Zeitung Heute : Partei als Projekt

Jeannette Krauth

Die Mitgliederzahlen der deutschen Volksparteien sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen – besonders für die SPD hat das finanzielle Konsequenzen. Was sind die Gründe dafür?


Der Satz klingt zunächst mal gut: „Wir wollen eine politische Heimat bieten.“ Das schreibt der jetzige SPD-Chef Kurt Beck im Bericht der Arbeitsgruppe Mitgliederpartei. Im November 2005 veröffentlichte die Arbeitsgruppe unter Becks Vorsitz Empfehlungen, wie die SPD auf den Mitgliederschwund reagieren sollte. Denn: „Wir haben in den letzten beiden Jahren sehr viele – zu viele – Mitglieder verloren.“ Als das Papier veröffentlicht wurde, trat allerdings zeitgleich Franz Müntefering als Parteichef zurück.

Jetzt, im Oktober 2006, sind die Mitgliedszahlen so weit gesunken, dass die CDU mit 561 070 zum ersten Mal fast gleich viele Mitglieder wie die SPD mit 567 925 hat. Die Forderungen der Arbeitsgruppe Becks, etwa die Einführung der Gastmitgliedschaft oder eine großzügigere Auslegung des Wohnortprinzips, haben bisher nicht viel ausgleichen können. Obwohl die SPD im Jahr 2005 fast gleich hohe Zahlen für Ein- und Austritte, nämlich knapp 20 000, verzeichnete. Doch eine Lücke bleibt durch zusätzlich über 8000 Todesfälle.

Dass zu wenige nachrücken, ist eine Folge des veränderten politischen Bewusstseins. „Die klassische Mitgliedspartei wird aussterben“, sagt etwa Alexander Kiessling, ein Politologe, der an der Uni München jahrelang über Parteien und deren Mitgliederstrukturen forschte. In den 70er Jahren gab es noch ein großes Bedürfnis nach sozialer Einbettung, gekoppelt mit politischen Zielen. Das, was Becks „politischer Heimat“ entspricht. Aus dieser Zeit stammen die Mitglieder, die nun alt sind. Sterben sie, rücken zu wenige nach. Denn seit Ende der 80er Jahre wollen sich immer weniger Menschen langfristig engagieren. Interessiert seien die Menschen, „wenn vor ihrem Haus eine Straße gebaut wird“, sagt Kiessling. Er nennt das „Betroffenheitsengagement“. Der Organisationssoziologe Arnold Windeler von der TU Berlin beobachtet ähnliches etwa bei Greenpeace oder Amnesty International. „Die Lösung ist etwa projektbezogenes Engagement“, sagt er. Wie es modernen Menschen, die mal zwei Jahre in der einen, drei Jahre in der anderen Stadt arbeiten, entspräche.

Für erfolgversprechend hält Kiessling Initiativen wie etwa den wohnortunabhängigen FDP-Internet-Landesverband. Doch der gilt nach dem Gesetz bloß als eine sogenannte „Vorfeldorganisation“ mit eingeschränkten Rechten – demnach müssen sich Parteien immer noch in „Gebietsgliederungen“ aufteilen.

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