Zeitung Heute : Parteien durchschauen

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Was für komische Hobbys manche Menschen haben. Mein Bekannter Dave aus Minnesota zum Beispiel sammelt politische Memorabilien. Anstecknadeln von Parteien, kleine Figürchen von US-Präsidentschaftskandidaten und ähnlichen Wahlkampf-Kitsch. Bei meinem letzten Besuch in den USA musste ich ihm versprechen, zurück in Germany ein paar hübsche Stücke für seine Sammlung zu finden. Also los.

Im Laden der PDS ist die Luft verqualmt. Der kettenrauchende Genosse am Verkaufstisch scheint nicht sehr erpicht darauf, besonders viele Polit-Souvenirs unter’s Volk zu bringen. „Ham wa nich“, grummelt er, als ich nach originellen politischen Werbeartikeln frage. Auf dem Tisch vor ihm liegen ein paar übrig gebliebene Friedenstaubenbuttons mit PDS-Logo. Auch ein paar „rote Socken“ zum Anstecken gibt es noch. Damit kann ich Dave wohl kaum begeistern. Und das Feuerzeug mit dem Spruch „Auch wer anderen auf den Docht geht, kann Wärme spenden“, dürfte für meinen amerikanischen Freund schlicht zu kryptisch sein. Während der Verkäufer weiter schweigend den Raum voll qualmt, entdecke ich neben PDS-Schriften und politischen Büchern immerhin noch zwei Dinge, die Dave gefallen könnten: eine Bierflasche „Rotbräu – soziale Gerechtigkeit ist unser aller Bier“ und einen Rotwein mit dem Aufdruck „Der Rote aus Frankreich, damit die deutsche Politik farbiger wird“. So etwas gibt’s in Amerika bestimmt nicht, schon alleine wegen des Alkoholverkaufsverbots außerhalb von Schnapsläden.

Bei der SPD dann die große Überraschung. Die Sozialdemokraten erweisen sich als professionelle Kapitalisten. Der modern eingerichtete, gut sortierte „Image-Shop“ im Willy-Brandt-Haus kann es mit jedem politischen Souvenirladen der USA aufnehmen. Neben Kaffeetassen, Ansteckern oder Jacken mit Parteilogo gibt es Krawatten, Porzellanpüppchen und sogar einen Regiestuhl mit SPD-Aufdruck. Der freundliche Verkäufer kann zu jedem Stück eine nette Anekdote erzählen („Dieser Schlips wird gern an verdiente Genossen vergeben, die seit 40 Jahren dabei sind, und der SPD-Teddy ist bei Seniorengrupppen besonders beliebt.“) und empfiehlt mir das SPD-Duschradio, das gerade zum Europawahlkampf herausgekommen ist. Das wird Dave beeindrucken.

Die nächste politische Überraschung dann bei der CDU. Hatte die SPD bei meinem Besuch soeben ihr wahres Gesicht als moderne Kapitalistenpartei gezeigt, entpuppen sich die Christdemokraten kurz danach als die wahren Sozialisten. Erstens ist der kleine Souvenirstand am Empfangstisch im Konrad-Adenauer-Haus ähnlich schlecht bestückt wie bei der PDS (Wasserbälle, Windjacken, Buntstifte und Näh-Etuis mit CDU-Aufdruck; Anstecker sind aus!). Und zweitens gibt mir die liebenswerte Empfangsdame die beiden Souvenirs, die ich am Ende für meinen amerikanischen Freund auswähle (Flaschenöffner und Feuerzeug mit CDU-Aufdruck), einfach umsonst mit. Wie nett. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal CDU wählen.

PDS-Souvenirs gibt’s in der PDS-Parteizentrale, Kleine Alexanderstraße 28, der SPD-Image-Shop ist im Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 141, und die CDU-Souvenirs gibt’s in der Klingelhöferstraße 8

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben