstes mal einschreiten musste. Sylvain Garel, ein Stadtverordneter der Grünen aus dem 18. Pariser Arrondissement, hatte den Sicherheitskordon durchbrochen und näherte sich dem Fackelläufer mit einem Transparent. Aufschrift: „Freiheit für Tibet“. Zwar waren die Beamten schnell, drängten Garel ab und entwanden ihm das Plakat. Doch auf den nächsten Abschnitten der 28 Kilometer langen Strecke ging es ebenso weiter. Immer wieder legten sich Pro-Tibet-Demonstranten auf die Fahrbahn und brachten den Lauf zum Stehen, bis die Polizei sie weggetragen hatte. Im Tunnel beim Parc André Citroen dann sah sich die Polizei gezwungen, die Fackel in einem Bus in Sicherheit zu bringen. „Aus technischen Gründen“, sei die Flamme gelöscht worden. Doch dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung, um nach wenigen Metern erneut wegen blockierender Demonstranten ins Stocken zu geraten. Ein weiteres mal wurde die Flamme gelöscht, wieder „aus technischen Gründen“, wie es hieß – und an der „Sicherheitslaterne“ mit dem Feuer aus Olympia wiederangezündet.

Als der nächste Athlet – ein olympische Judoka – loslaufen wollte, hielten ihn chinesische Sicherheitsbeamte in weißblauen Trainigsanzügen und dunklen Sonnebrillen fest: Weiter vorn hatten schon wieder Demonstranten die Sperren überwunden.

Gut möglich, dass Frankreich deshalb so viele Sicherheitskräfte mobilisierte, um die über die angebliche „Sabotage“ des Fackellaufs am Vortag in London zeternde chinesische Führung zu überzeugen, dass sich Paris, Menschrechte hin, Menschenrechte her, nicht die Spiele verderben wolle. Schließlich hat sich Frankfreichs Präsident Nicolas Sarkozy zur Frage eines Boykotts der Eröffnungsfeier noch nicht entschlossen. Er halte sich alle Optionen offen, sagte er. Einerseits sagte am Wochenende die Staatssekretärin für Menschenrechte, Rama Yade, in einem Interview, dass drei Bedingungen für die Teilnahme des Präsidenten erfüllt sein: eine Ende der Gewalt in Tibet, die Freilassung politischer Gefangener und ein Dialog mit dem Dalai Lama. Andererseits betonte Außenminister Bernard Kouchner, dass Yades Äußerungen falsch wiedergegeben worden seien. Von „Bedingungen“ hätte Yade nie gesprochen.

Am Trocadéro hatten sich bereits am Vormittag tausend in Frankreich lebende Tibeter und mit ihnen sympathisierende Franzosen versammelt, um Freiheit für das Land zu fordern. Ihre Forderung, an der Nationalversammlung eine tibetische Flagge wehen zu lassen, blieb zwar unerfüllt, dafür aber ließ Bürgermeister Bertrand Delanoe am Rathaus ein Transparent mit der Aufschrift „Paris kämpft überall in der Welt für die Menschenrechte“. Immerhin.

Wo immer es ging, hielten die Gegner eine Banderole in die Fernsehkameras mit den fünf olympischen Ringen in Form von Handschellen. Wer damit dem Fackellauf zu nahe kam, wurde unsanft abgedrängt. Doch irgendwann ging auch das nicht mehr. In der Höhe der Nationalversammlung brachen die Veranstalter den Fackellauf ab und fuhren mit dem Bus zum Ziel des Laufs. „Das sollte ein Symbol sein, dass der olympische Geist tot ist und neu entfacht werden muss“, sagte eine Grünen-Politikerin, die wegen ihres Protests selbst zwei Stunden von der Polizei festgehalten wurde.

