Partnerschaft : Liebes Geheimnis

Sie verschweigen Ihrem Partner etwas? Recht so! Denn totale Offenheit, das klingt nur gut. Warum Beziehungen kleine Mysterien brauchen.

Ursula Nuber

Ostern steht für süße Geheimnisse. Goldhasen, Krokanteier, kleine Geschenke werden verpackt, versteckt, gesucht, gefunden, ausgepackt und ausprobiert. Süße Geheimnisse bereichern unser Leben und auch das des Partners. Sie sind etwas Gutes.

Auf andere Geheimnisse - Heimlichtuerei, Verschweigen oder gar Lügen - dagegen können wir verzichten. Wenn zwei sich lieben, teilen sie alles miteinander und beteuern gerne: "Wir haben keine Geheimnisse voreinander!" "Wir reden über alles!" "Wir wissen, was der andere denkt oder gleich sagen wird."

Die Formel "Größtmögliche Offenheit schafft größtmögliche Nähe und größtmögliche Nähe stabilisiert die Liebe" ist weitgehend akzeptiert. Der Weg zur Intimität führe über Offenheit, sagen die Experten. Doch: Stimmt das überhaupt?

Zweifel drängen sich auf, wenn man Paare nach der ersten Verliebtheit betrachtet. So viel sie sich auch austauschen und ausfragen ("Woran denkst du?", "Was geht in Dir vor?"), so viel sie offenbaren und von sich zeigen - die Beziehung profitiert davon nicht unbedingt. Im Gegenteil: Sie wird langweiliger, leerer, konfliktbeladener. Je genauer man den anderen kennt, desto schwieriger wird das Zusammenleben mit ihm.

Der Soziologe Georg Simmel, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, warnte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, viele Ehen würden scheitern, weil es "keinen Raum für Überraschungen" mehr gibt: "Was wir bis auf den letzten Grund deutlich durchschauen, zeigt uns eben damit die Grenze seines Reizes und verbietet der Fantasie, ihre Möglichkeiten darein zu weben, für deren Verlust keine Wirklichkeit uns entschädigen kann." Wie aber kann man für einen Menschen undurchschaubar bleiben, mit dem man seit Jahren Tisch und Bett teilt? Indem man Geheimnisse vor ihm hat!

In Liebesbeziehungen brauchen wir abschließbare Zimmer und Schubladen - im konkreten und im übertragenen Sinn. Geheimnisse sind für jeden von existenzieller Bedeutung. Sie helfen uns, unsere Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu bewahren. Schon kleine Kinder brauchen Geheimnisse, um ein Gefühl für Eigenständigkeit zu bekommen. Ähnlich eng wie die Eltern-Kind-Beziehung sind auch Partnerschaften - und auch hier können Autonomie und Selbstständigkeit auf der Strecke bleiben, wenn die Partner keinen Raum für sich selbst haben.

Welche Geheimnisse sind gemeint? Sicher nicht eine ständige Untreue, heimliches Suchtverhalten oder kriminelle Delikte. Es geht um Erfahrungen und Erlebnisse, Gedanken und Meinungen, Wünsche und Pläne, Sehnsüchte und Ängste, die eigentlich nur uns selbst etwas angehen. Die behalten wir besser für uns, wenn wir uns vor zu großer Neugierde, Ver- oder Beurteilungen schützen wollen. Oder, wenn wir glauben, dass die Wahrheit den anderen unangemessen belasten würde. Wer dem Partner offenherzig erzählt, dass eine frühere Liebesziehung in sexueller Hinsicht absolut erfüllend war, wer ihm nicht verhehlt, dass er dessen Mutter nicht ausstehen kann, wer unbedingt erzählen muss, dass er die neue Kollegin umwerfend findet, tut sich und seiner Beziehung keinen Gefallen.

