Zeitung Heute : Party auf Pump

Christian Bahr

Polizeikontrolle. Die zweite bereits auf dem Weg in den Norden des Landes. Der Staat zeigt Präsenz. In tiefblauer Uniform und mit ernster Miene fragt der Polizist, wohin die Reise gehen soll. Den Zielort nimmt er freundlich zur Kenntnis, ein Lächeln huscht sogar über sein gebräuntes Gesicht. Dann öffnet er die Hintertür des Autos und steigt ein. Rasierwasserduft füllt den Fond. Die inszenierte Kontrolle am Abend war ein gut getarnter Autostopp.

Nach Salta geht die Fahrt, eine nördliche Provinzstadt. "La linda" wird sie genannt, die Schöne. Wer wie der Polizist Jorge Santana umgerechnet nur 360 Euro im Monat verdient, spart, wo er kann. Santana redet ungern über die Krise. "Schlimm ist es", sagt er, "ein Desaster." Mehr nicht. Obwohl staatlichen Angestellten wie ihm der Lohn nur noch in Schuldscheinen ausbezahlt wird.

Seit im Dezember die Konten teilweise eingefroren und Dollarguthaben auf den von Abwertung gefährdeten Peso umgestellt wurden, demonstrieren fast täglich tausende Argentinier gegen den als korrupt empfundenen Staat. So präsentiert sich das Land Bundeskanzler Gerhard Schröder, den am Donnerstag seine Südamerikareise herführt. Er wird hier freudig erwartet, denn zur Überwindung der Wirtschaftskrise hofft man auf deutsche Hilfe bei den Bemühungen um neue Kredite des Internationalen Wä hrungsfonds (IWF).

In den Provinzen, wo die Arbeitslosenquote weit über dem Durchschnitt von 18 Prozent liegt, übernahmen im Januar protestierende Angestellte, Arbeiter und Arme die Herrschaft auf der Straße. Das Rathaus von San Martin wurde gestürmt, weil die Angestellten keinen Lohn bekamen. In Cordoba brannten Rathausmitarbeiter Autos nieder. Die Polizei sah zu, teilweise in stiller Sympathie.

Auch in Jorges Wohnort Salta. Vorbei sind die Zeiten, als die alte Kolonialstadt prosperierte. Hier im Norden, an der Grenze zu Bolivien und Chile, hatten die Gründerväter Argentiniens vor 200 Jahren die Unabhängigkeit ausgerufen. Von der Natur verwöhnt, hatte Salta das Land mit Mate, Früchten und Gemüse versorgt. Ausgerechnet hier war Argentinien erstmals aus dem Traum vom Wohlstand gerissen worden: Arbeitslose hatten im letzten Jahr ihre ehemalige Fabrik besetzt. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei eskalierten. Der Aufruhr wurde niedergeschlagen, die Wut blieb.

In Salta angekommen, reicht Santana seine Telefonnummer herüber. "Wenn du Hilfe brauchst, ruf an." Die kleinen Gefälligkeiten haben das Land zusammengehalten. Aber die großen Gefä lligkeiten sind es, die zum Ruin beigetragen haben: Schwarzarbeit, Schmiergeld, Steuerhinterziehung.

Auf einem leicht verblichenen Foto an der Wohnzimerwand des Landwirts Alberto Nuñez ist der ehemalige Präsident Carlos Menem zu sehen. Er gaukelte den 34 Millionen Argentiniern das Paradies von der ersten Welt vor und hinterließ 1999, am Ende seiner Amtszeit, einen riesigen Schuldenberg. Nuñez ist Eigentümer fruchtbarer Ländereien und ein Patriarch alten Schlages - mit Einfluss und guten Verbindungen zur politischen Kaste. In den Glasvitrinen des Wohnzimmers stapeln sich die Schätze seiner Familie. Silber, Trophäen, Bilder. Sein ganzer Stolz ist das Foto der Tochter im schwarzen Examensgewand. Jurastudium, Angestellte im Ministerium, eine Bilderbuchkarriere. Den Aufstieg in die akademisch gebildete Mittelschicht versüßte Señor Nuñez seiner 30-jährigen Tochter mit dem Kauf einer Eigentumswohnung im noblen Zentrum von Buenos Aires. "Mit Krediten finanziert", sagt Nuñez. Verträge, die auf Dollarbasis abgeschlossen wurden, als längst über das Ende der Dollarbindung debattiert wurde.

Ex-Präsident Menem hatte es seinen Landsleuten vorgelebt: Die freie Marktwirtschaft ist süß, wenn man genügend Geld besitzt. Shopping-Center schossen in seiner Regierungszeit wie Pilze aus dem Boden, Fabriken machten dagegen reihenweise dicht. Was ihre Gehälter nicht hergaben, ermöglichten sich viele Argentinier über Schulden. Stereoanlagen, Autos oder Häuser. Eine Party auf Pump. Der Peso scheinbar krisenfest an den US-Dollar gebunden - Anreiz genug, über die Verhältnisse zu leben. So ging es zehn Jahre lang. Rund um den Globus war man besorgt über die 142 Milliarden Dollar Schulden des Staates Argentinien. Die rund 91 Milliarden Dollar Privatschulden der Unternehmen und Einwohner aber, mehr als die Hälfte bei auslä ndischen Banken, stürzten das Land in einen Strudel. Seit der Peso vom Dollar abgekoppelt ist und rasant in die Tiefe stürzt, sitzen Millionen mittelständischer Argentinier nun wie ihr Staat in der Schuldenfalle. Über Nacht haben sich ihre Verbindlichkeiten um fast 50 Prozent vergrößert. Durch die langjährige Rezession sind ihre Löhne im letzten Jahr jedoch entweder um bis zu 30 Prozent gekürzt worden, oder die Menschen wurden arbeitslos.

Viele tausend Argentinier wollen deshalb zurück in die Länder ihrer Vorfahren. Nächtigen in den Warteschlangen vor den Bot

schaften. Auch die deutsche Vertretung bekommt immer mehr Besucher. "Die Argentinier werden sich ihrer Wurzeln bewusst", sagt der Sprecher der Botschaft. Es gebe zunehmend Anfragen, ob die deutsche Staatsangehörigkeit noch besteht.

Schlangen auch vor den Banken. "Wir erleben hier einen Alptraum", sagt Susana Dieguez, während sie vor der Provinzbank wartet. Vor drei Monaten wurde die Angestellte entlassen. Ihre Ersparnisse liegen sicher auf dem Sparkonto. Sicher vor ihrem Zugriff. Die Notstandsgesetze erlauben nur beschränkte Auszahlungen, damit das Bankensystem nicht völlig kollabiert. Seit Wochen gehören lange Schlangen vor den Geldinstituten zum Bild des Landes. Jeder will retten, was er retten kann. "Ich war dumm", sagt Dieguez, "denn ich habe meinem Land vertraut." Bis zum Ende des Jahres darf sie nur 3000 Dollar abheben. Arbeitslosengeld gibt es in Argentinien nicht. "Ladrones", hat jemand mit schwarzer Farbe auf das Schaufenster der Filiale gepinselt. Diebe.

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