Zeitung Heute : Partnervermittlung

Zwei Historiker helfen mit ihrer Online-Stellenbörse rekruter.de der Bundesanstalt für Arbeit beim Sparen

Regina-C. Henkel

„Die Banken hielten die Idee nicht für besonders klug“, berichtet Felix Mühlberg und unterstreicht dabei mit eindeutiger Miene, dass er sich von Skeptikern noch nie hat ausbremsen lassen. Seine Kunden sind froh über diesen Charakterzug. Täglich recherchieren mehr als 2000 Jobsuchende auf www.rekruter.de . Seit das Angebot des Berliner Startup-Unternehmens „FM Studios“ vor sechs Wochen online gegangen ist, werden täglich mehr als 10 000 neue Jobs aus dem Öffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft in die Datenbank aufgenommen.

Natürlich freut sich Felix Mühlberg über die „traumhaften Zuwächse“. Fast noch wichtiger ist dem 39-jährigen Wirtschaftshistoriker, der an der TU Chemnitz über informelle Konfliktbewältigung und bürgerfreundliche Verwaltung promoviert hat, dass auch die anderen Geschäftsbereiche von FM Studios erfolgreich angelaufen sind. Gemeinsam mit der 28-jährigen Historikerin Annegret Schmidt hat er sich nämlich mehr vorgenommen, als „nur“ knifflige IT-Anwendungen, kreative Web-Applikationen oder perfektes Datenbankmanagement: Dass Jobsuchende und Jobanbieter passgenau und schnellstmöglich zusammenkommen. Für die beiden Quereinsteiger ist es nicht akzeptabel, „dass es mitunter Wochen braucht, bis ein Unternehmen mit eiligem Besetzungswunsch an die Profile geigneter Jobkandidaten kommt.“

Im Fachjagon der Bundesanstalt für Arbeit (BA) nennt sich diese Herausforderung „Beschleunigung der Vermittlungsprozesse“ und wird als der Erfolg versprechendste Weg zur Senkung der Arbeitslosenquote angesehen. Immerhin rechnet die BA mit erheblichen Einsparungen: Gelingt es, auch nur 25 000 Arbeitslose eine Woche früher in Lohn und Brot zu bringen, entlastet die Steuerzahler um neun Millionen Euro.

Zeit ist Geld – auch für Unternehmen mit Personalbedarf. Mummert Consulting hat gerade mit einer Studie belegt, dass digitales Bewerbermanagement die Ausgaben für Personalsuche um 50 Prozent senken kann. „Unternehmensspezifische Lösungen anzubieten“, sagt Annegret Schmidt, „ist eine IT-Serviceleistung, die sich sehr wohl rechnet. Banken oder Förderinstitute mühsam davon zu überzeugen, war uns zu zeitaufwändig. Wir haben lieber gleich losgelegt. Viel mehr als unser Know-how und die Überzeugung, dass wir genau das Richtige tun, brauchten wir für FM Studios ja auch nicht."

Nahe liegend, dass das Unternehmer-Duo Schmidt und Mühlberg die Chance ergriff, als die Bundesanstalt für Arbeit im Frühjahr den Stellenmarkt ihres Portals www.arbeitsamt.de privaten Online-Anbietern zum Download freigab. Die damit verbundenen technischen Herausforderungen waren für FM Studios kein Problem: Mühlberg hat sich nach seiner Promotion und einem Assistentenjob an der TU Chemnitz intensiv in die Feinheiten der Personalvermittlung eingearbeitet. Den Job bei einer Potsdamer Personalberatung nutzte er, um sein Datenbank-Know-how aus der Uni zu verbreitern und in eine Bewerbersoftware umzusetzen.

So konnte FM Studios innerhalb von drei Wochen den ersten deutschen Stellenmarkt mit allen Positionen der BA online stellen. Bewerber können in allen BA-Angeboten mit Volltextsuche nach Stichworten oder nach Postleitzahlen recherchieren und sich sofort auf interessante Positionen bewerben. Vorbei ist es mit umständlicher Suche nach so genannten Berufskennziffern, um einen Job in der gewünschten Region zu finden.