Manche Liebende wissen das intuitiv und sorgen für das nötige Quäntchen Fremdheit zwischen sich. Das Tagebuch ist für den anderen tabu, ebenso wie die blaue Kiste, in der Briefe und Fotos aus dem früheren Leben aufbewahrt werden. Die Bedeutung der Lieblingskette bleibt ihr Geheimnis, und er verrät ihr nicht, dass er einen erotischen Traum hatte, in dem Angelina Jolie die Hauptrolle spielte. Der unausgesprochene Gedanke "Das geht dich nichts an" darf auch in Beziehungen ohne Schuldgefühle gedacht werden.

Geheimnisse in Partnerschaften können "relativ" oder "total" sein. Ein relatives Geheimnis liegt vor, wenn ein Partner beispielsweise weiß, dass der andere Liebesbriefe von einem ehemaligen Partner aufbewahrt, aber niemals danach suchen, geschweige sie lesen würde. Eine Frau, die ich für mein Buch über Geheimnisse ("Lass mir mein Geheimnis. Warum es gut tut, nicht alles preiszugeben", Campus Verlag) interviewte, sagte, sie gehe davon aus, dass ihr Mann wisse, wo ihr Tagebuch liegt, sie glaube aber nicht, dass er es lesen würde.

Relative Geheimnisse, das bedeutet, dass die Partner einander vertrauen und sich eine Privatsphäre zugestehen. Total ist ein Geheimnis, wenn der Partner nichts von dessen Existenz ahnt. Handelt es sich dabei um Gegenstände, werden die gut versteckt oder außerhalb der gemeinsamen Wohnung gelagert. Die Existenz totaler Geheimnisse ist ein Zeichen dafür, dass in einer Partnerschaft "offiziell" nichts verschwiegen werden darf und man sich Freiräume nur heimlich verschaffen kann.

So wie dieser Ehemann: Weil er hin und wieder eine Stunde alleine sein und sich dafür nicht rechtfertigen will, erzählt er seiner Frau von Überstunden und plötzlich angesetzten Meetings. Die so gewonnene Zeit verbringt er - im Park. Aber er befürchtet, dass sie ihn mit Fragen und Misstrauen löchern würde, wenn er ihr davon erzählte. "Dass ich nur mal alleine sein möchte, würde sie mir wahrscheinlich nicht glauben."

Dieser Fall zeigt: Die Lüge kann der Liebe dienen. Nur mit ihrer Hilfe hält es dieser Ehemann in einer emotional sehr engen Partnerschaft überhaupt aus. Eine andere "Lösung" wäre der schrittweise Rückzug: weg vom anderen, weg von der allzu großen Nähe, weg von der emotionalen Verschmelzung. Dann fallen Sätze wie "Ich brauche Zeit für mich selbst", "Ich brauche Abstand", "Ich muss zu mir selbst finden." Oder der Wegstrebende versucht, sich durch sexuelle Lustlosigkeit den Partner vom Leibe zu halten - wenn er nicht gleich in fremde und deshalb ungeheuer attraktive Arme flüchtet. Die Gefahr des Fremdgehens ist gerade in jenen Beziehungen sehr groß, in denen angeblich kein Blatt Papier zwischen die Partner passt.

"Liebe hört auf, ein Vergnügen zu sein, wenn sie aufhört, ein Geheimnis zu sein", soll ein kluger Mann geäußert mal haben.

Geheimnisse halten nicht nur die Partnerschaft lebendig, sie können auch ungleichgewichtige Machtverhältnisse in Balance bringen.

Viele Jahre lang hatte eine Ehefrau darum gekämpft, Einblick in die finanziellen Verhältnisse ihres Mannes zu bekommen. Vergeblich: Noch so viele Auseinandersetzungen konnten ihn nicht dazu bewegen, seiner Frau die verlangten Informationen zu geben. Eines Tages fand der Mann eine Notiz vor: Seine Frau teilte ihm lapidar mit, sie sei für einige Zeit verreist, sie würde sich melden, aber sie werde ihm nicht sagen, wo sie sich aufhalte. Wochenlang war sie für ihn unerreichbar. Erst als er einen Termin beim Steuerberater vereinbart hatte, kam sie zurück. Mit Hilfe eines Geheimnisses hat diese Ehefrau für Gleichberechtigung gesorgt. Durch ihre mysteriöse Reise zeigte sie ihm, dass sie nicht gewillt war, in der ohnmächtigen Position zu verharren.

"Schweigen ist der Frauen schönster Schmuck", sagt ein englisches Sprichwort. Und man könnte ergänzen: ihre stärkste Waffe. Wissen ist Macht. Geheimes Wissen bedeutet noch mehr Macht. Frauen wussten immer schon, wie man mit Verheimlichen und Schweigen Ziele erreichen, sich und die eigenen Kinder schützen und über sich selbst bestimmen kann. Über die Jahrhunderte hinweg haben sie mit Hilfe von Geheimnissen, mit List und Tücke, ihre Rechte verteidigt. Nur so konnten sie sich in einer männerdominierten Gesellschaft behaupten. Und trotzdem kommen Frauen bis heute mit Geheimnissen weniger gut zurecht als Männer.

Psychologischen Studien zufolge belasten Geheimnisse und Lügen Frauen sehr, Schuld und Schamgefühle machen ihnen zu schaffen. Eine Frau sagt "Ich habe ein Geheimnis, also bin ich moralisch schlecht". Sie erlauben sich ein Geheimnis eher, wenn sie damit andere Menschen schützen und sie vor Bloßstellung bewahren wollen. Männer dagegen neigen dazu, ihr Verhalten vor sich zu rechtfertigen und anderen die Schuld geben: "Ich habe ein Geheimnis, weil du mich dazu zwingst", oder: "Ich lüge, aber nur, weil du die Wahrheit nicht verkraftest". Männer halten sich nicht gleich für einen schlechten Menschen, wenn sie ein Geheimnis wahren und dafür vielleicht sogar heftig lügen müssen.

Von der Einstellung, die ein Mensch seinem Geheimnis gegenüber einnimmt, hängt es auch ab, wie gut er es bewahren kann. Denn Geheimnisse sind anstrengend. Viel Energie muss allein für das Versteckspiel aufgewandt werden. Ein unachtsamer Augenblick, eine kleine Nachlässigkeit - und das Geheimnis ist nicht länger ein Geheimnis. Muss man lügen, um sich nicht zu verraten, wird es besonders schwer. Der Philosoph Michel de Montaigne schrieb: "Aus gutem Grund heißt es, wer seinem Gedächtnis nicht völlig trauen könne, sollte sich vorm Lügen hüten."

Wer möglichst unbelastet ein Geheimnis wahren möchte, braucht eine positive Einstellung dem Geheimnis gegenüber und ausreichend Selbstvertrauen. Ein "begabter" Geheimnisträger ist überzeugt vom Gelingen: Er glaubt daran, dass Geheimnisse grundsätzlich unentdeckt bleiben können, dass er die Fähigkeit zur Geheimhaltung besitzt und sich selbst unter Kontrolle hat.

Doch selbst, wenn es einem Menschen leicht fällt, sich ein Geheimnis zuzugestehen und es zu wahren - Geheimhaltung, vor allem in Liebesbeziehungen, ist immer eine Gratwanderung. Liebe braucht natürlich die Bereitschaft zur Offenheit und Ehrlichkeit, aber sie braucht eben auch Verstecke und Privatheiten. Eine gesunde Balance zwischen Ehrlichkeit und Geheimhaltung zu finden, ist sicherlich nicht einfach. Aber vielleicht liegt die Lösung in einem Weg, den die Schriftstellerin Adrienne Rich beschreibt: "Um eine ehrenhafte Beziehung zu dir zu haben, muss ich nicht alles verstehen. (…) Es bedeutet, dass ich meistens begierig darauf bin und mich nach Möglichkeiten sehne, dir etwas zu sagen."

Um die Möglichkeit von Wahrheit - darum sollten wir uns in unseren Liebesbeziehungen bemühen. Aber nicht um die absolute Wahrheit, die keinen Raum mehr lässt für Geheimnisse. Denn ganz abgesehen von den verheerenden Folgen zu großer Offenheit, möchte man manchmal auch die Wahrheit gar nicht wissen.

Die Autorin ist Diplompsychologin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift "Psychologie Heute"

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