Zeitung Heute : Pariser Inspirationen – für Preußen

Französische und deutsche Wissenschaftler erforschen Wilhelm von Humboldt als Sprachwissenschaftler und frühen Europäer

Heiko Schwarzburger

Sie waren wie zwei Seelen in einer Brust: Die Brüder Humboldt stehen stellvertretend für Deutschlands Zerrissenheit zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wilhelm, der Ältere, war Frankreich und Italien zugewandt und zugleich einer der großen Staatsmänner des modernen Preußen. Alexander hingegen zog es in die Welt hinaus: nach Lateinamerika und in den asiatischen Teil Russlands. Wilhelm war 1810 maßgeblich an der Gründung der Berliner Universität beteiligt. Berlin stand damals noch im Schatten von Paris und London. So trugen die Brüder Humboldt dazu bei, den miefigen Vorhang, der über mancher deutschen Gelehrtenstube hing, zu lüften. Ein Hauch der weiten Welt durchwehte ihre Schriften und Ideen.

Jetzt wird eine bislang vernachlässigte Seite Wilhelm von Humboldts neu entdeckt: sein enger Bezug zu Frankreich. „Als Sprachwissenschaftler beschäftigte er sich mit Griechisch, Latein, den romanischen Sprachen und mit Baskisch“, sagt Markus Meßling, Doktorand am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität. Später kamen die indianischen Sprachen Südamerikas hinzu, die altägyptischen Hieroglyphen, Sanskrit, Chinesisch und das altjavanische Kawi. Für die Untersuchung einiger dieser Sprachen seien Humboldts Materialien und Ergebnisse aus Paris sehr wichtig, sagt Meßling.

Entzifferung der Hieroglyphen

Der 28-jährige Philologe ist ein ausgewiesener Humboldt-Experte: Für seine Schrift „Champollions Entzifferung der Hieroglyphen und die Rezeption in der Schrifttheorie Wilhelm von Humboldts“ erhielt er kürzlich den Preis des Dekans seiner Fakultät für hervorragende Arbeiten zum Studienabschluss.

Meßling gehörte auch zu den Organisatoren einer hochkarätigen Tagung, zu der sich Mitte März französische und deutsche Forscher in der Maison de France trafen, um über Humboldts Sprachdenken zwischen Berlin und Paris nachzudenken. Eingeladen hatten die Französische Botschaft, das Institut Français, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die kleine Forschergruppe um den Sprachwissenschaftler Professor Jürgen Trabant, der schon seit den 80er-Jahren zu Humboldt forscht.

Rund ein Dutzend Spezialisten und 30 Gäste kamen zusammen. „Die Franzosen sehen Wilhelm von Humboldt vor allem als Sprachwissenschaftler, als Forscher, der durch vergleichende Studien zum Wesen von Sprache und Denken vordringen wollte“, erläutert Sarah Bösch, die die Rezeption Humboldts in Frankreich untersucht. „Es ist erstaunlich, wie verschieden die Wahrnehmungen diesseits und jenseits der Grenze sind. Deutsche sehen in Humboldt vor allem den Bildungsreformer.“

Sprache als Ansicht der Welt

Bevor er in Berlin wirkte, lebte Wilhelm von Humboldt zwischen 1797 und 1801 in Paris. Zeit seines Lebens korrespondierte er mit französischen Kollegen, schrieb für französische Journale über Fragen von Sprach- und Schriftvergleich und im weitesten Sinne Sprache und Denken. „Sprache ist nicht nur eine universelle neuronale Struktur oder Kompetenz“, meint Markus Meßling. „Humboldt verstand sie auch als Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens, jede Sprache als eine Ansicht von der Welt.“ Der amerikanische Sprachforscher Noam Chomsky hatte in den 60er- und 70er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Sprache fast ausschließlich kognitivistisch definiert und sie vor allem als neuronale Anlage verstanden.

Seitdem streiten sich die Sprachwissenschaftler: Wie viel Natur und wie viel Kultur steckt in der Sprache? Humboldt untersuchte die Sprache als Tätigkeit des Geistes in ihrer kulturellen Vielfalt. Die Erfahrung des Fremden verstärkte sein Interesse am Sprachstudium: „So hinterließ Baskisch einen tiefen Eindruck auf ihn, weil es ungewöhnlich, fremd und schwer einzuordnen war“, sagt Markus Meßling.

Als sich Wilhelm von Humboldt mit den verschiedensten Sprachen beschäftigte, war Frankreich das geistige Zentrum Europas. Die französische Revolution hatte ungeahnte Kräfte entfesselt. Napoleon reformierte das Bildungssystem und gründete die Grandes Ecoles. 1798 landete er in Ägypten, einen Tross von Künstlern und Wissenschaftlern im Gefolge. Die Ägyptologie, die Suche nach den geheimnisvollen Wurzeln der Pharaonen, erreichte eine erste Blüte. 1799 wurde nördlich von Rosette im westlichen Nildelta ein seltsamer Stein gefunden: Er trug Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch. Mit Hilfe des Altgriechischen Textes gelang es Jean-François Champollion 1822, die Hieroglyphen zu entziffern. Die Tempel von Karnak und Luxor begannen zu sprechen.

Von Preußen enttäuscht

Die Folgen der französischen Revolution beschäftigten Humboldt, als er das preußische Bildungssystem modernisierte. Er setzte sich dafür ein, dass die neue Berliner Universität einen Lehrstuhl für Sprachwissenschaft erhielt. Der junge Carl Richard Lepsius bekam ein Stipendium der Akademie, um seine Arbeiten zur Ägyptologie voranzutreiben. Lepsius rüstete 40 Jahre später eine deutsche Expedition an den Nil aus. Aus Enttäuschung über die politischen Entwicklungen in Preußen zog sich Humboldt 1820 aus dem Staatsdienst zurück und widmete sich fortan dem Sprachstudium. Den Zirkeln in Paris blieb er bis zu seinem Tod 1835 treu.

Mit den wechselseitigen Bezügen zwischen Wilhelm von Humboldt und Frankreich beschäftigt sich die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Jürgen Trabant. Die Tagung in der Maison de France sei nur ein Anfang gewesen, sagt Sarah Bösch. Bis zum nächsten Jahr soll ein Sammelband erscheinen, der die französischen und deutschen Perspektiven der Humboldt-Forschung vereint. Der Band werde viele Seiten Wilhelm von Humboldts zeigen: den Franzosen, den Deutschen, den frühen Europäer.

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