Partykeller : Die Stimmung ist im Keller

Fischernetze an der Decke, Martini auf Eis, Silberzwiebeln an Käsewürfeln, dunkle Ecken mit Matratzen. Sag mir, wo die Partykeller sind: Wo sind sie geblieben?

Es gab eine Zeit in der BRD, da gingen die Menschen zum Feiern in den Untergrund. Es fing damit an, dass sie Häuser bauten, die so gemütlich waren, dass sie sie am liebsten nie mehr verlassen wollten.

Während man sich gegenwärtig in Kneipen trifft, die wie Wohnzimmer aussehen, traf man sich in den Sechzigern, Siebzigern und der ersten Hälfte der Achtziger in Zweitwohnzimmern, die wie Kneipen aussahen – und tief unter der Erde lagen. Der eigene Partykeller galt als Statussymbol schlechthin. Warum noch auf ein Bier in die Eckkneipe, wenn es aus dem Zapfhahn an der Hausbar viel besser schmeckt? Warum mit Unbekannten den Tisch teilen, wenn man treppab eine eigene Kneipe für den engeren Bekanntenkreis eröffnet hat?

Heute findet sich kaum ein spontan funktionstüchtiger Partykeller mehr. Er scheint ausgestorben zu sein. Die meisten der vergessenen Räume sind von einer Vielzahl verschiedener Sedimente überlagert, die abzutragen eine dankbare Aufgabe für Restauratoren wäre. Als Abstellraum missbraucht, stapeln sich Umzugskisten mit Überflüssigem, abgewohnte Gartenmöbel und eingemottete Weihnachtsbaumständer, wo früher Stehblues getanzt und Mädchengesichter von Jungswangen wundgeschmirgelt wurden.

Hier landet alles, was zum Wegwerfen zu schade oder selbst für den Sperrmüll zu sperrig ist. Aber ja, dieses undurchschaubare Sammelsurium hat ein durchaus interessantes Vorleben, das zu beleuchten die eigene Familienfeiergeschichte wieder erlebbar macht; Genealogie anhand von Möbeln und Objekten sozusagen.

Die Volkskundlerin Anke Wielebski ist für die Ausstellung „Heut’ laden wir uns Gäste ein – Kulturgeschichte der privaten Feiern nach 1945“, die zurzeit im ostwestfälischen Minden zu sehen ist, unter anderem dem Phänomen „Partykeller“ auf den staubigen Grund gegangen. Zwei Jahre lang hat sie den Fundus von Freunden und Fremden durchstöbert und so manch vergessen geglaubtes Relikt aus dem Souterrain ans Tageslicht befördert: vom Schnapsbecherset in Form einer Farbpalette über den gläsernen Erdnussspender bis zum überdimensionalen Bowletopf.

„Große Familienfeiern wie Hochzeiten oder Taufen wurden meist in gewohnter Art begangen, das zwanglose Feiern war etwas, das aus reiner Lust an der Geselligkeit stattfand“, sagt Anke Wielebski. „Eine Kellerparty hat natürlich ihre Vorteile: Der Lärm, Rauch und die Reste des Feierns bleiben außer Sicht-, Hör- und Riechweite.“ Vor allem jedoch gehe es aber ums Lebensgefühl; man sei sein eigener Herr, müsse keine Sperrstunde einhalten – und der Heimweg sei, zumindest für die Gastgeber, überschaubar.

Dass das für Außenstehende unsichtbare Vergnügen Ausdruck einer prüden Nachkriegsbefindlichkeit im tiefen Westen Deutschlands war, dieser naheliegende Verdacht zerstreut sich, wenn man die Fotosammlung der Münsteraner Wissenschaftlerin betrachtet: Da sind auftoupierte junge Frauen im Zweiteiler zu sehen mit einer Magnumflasche Martini in der Hand oder beim Flaschendrehen – und das passende Schild hängt an der Schrankwand: „Was sind heute tolle Weiber hier!“

Der Ton durfte gern etwas burschikoser sein, befand man sich doch nicht in der guten Stube, sondern im dunklen Fleck des Hauses, einem Rückzugsraum, der den Schwips nicht verriet. Hier konnte man ungeniert sein, auch mal fünf gerade sein lassen.

Laut der Wissenschaftlerin war der Rückzug in die Kellerräume ein schleichender Prozess – was in den 50er Jahren als Hausbar im ebenerdigen Wohnzimmer mit dem Erzählen von Heinz-Erhardt-Witzen begann, endete mit zunehmendem Wohlstand und ansteigender Gästezahl mit dem Abstieg in die letzte noch unmöblierte Bastion des Eigenheims. Man fuhr an die Adria und brachte die Idee für die nächste Mottoparty gleich mit: „Bella Italia“, mit Lambrusco in der Bastflasche und Spaghetti, für deren Verzehr es damals in der einschlägigen Partyratgeber-Literatur noch Gebrauchsanweisungen gab.

