Zeitung Heute : Party, Parade, Videoclips: Technopostille auf CD-ROM

GUNTER BECKER

Die Aufforderung ist unmißverständlich: "Get out!", oder abgekürzt "GO!" Das klingt nach Rausschmiß, aber keinesfalls nach einem gemütlichen Schmöckerabend zuhause. Trotzdem ist der kämpferische Aufruf Titel eines Musikmagazins auf CD-ROM. Und das wiederum kann nur daheim, oder im Büro, jedenfalls am PC konsumiert werden. Mit "Getout!" wird geprobt, wie Musikmagazine im dritten Jahrtausend aussehen könnten. Der Versuch großer Musikmagazine - wie Melody Maker oder Rolling Stone -, mit einer eigenen, dem Heft beigelegten Audio-CD neue Kunden zu gewinnen, ist erst ein halber Schritt. Getout macht folgerichtig da weiter, wo einschlägige Printtitel an ihre Grenzen stoßen.Das multimediale Produkt versucht den Spagat zwischen Print, TV und Internet. Im August kommt die dritte Ausgabe von Getout auf den Markt. Natürlich geht es darin auch um die Berliner Love Parade. Denn obwohl bisher nur eine französische und eine niederländische Version des Titels hergestellt werden, sind die Inhalte für die große europäische Raver-Community interessant. Dazu zählen neben kurzen, unkommentierte Videoclips von Szene-Events, wie dem Time Warp-Festival in Mannheim, dem Mayday in Dortmund oder Video-Interviews mit DJs, wie Paul van Dyk und Cari Lekebusch. Wer Cosmic Babys breites Nürnberger Englisch oder Luke Slater¥s harten Nordengland-Akzent schwer versteht, kann mit Hilfe der Bedienungsleiste neben dem Screen nochmal "zurückspulen" und genauer hinhören.Elemente des klassischen Print-Journalismus sucht man dagegen vergebens bei Getout. Längere Stücke fehlen fast vollkommen. Das macht Sinn, denn: Wer liest schon gerne 200 Zeilen am Schirm? Stattdessen gibt es die aus Szene-Magazinen sattsam bekannten Servicemodule: Veranstaltungskalender, Plattenkritiken, Partytips. Die Macher nutzen die multimedialen Möglichkeiten der CD-ROM. Eine interaktive Event-Landkarte liefert bei Mausklick Termine aus verschiedenen Regionen. Enttäuschend ist, daß bei den Plattenkritiken aktuelle Longplayer nur mit einer Abbildung des Plattencovers und der Titelliste vorgestellt werden. Reinhören nicht möglich? CD-Shops im Web haben da mehr zu bieten.Die Handhabung von Getout ist einfach. Ins CD-ROM-Laufwerk einlegt, genügt ein Klick und los geht es. Die funktionelle Navigation mit der Scrollbar, einer Leiste mit Auswahlmenüs, kommt all denen entgegen, die schon einmal im Web unterwegs waren. Hyperlinks führen zu weiteren Informationen. Daß so ein Produkt für Werbetreibende interessant ist, wundert kaum. Die Zielgruppe ist klar lokalisierbar und laut Marktforschung konsumfreudig. Anders als im TV verhindert das Medium CD-ROM ein Wegzappen der Werbung. Der Phantasie der Agenturen sind wenig Grenzen gesetzt: Produktinfos können wahlweise als Text, Bild, Grafik und Videoclip integriert werden. Wie man Werbung dann allerdings geschickt zwischen den Inhalten plaziert, müssen die Getout-Macher erst noch lernen. Nervtötend oft werden vor redaktionellen Beiträgen kurze Videotrailer für Energiedrinks, Partyagenturen ("Schaumparties, Popcornparties"), Geräteverleiher oder GoGo-Tanzschulen eingespielt.Seit April ist Getout auf dem Markt. Die 50 000 Kopien der zweiten Ausgabe wurden zu einem Sonderpreis unters Partyvolk gebracht. Das Magazin hat ein Bonus-Musikstück und funktioniert auch als Audio-CD. Gleichzeitig ist Getout aber von journalistischen Qualitätsprodukten weit entfernt. Noch zu selten wird von der Verlinkung der Texte mit den Videos und Audiofiles Gebrauch gemacht. Angelegt sind aber all diese Möglichkeiten bereits, und das macht Getout interessant. Wort, Bild und Ton zusammen beschreiben Musik plastischer als reine Printformate. Möglicherweise gehört das nächste Jahrzehnt solchen Medienhybriden.Surftips für Musikmagazine www.spex.de www.groove.de www.flyer.de www.tendance.de users.visionfactory.be/getout/NL/

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