Parteiporträt : Wer ist die CSU?

Katholisch wie der Papst, und etwas evangelisch. Konservativ, aber mit der "Liberalitas Bavariae“. Sozial, wenn’s ihr passt. Und die Lederhose, die gehört zur Propaganda.

Stephan-Andreas Casdorff

IM SEPTEMBER KÖNNTE DIE CSU DIE ABSOLUTE MEHRHEIT IN BAYERN VERLIEREN. UNTER EDMUND STOIBER HATTE SIE VOR FÜNF JAHREN 60,7 PROZENT GEHOLT. WIE VIEL STOIBER STECKT NOCH IN DER CSU?

Viel, viel mehr, als die Preiß’n denken. Der Stoiber Edmund ist ein Bub aus dem Oberbayerischen, aus dem schönen Oberaudorf, an dem die Leute auf der Autobahn meist achtlos gen Österreich vorbeirauschen, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. Schade drum. Das Haus der Familie ist nett hergerichtet, der Ort hat auch etwas Herziges. Was man gar nicht glaubt, wenn man an den Stoiber der vergangenen Jahre denkt. Sei’s drum, wie sagte der frühere Kanzler Gerhard Schröder immer: Weil ich weiß, wo ich herkomme, weiß ich, wo ich hingehöre. Stoiber – der gegen Schröder bei der Bundestagswahl 2002 knapp verlor –, ist ein Bayer. Er darf die Lederhose tragen. Er fühlt auch so, und wenn er jetzt noch ein bisschen Abstand zu sich selbst und zu seinen Ämtern als Ministerpräsident und CSU-Chef gewinnt, dann werden das auch alle sehen. Ach ja, wer ihn im Stadion beobachtet hat, als Bayern-Fan, der weiß, dass er ein Herz hat.

Aber Stoiber ist außerdem auch einer von vielen, die alles dem Franz Josef Strauß selig verdanken, der die CSU über Jahrzehnte wie kein anderer geprägt hat. Alle Älteren, die heute in der Führung sind, Erwin Huber eingeschlossen, hat Strauß mindestens gesehen, etliche auch gefördert. Strauß war „scho a Hund“, wie die Bayern sagen, einer mit sehr seltsamen Geschichten und Affären, dazu allerdings ein begabter Talentefinder und -förderer. Dem Erbe fühlte sich Stoiber, einst selbst als junger Generalsekretär das „blonde Fallbeil“ des CSU-Chefs Strauß, verpflichtet.

Mit Älteren und Jüngeren und besonders mit effizienten Beamten hat Stoiber den Kurs fortzusetzen versucht, auf die Wahlen gesehen erfolgreich, dass der Konservative immer an der Spitze des Fortschritts marschieren soll – um ihn auch besser bremsen zu können. So gesehen ist er durchaus eine Fortsetzung des Strauß mit anderen Mitteln. Gescheit, rastlos, fortschrittsorientiert bei stramm konservativer Gesinnung. Nur war Stoiber im Amt so gar nicht menschelnd.

Dass die CSU in mancherlei Hinsicht mitunter überraschend modern wirkt, ins Land hineinwirkt, dass sie ihre inneren Gegensätze am Ende dann doch versöhnen kann, hängt auch mit der Traditionslinie seit Strauß zusammen. Und so wird die CSU ihrem Stoiber noch dankbarer als heute werden, dass er beim Reformieren nicht geruht hat. Erst recht, wenn sie sich anschaut, wie’s seine Nachfolger halten.

Ja, und dann ein Beispiel, das generell die Versöhnung von Moderne und Tradition betrifft: Die CSU als Regierungspartei hat schon im Jahr 1970 europaweit das erste Umweltministerium eingerichtet. Und verfolgt daheim den „bayerischen Weg“ des kooperativen Umweltschutzes, der unter anderem im „Umweltpakt Bayern“ seinen Niederschlag findet. Immerhin.

WIE VIEL CHRISTLICHES STECKT IN DER CSU?

Himmel, christlich-sozial ist ihr Anspruch. Und wenn sich Kirche eine Partei wählen könnte, dann die CSU. Benedikt, der Papst, ist auch Bayer! Im Ernst, wer auf Alois Glück schaut, der das Grundsatzprogramm der Partei maßgeblich geprägt hat, seine Gedanken mit dem Titel „Die solidarische Leistungsgesellschaft“ liest, der weiß, dass einiges vom Herz-Jesu-Sozialismus in der CSU steckt. Sie versteckt es nur öfters ziemlich gut, dann, wenn es ihr opportun erscheint, was kein Kompliment ist.

Aber schon die Gründungsjahre nach dem Krieg waren geprägt vom Christlichen, hier vom Streit zwischen den Christlich-Liberalen und den Katholisch-Konservativen. Auf wundersame Weise ist eine Verbindung gelungen, zwischen evangelisch (wie Günther Beckstein, der Ministerpräsident aus Franken) und katholisch (wie Erwin Huber, der CSU-Chef aus Niederbayern). Und dann, nicht vergessen, gibt es noch den Horst Seehofer, der einmal gesagt hat: Eine CSU, die nicht mehr sozial gesinnt ist, ist keine Volkspartei mehr. Kapitalismuskritik ist erlaubt, siehe Johannes XXIII. oder Johannes Paul II., auf die sich bei passender Gelegenheit auch die Evangelischen berufen. Oder Edmund S. – wie der mal Unternehmer auf einem Neujahrsempfang angeranzt hat, das hatte schon seine Art.

Und nicht zu vergessen, 1946 hat Adam Stegerwald in Würzburg, wo sich die CSU gründete, die Interkonfessionalität der früheren christlichen Gewerkschaften in den Gründungsprozess eingebracht. Nach Stegerwald ist das Haus der Sozialausschüsse von CDU (und CSU) in Königswinter bei Bonn benannt.

Ein Letztes: Die CSU beklagt gegenwärtig, dass es eine Bundespräsidentin aus der SPD nur geben könnte mit den Stimmen der Linken, der „Kommunisten“. Das aber verteufelt sie – und will sich damit wohl ein paar Stimmen mehr sichern im christlich geprägten Bayern. Die hat sie für die kommende Wahl auch nötig, nötiger denn je für „50 plus x“.



WIE VIEL SOZIALES STECKT IN DER CSU?

Das geht, wie man hier sieht, alles munter ineinander über. Wenn man es strikt politisch sieht. Da ist der Rückbezug auf die Kirche und ihre großen Sozialreformer, da sind die großen sozialen Programme der CSU selbst, denn sie besteht ja nicht nur aus „Schwarzen Sheriffs“ für die öffentliche Ordnung. Nicht zuletzt drei Frauen wachen darüber, dass es sozial einigermaßen gerecht zugeht: Barbara Stamm, lange Jahre unverwüstliche Sozialministerin, heute Parlaments-Vizepräsidentin und Vizevorsitzende der CSU, Beate Merk als Justizministerin und ebenfalls CSU-Vize, Christa Stewens, heute Sozialministerin und Vize-Ministerpräsidentin. Außerhalb des Landes, des „Freistaats“, wie er sich stolz nennt, wird das nur nicht immer so recht bemerkt.

Wenn es eine Gesellschaft ernst meint mit der Solidarität, dann muss das im politischen Handeln zu erkennen sein. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen … So betrachtet erschließt sich vielleicht besser, dass Erwin Huber als neuer CSU-Chef mit seinen Vorstößen für eine Steuersenkung bei unteren und mittleren Einkommen doch nicht nur den Wahlkampf im Sinn hat. Nicht einmal die Wiedereinführung der Pendlerpauschale ist allein auf Stimmenfang zurückzuführen: Huber stammt aus ärmlichsten Verhältnissen von einem Einödhof in Niederbayern. Er weiß immer noch, was die Menschen da draußen bewegt, selbst wenn er heute sogar im Bierzelt Krawatte und Einstecktüchlein trägt. Er weiß, dass manche die Euros fürs Pendeln zur weit entfernten Arbeit bitter nötig haben. Ob das nun ökologisch geraten ist oder nicht, ist eine andere Frage. Dass Politik – wie die Wirtschaft – für die Menschen da sein muss, nicht umgekehrt, ist ein Prinzip, mit dem die CSU groß geworden ist. Will Huber ein großer CSU-Vorsitzender werden, muss er sich daran halten. Als Finanzminister des Landes hat er die Mittel dazu, und rechnen kann er auch; das jedenfalls hat ihm bisher noch keiner bestreiten können.