Auch die Einrichtung veränderte sich über die Jahre. So überwogen Anfang der 60er hoch spezialisierte Gebrauchsgegenstände: hölzerne Schälchen für diverse Snacks, Flaschenöffner im Mexiko-Stil, Serviettenständer aus Resopal. Der feuerrote Partypilz aus Plastik, in den die Hausfrau selbst gemachte Spieße aus Käsewürfeln, sauren Gürkchen und Silberzwiebeln stecken konnte, erlebte Mitte der 60er seinen unaufhaltbaren Siegeszug. Ihm zur Seite standen stramm die Salzstangen der Firma Bahlsen, für deren Präsentation Igelskulpturen aus allen möglichen Materialien benutzt wurden. In den 70ern boomten dann Erdnüsse, die die Gastgeber gern in gläsernen Kannen präsentierte. Auch die Sprüche, die für alle sichtbar an die Wand montiert waren, wurden immer komischer. Man denke nur an die Wanduhr mit den vielen Vieren und darunter der Warnhinweis „Kein Bier vor vier“. Oder die auf einem Holzstück befestigte Fahrradklingel: „1x Klingeln = trockene Kehle (…) 4x Klingeln = Mama, Taxi“. Im Partykeller durfte man sich gehen lassen. Es galten laxere Regeln als über Tage.

Ein Kennzeichen des ernst gemeinten Partykellers ist, dass er vom Hausherrn im Schweiße seines Angesichts selbst zusammengezimmert wurde. Wo auch sonst, wenn nicht hier, lassen sich die Reste der Küchen-Kiefernholzvertäfelung nutzbringend andübeln? Und für den Fall, dass nicht mehr genug übrig ist, empfahl sich eine schmucke Wandverkleidung aus Korkplatten oder eine Fototapete. Die Wasserrohre, die entlang der tief hängenden Decke verlaufen, ließen sich prima mit Girlanden oder Fischernetzen umwickeln, die vergitterten Fensterluken, hinter denen man den geharkten Vorgarten vermutete, mit Tiffany-Folie bekleben. Besonders begabte Techniker verkabelten in bester Disco-Tradition Lichtorgeln und Nebelmaschine mit dem Dual-Plattenspieler.

Eine nicht nur gestalterische Umwandlung erfuhr der Partykeller, als die Kinder der 70er ihn als Teenager, also in den 80ern, entdeckten. Es war die perfekte Partylocation im eigenen Wohnhaus, in räumlicher Distanz zu den Eltern, aber nah genug, so dass Mutti es mit den Käseschnittchen nicht zu weit hatte.

Die frühen 80er boten Raum für neue Formen der Partyspiele – der „Ententanz“ beispielsweise hielt sich 1981 für mehrere Wochen in den Top Ten der Hitparade. Auch die Polonaise erlebte dank Gottlieb Wendehals ein neues Hoch (1982), während die Endlos-Medleys eines James Last im Plattenschrank blieben. Als Klassiker dagegen hielt sich das Flaschendrehen, auch Flaschenorakel genannt. Die Engtanzrunde bei Schummerlicht (Dimmer!) galt als unangefochtener Höhepunkt der Kellerparty, der nur noch von ungehemmtem Knutschen auf den bereit gelegten Matratzen übertroffen werden konnte. Für die traurigen Gestalten, die nicht mitmachten, hatten bereits die Großeltern Namen erfunden: „Mauerblümchen“ beziehungsweise „Rittersporn“.

Ein Zeitzeuge beschreibt sein kriminelles Handeln so: „Zuerst ging es darum, die Reste vom kreativen Selbstverwirklichungstrip der Mutter beiseitezuschaffen. Nachdem das Seidenmalererei-, Makramee-, Brennpeter- und Töpfereizubehör weggeräumt worden war, durften wir die Wände neu streichen, natürlich schwarz, die Türen pink. In die Ecke gehörten alte Matratzen, die jeden Allergiker zum Weinen bringen würden. Das Ganze wurde ausstaffiert mit geklauten Baustellenschildern und einem Martini-Schild, das wir, nachts auf dem Mofa vorbeibrausend, von der Trinkhalle an der Ecke abrissen.“

So industrial mag man es Mitte der Achtziger. Girlanden an den Abwasserrohren, undenkbar! Die Rohre waren doch schön!

Mit dem Aufkommen der Großraumdiscos namens „Fabrik“ starb der Partykeller auf dem Lande – und wurde zu dem Multifunktionsabstellraum, der er heute ist.

„Schade“, findet Anke Wielebski, die Wissenschaftlerin. Doch einen Lichtstreifen am Horizont sieht sie trotzdem: Neulich, bei einer Einrichtungssendung im Fernsehen, habe ein Kandidat den Wunsch nach einer Partylounge geäußert. Aber das sei natürlich nicht dasselbe.

Die Ausstellung „Heut’ laden wir uns Gäste ein“ zieht gerade von Minden nach Bielefeld um. Dort ist sie ab dem 16.3. im Bauernhaus-Museum zu sehen.

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