Seit Mitte Juni punktet www.rekruter.de mit einem weiteren Service: Täglich werden Statistiken über die Veränderungen am Arbeitsmarkt registriert und verarbeitet. Tagesaktuelle Charts geben Auskunft über die Arbeitsmarktlage in ganz Deutschland und einzelne Bundesländer. Annegret Schmidt: „Personaler können auf einen Blick erkennen, dass die meisten Stellen in den Postleitzahlbereichen 2 und 4 angeboten werden. Das mit Süddeutschland als Traumregion für Arbeitsuchende ist ein reines Vorurteil.“

Die Aufbereitung regionaler Arbeitsmarktdaten ist für Schmidt und Mühlberg nicht allein wichtig, um im Wettbewerb der Online-Stellenbörsen die Nase vorn zu haben. Die beiden Unternehmer haben ihre Herkunftsregion nicht vergessen. Es liegt ihnen am Herzen, dass die neuen Bundesländer „dreizehn Jahre nach der Einheit endlich den wirtschaftlichen Anschluss schaffen“. Das kann nach Überzeugung Mühlbergs nur gelingen, „wenn vor allem Mittelständler die kostenlosen Angebote nutzen, Stellenangebote direkt aufzugeben, um schnell und effizient mit geeigneten Bewerbern in Kontakt treten zu können.“ Das Internet sei die beste Möglichkeit, Idealkandidat und Wunscharbeitsplatz passgenau zusammenzubringen.

„Technisch ist das kein Problem“, sagt Mühlberg, knüpft die Umsetzung allerdings an eine Voraussetzung: „Das Dogmendilemma muss weg.“ In beinahe jedem Unternehmen und fast allen Behörden fehle es am Mut, sich von alten Zöpfen zu befreien. Beispiel: Als Mühlberg während seines Beraterjobs in Potsdam seine Bewerbersoftware mit der Mac-Software Filemaker schrieb, die er als „Schweizer Taschenmesser“ für Datenbank-Tools bezeichnet, wurde er abgebügelt. „Die Standards seien Java und Oracle, hat mich die Geschäftsführung wissen lassen“, erinnert sich Mühlberg mit breiten Schmunzeln im Gesicht – und das ist nachvollziehbar: Sein Ausstieg bei der Potsdamer Personalberatung bedeutete für ihn und Annegret Schmidt den Anfang einer Erfolgsgeschichte, sein Ex-Arbeitgeber dagegen meldete 2002 die Insolvenz an. Viele Ex-Kollegen arbeiten jetzt hin und wieder als Freelancer für FM Studios und schätzen die Attribute, mit denen sich Mühlberg selbst charakterisiert: unkonventionell, lösungsorientiert, ökonomisch effizient, dogmenfrei und konstruktiv skeptisch.

Die Bereitschaft, auch so genannte „große Würfe“ anzugehen, scheint der richtige Weg zu sein: Die Kooperation mit der Bundesanstalt für Arbeit läuft bestens, die Chefetagen des Modefilialisten Hennes & Mauritz Deutschland und Schweiz vertrauen inzwischen ebenso auf die Personalsoftware von FM Studios wie der schweizer Personaldienstleister www.dailyjob.ch oder die Deutsche Montantechnologie. Ganz nebenbei hat das Gründerduo bereits einige hundert Softwarelizenzen an Personalberater verkauft – zum Preis von jeweils 1500 Euro pro Arbeitsplatz. Das Argument der beiden Berliner Softwareanbieter: „Wenn die Wirtschaft wieder anspringt, werden die Headhunter kaum noch so viel Zeit haben wie jetzt, die Profile interessanter Kandidaten in ihren Datenbanken einzupflegen.“

Mit innerer Überzeugung und Zuversicht, dem Akquisetalent und der unkomplizierten Art von Felix Mühlberg allein hätte das Startup FM Studios allerdings nicht so erfolgreich durchstarten können. Annegret Schmidt hat in der jungen Company den Part übernommen, auf die notwendige Bodenhaftung zu achten: Sie fällt strategische Entscheidungen mit dem Wissen um historische Parallelen in der wirtschaftlichen Situation des Landes. Und als kühle Rechnerin sorgt sie für die nötige finanzielle Unabhängigkeit.

Nur in einem Punkt hat Schmidt sich von ihrem Geschäfts- und Lebenspartner ohne jeden Widerstand überreden lassen: Bei der Entscheidung für den Firmen- und Wohnungstandort. FM Studios und die beiden Geschäftsführer residieren auf der Halbinsel Alt-Stralau in einem großzügigen Anwesen – direkt an der Spree. Die sechsjährige Setter-Lady braucht sich ihre Ausgänge mit dem Gründerpaar nicht zu erzwingen. „Vierzehn Stunden am Computer hält man ohne Joggen oder Fahrradfahren nicht durch. Das braucht man körperlich – und, um auf neue Ideen zu kommen“, sagen ihre Besitzer.

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