SEIT 51 JAHREN REGIERT DIE CSU IN BAYERN UNUNTERBROCHEN. WIE VIEL BAYERN STECKT IN DER CSU?

Der große bayerische Journalist Herbert Riehl-Heyse, eine Ikone der „Süddeutschen Zeitung“, hat in einem Buch geschrieben, wie die CSU das schöne Bayern erfunden hat. Das war natürlich Ironie – aber so ganz falsch ist es auch nicht. Fast immer hat die CSU Bayern nach dem Krieg regiert, einmal nicht in den Vierzigern des vorigen Jahrhunderts, einmal drei Jahre nicht in den Fünfzigern. Seither aber prägt die CSU gewissermaßen als Staatspartei die (politische) Wahrnehmung der Bayern draußen im Lande, jenseits des Weißwurstäquators.

Daran ändert auch der leuchtend rote Pullunder von Ludwig Stiegler nichts, dem großartig gebildeten, bayerisch-lateinisch röhrenden Rhetor, der für die SPD kämpft. Wer weiß schon noch, wie der Ministerpräsident der SPD hieß? Nun, Wilhelm Hoegner. Auch Gerhard Polt, der wunderbare Grantler, oder Bruno Jonas, der stärkste Kabarettist seit Dieter Hildebrandt – keiner hat das Bild bis heute geändert. Das kann nur die CSU schaffen. Und sie arbeitet fleißig dran.

Hinter Aschaffenburg sieht es anders aus, aber bis zu den Alpen so: In den 27 Jahren ihrer Führung hat es die CSU „durch geschickte Propaganda und eine Ikonografie, die die Symbole bayerischer Staatlichkeit für die CSU reklamierte“, wie es im „Lexikon der Christlichen Demokratie“ geschrieben steht, geschafft, zunehmend als einzig legitimierte Vertreterin bayerischer Interessen wahrgenommen zu werden. Und das auch noch im Bund, mit ihrer „Landesgruppe“ in der Unionsfraktion. Was haben die anderen zuweilen gezittert, wenn der bayerische Löwe brüllte. Oder abgewartet, bis er sich abgeregt hatte. Früher. Heute ist das Bild ein wenig anders.

Sachlich-trocken gesprochen ist die CSU seit 1975 die mitgliederstärkste Partei in Bayern, wenngleich mit deutlichem Schwund. Der alte und der neue Mittelstand, das heißt Handel, Landwirtschaft, Handwerk, Angestellte, stellen die meisten der 167 000 Mitglieder. Vor etwa zehn Jahren waren es noch 181 000. Beamte tun auch gut daran, in der CSU zu sein. Arbeiter sind zahlenmäßig auch stark vertreten, bloß in den Gremien kaum sichtbar. Was das Konfessionelle betrifft: Die CSU ist nach wie vor eine katholisch geprägte Partei, nur ist das Ungleichgewicht nicht mehr gar so stark wie in den sechziger Jahren. Das auch deshalb, weil in der Parteiführung fein auf jeden Proporz geachtet wird.

Dass Bayern auch anders ist als das CSU-Schwarz-Weiß-Blau, grün zum Beispiel, zeigt sich gerade an der Hinwendung der CSU zur Ökologie. Denn die Partei versucht, allen eine Heimat zu bieten, sie mit der sprichwörtlichen bayerischen Liberalität anzulocken. Das gelingt mit einem wie Beckstein natürlich leichter als mit einem Stoiber, wiewohl der vor ein paar Tagen für Schwarz-Grün im Bund warb. Die Umweltbewahrer einzugemeinden ist aber auch ein logischer Ansatz für die Partei, die das schöne Bayern doch so gerne erfunden haben will.

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