Zeitung Heute : Passau oder der Wille zum Beifall

Weg müsse diese Regierung, brüllt er, weg aus ihren Sesseln in der Hauptstadt, weg, weg, weg, ins Dschungelcamp zu Kakerlaken und Schlangen. Der Jubel ist groß für Edmund Stoiber beim Politischen Aschermittwoch der CSU. Sie sind froh, dass er hier ist – und sähen ihn doch lieber in Berlin.

Robert Birnbaum[Passau]

Man wird ja wenigstens mal fragen dürfen, ob das wirklich noch nötig ist. Gerade jetzt in diesen umstürzlerischen Tagen, in denen jeder von Reformen redet und davon, dass es Abschied zu nehmen gelte vom Liebgewonnenen. Nun gut, die „Peiner-Passau-Fahrer“ wären ein bisschen betrübt, weil sie seit 1976 zum Fasching ihren politischen Betriebsausflug nach Niederbayern unternehmen, die CDU Rotenburg-Wümme wäre auch traurig, „seit 1979 immer dabei“, von dem Herrn gesetzten Alters aus dem Hochsauerlandkreis zu schweigen, der morgens im Hotel seinen Kampf- und Reisegefährten derart laut und landestypisch „Auf jetzt! Pack mers!“ zugerufen hat, dass jeder im Frühstücksraum gemerkt hat, in der Passauer Aschermittwochsluft atmen nur echte Mannsbilder frei durch. Solche wie der Franz Josef eines gewesen ist. Wahre Aschermittwochsfahrer haben den erlebt oder kennen wenigsten einen, der den erlebt hat.

Aber gerade dieser üblicherweise schwer verklärten Erinnerungen wegen wird man fragen müssen, ob es im Zeitalter der täglichen Talkshow solcher Bräuche aus der Zeit des Schwarzweiß-Fernsehapparates überhaupt noch bedarf? Besonders, wenn man sieht, wie viele orangerote Scheinwerfer die CSU von der Saaldecke herabstrahlen lassen muss, um wenigstens lichttechnisch so etwas wie bayerische Gemütlichkeit aufkommen zu lassen. Es wird trotzdem bloß Baumarktgemütlichkeit, weil die nigelnagelneue Passauer Dreiländerhalle nicht nur im Gewerbegebiet liegt, sondern auch so aussieht. Unten in der Altstadt räumt ein Bagger die Trümmer der alten, engen, ewig baufälligen, aber original biermuffigen Nibelungenhalle beiseite.

Doch andererseits: Wo sonst könnte sich der Edmund Stoiber derart frenetisch, stürmisch, überschwänglich von gut 8000 Leuten bejubeln lassen wie hier beim Politischen Aschermittwoch? Das ist dann nämlich doch wie immer. Gejubelt wird. Nur einmal nicht, ganz am Anfang, als der Staatskanzleichef Erwin Huber dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats des FC Bayern München gratuliert hat zu der „kämpferischen Leistung“ seines Teams am Vorabend beim 1:1 gegen Real Madrid. Der Vorsitzende ist Stoiber. Da hat es aber mehr Pfiffe als Beifall gegeben. So weit geht die Liebe der Nordlichter zum schwarzen Süden nicht.

Wut auf den Wahlkampf

Ansonsten aber kennt der Wille zum Beifall wenig Grenzen: Jubel, wenn der Staatskanzleichef Erwin Huber, der hier der Bezirksparteichef ist, sein Niederbayern anpreist als den „schwärzesten Landstrich Deutschlands“ wegen der 65 Prozent für die CSU, Jubel, wenn der Oberbürgermeister Zankl anmerkt, dass ein paar Kilometer weiter in Vilshofen beim designierten SPD-Chef Franz Müntefering „ungefähr 200 Zuhörer“ gezählt worden seien. Und ungeheurer Jubel immer dann, wenn Stoiber die Roten zum Beispiel ins Dschungelcamp unter Kakerlaken und Schlangen verwünscht: „Hilfe, ich bin ein Sozi – holt mich hier raus!“ Passau zu Aschermittwoch ist der Ort für klare Verhältnisse.

Insofern ist es vielleicht der falsche Moment, um sich den Mann da oben am Rednerpult daraufhin anzuschauen, was denn eigentlich aus dem noch so alles wird. Obwohl, ein bisschen schwierig schon, ihn sich zum Beispiel gerade als Bundespräsidenten vorzustellen. Nicht, dass er nicht eine über weite Strecken ausgesprochen staatsmännische Rede halten würde; eine Ansprache, in der viel vom Mut zu Veränderungen die Rede ist, von harten Reformen und davon, dass man das Unpopuläre nicht scheuen dürfe. Aber die Art, in der ihn die Erinnerung heute noch in helle Wut versetzt, wie der Kanzler Gerhard Schröder im Wahlkampf 2002 all diese Wahrheiten verschwiegen und verleugnet hat – das hat so gar nichts Präsidiales.