Am Vormittag, 8200 Kilometer entfernt, in Peking, hatten die chinesischen Olympia-Organisatoren nur rund 15 ausländische und eben so viele einheimische Journalisten telefonisch eingeladen. Dabei würde ihre Adressenliste noch zahlreiche weitere Namen bieten, zumal das Thema durchaus von weltweitem Interesse war: Der Fortgang des Olympischen Fackellaufs. Wang Hui, Direktorin der Medien- und Kommunikationsabteilung des Pekinger Organisationskomitees hatte nicht ganz so Spektakuläres zu bieten. Sie resümierte: „Der Fackellauf ist von den Menschen gut empfangen worden und sein Verlauf ist problemlos.“

Problemlos?

Wang Hui lächelt eisern. Man muss ihr zugute halten, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass die Flamme in Paris erlöschen wird.

Doch auch die Proteste am Vortag in London waren heftig. Direktorin Wang Hui geht zehn Minuten lang mit keinem Wort darauf ein. Schließlich kommt sie doch noch auf das eigentliche Thema zu sprechen. „Gestern wollten in London einige Separatisten den Fackellauf unterbrechen“, berichtet sie. Doch die Londoner Polizei habe diese Aktivitäten stoppen können und einige verhaftet. Frau Wang weiß, wie die Europäer darüber denken. „Die Bevölkerung ist sehr verärgert über die Sabotage einiger weniger Separatisten“, berichtet sie. Schließlich zitiert sie noch einen namentlich nicht näher benannten Studenten: „Die Olympischen Spiele sollten nicht politisiert werden.“

Dass sie es längst sind – auch in China selbst – hat sich ein paar Stunden zuvor im luxuriösen China World Hotel gezeigt.

Metalldetektoren sichern den Eingang des Hotels, in der Lobby laufen die Delegierten und Lobbyisten der 205 Nationalen Olympischen Komitees (NOK) herum, sie beäugen sich genauestens. Sie sprechen darüber, wo welche Spiele ausgetragen werden könnten, wer sich wann bewerben könne, und wenn sich einige von ihnen zum Abendessen treffen, werden die Teilnehmer am nächsten Morgen angesprochen: Was habt ihr da besprochen? Vor dieser Versammlung hat der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, bei seiner Eröffnungsrede am Montag zum ersten Mal seit den Ereignissen in Tibet dem starken Druck von außen nachgegeben und sich politisch geäußert. „Ich bin sehr besorgt über die internationale Situation und über das, was in Tibet geschieht“, sagte Rogge, „das IOC ruft zu einer raschen und friedlichen Lösung auf.“

Von Boykott ist keine Rede. Noch. Die Versammlung will schließlich einen Vorschlag beschließen, der am Donnerstag gemeinsam mit dem IOC verabschiedet werden könnte. Präsident Mario Vazquez Rana ist stolz darauf. Er hat den Wortlaut eigenhändig zu Papier gebracht hat. Darin bekennen sich die NOKs zunächst zu den Spielen von Peking und sagen ihre Teilnahme zu. Dann schreiben sie: „Wir drücken unsere Zuversicht aus, dass die Regierung Chinas durch Dialog und gegenseitiges Verstehen eine tragbare und vernünftige Lösung für den internen Konflikt in der Region Tibet finden wird.“ Keine Gegenstimmen, fragt Rana, „dann können wir Essen gehen.“

22 Uhr, Abendnachrichten auf dem englischsprachigen Sender CCTV 9. Der Tag: Die erloschene Flamme, Rogges Forderung, der Vorschlag der NOKs. Die Chinesen erfahren davon wenig. Die Proteste von Paris werden kurz erwähnt, IOC-Präsident Rogge wird auch zitiert, allerdings anders: „Das IOC bereut es nicht, die Spiele an Peking vergeben zu haben.“ Und schließlich kommt auch noch Juan Antonio Samaranch zu Wort, der in China wie ein Volksheld behandelt wird, weil unter seinem Vorsitz die Spiele nach Peking vergeben worden sind. Der Mann, der unter General Franco in Spanien als Sportminister tätig war, sagt: „Die Spiele von Peking werden in die Geschichte eingehen.“ Der Tag, an dem die Flamme ausging, hat es jedenfalls geschafft.

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