Nun muss man wissen, dass der Name Stoiber trotzdem auf dem Kandidatenkarussell immer wieder vorbeihuscht. Dass der Bayer bei der CDU weiterhin als Idealbesetzung gilt, ist nicht so verblüffend. Stoiber wäre der Einzige, von dem sicher anzunehmen ist, dass er in dieser für die Zukunft der Opposition so eminent wichtigen Frage die Stimmen von CDU, CSU und FDP geschlossen auf sich vereinen könnte. In der CDU, aber auch in seiner eigenen CSU gibt es hartnäckig Leute, die behaupten, ganz und gar wörtlich zu nehmen seien Stoibers mehrfache Absagen an das höchste Staatsamt frühestens am 7. März. An dem Tag sitzen die Präsidien von CDU und CSU zusammen. Da wird die CDU-Chefin Angela Merkel ihren Kandidaten benennen müssen. Dass das Wolfgang Schäuble sein wird, sagen zwar alle, aber keiner wagt eine Wette. Besonders solche nicht, die wissen, dass Stoiber in schwachen Stunden sich nach wie vor die Frage stellt, ob er nicht doch ins Schloss Bellevue einziehen soll. „Er könnte sich immer noch dafür entscheiden“, hat dieser Tage ein CSU-Spitzenmann gesagt.

Aber wahrscheinlich wird er nicht, und das wird dann auch ein bisschen am Aschermittwoch liegen. In dem steckt nämlich, Baumarktbeleuchtung hin, nostalgisches Publikum her, ein Stück sehr emotionaler Tradition. 52 Jahre ist es her, dass Franz Josef Strauß die im Wolferstetter Keller in Vilshofen begründet hat. Seinen „grandiosen Lehrmeister“ nennt ihn Stoiber. Und dass diese Aschermittwochsrede „die größte Herausforderung des Jahres für einen CSU-Vorsitzenden“ sei, sagt er. Und meint das auch so. Das andere Amt, das des bayerischen Ministerpräsidenten, würde er für Höheres aufgeben. Das hat er jetzt ein Jahrzehnt ausgefüllt, ein fettes Jahrzehnt obendrein. Doch auch in Bayern werden die Zeiten magerer. Draußen vor der Dreiländerhalle steht eine lange Reihe Polizeibeamte mit Trillerpfeifen, Wut über verordnete 42 Stunden Arbeit im Bauch und garstigen Plakaten der Art „Stoiber heißt er, uns bescheißt er“. So was muss er sich ja nicht mehr unbedingt antun. „Das traut er uns zu, dass wir Bayern auch regieren könnten“, sagt eins der jüngeren Kabinettsmitglieder. Aber für den Parteivorsitz ist eben kein Ersatz in Sicht. Jedenfalls keiner, dem Edmund Stoiber dieses Erbe von Strauß gerne anvertrauen würde.

„Schröder nach New York“

Und warum, wenn man ihn so sieht da oben auf dem Podium, diesen schweißtriefenden, beschwörenden, stirnzerfurchten, zornigen, kämpfenden Mann, dem die in zwei Stunden rau gewordene Stimme fast kippt im Finale – warum sollte er denn auch aufgeben, was er hat und ist? Der Herr des immer noch stärksten Bundeslandes, unumstritten als Parteichef, und hier in Passau umjubelt in hymnischen Chören? Auf dem Gipfel stehend denkt keiner an den Abstieg. „Rote Karte für Müntefering, er soll Oppositionsführer machen“, hat Stoiber gebrüllt, „rote Karte für Schröder, er soll nach New York gehen, wo er sich so wohl fühlt.“ Weg müsse diese Regierung, weg aus ihren Sesseln in Berlin, weg, weg, weg, „die können es nicht!“

„Oh, wie ist es schön, so was hat man lange nicht gesehen“, singt der Saal. Stoiber dirigiert kurz mit, lächelt etwas verlegen, dann geht er runter ins Parkett und steigt dort auf einen der Biertische. Der Saal tut, was er traditionsgemäß zu tun hat, und tobt weiter. Da gibt der Redner eine Zugabe und sagt, dass vom Süden ein Signal des Optimismus ausgehe. Und da gibt das Publikum auch eine Zugabe und brüllt: „Stoiber nach Berlin, Berlin, Berlin!“ An das Schloss Bellevue haben sie dabei eher nicht gedacht. Aber das hat ja auch Tradition in Passau, wenngleich sie diesmal ungewöhnlich sparsam ausfällt: Ein einziges Plakat fordert „Stoiber Kanzler“. Aber das dürfte ausreichen, um der Veranstaltung die Zukunft zu sichern. Wo erlebt der Edmund Stoiber so was denn sonst?

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