Zeitung Heute : Passauer Krokodilstränen

„Du bist einer von uns, du bleibst einer von uns“, ruft Horst Seehofer beim politischen Aschermittwoch der CSU dem abwesenden Liebling Guttenberg nach. Aber dabei schaut er so trotzig und triumphierend drein, als wollte er sagen: Seht ihr, es geht doch auch ohne KT!

Rückholaktion. Guttenberg-Sympathisanten in der Passauer Dreiländerhalle. Ihre Zahl bleibt freilich überraschend klein – außerdem kommen sie nicht mal aus Bayern. Foto: dpa
Rückholaktion. Guttenberg-Sympathisanten in der Passauer Dreiländerhalle. Ihre Zahl bleibt freilich überraschend klein – außerdem...Foto: dpa

Der Umjubelte strahlt, obwohl, ein bisschen verblüfft schaut er schon auch drein. Es ist aber gar kein Zweifel möglich. Die ganze Dreiländerhalle, geschätzte 3600 Leute, jubelt und kreischt genau in dem Moment los, in dem sein weißer Schopf beim Einmarsch der Matadore auf der Großbildleinwand auftaucht. Die CSU braucht Helden. Der politische Aschermittwoch der CSU braucht sogar Superhelden. Edmund Stoiber lächelt geschmeichelt in die Halle. Doch, sie meinen wirklich ihn. Der junge Held ist jäh abhanden gekommen. Da müssen halt, ersatzheldenweise, die Alten wieder ran.

Der politische Aschermittwoch, hat Stoiber gesagt, als er noch der Chef war, sei immer sein wichtigster Termin im Jahr gewesen. Für Horst Seehofer gilt das diesmal schon deshalb, weil es sein erster großer Auftritt nach dem Absturz des Karl-Theodor zu Guttenberg ist. Seehofer hat in den drei Jahren als Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender eine Art Achterbahnfahrt hinter sich: nach der verheerenden Wahlniederlage als Retter nach München geholt, schon nach kurzer Zeit als erratischer Alleinherrscher verrufen, seit dem Erscheinen des Volkslieblings Guttenberg auf der politischen Bühne mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, ein Vorsitzender auf Abruf von Guttenbergs Gnaden.

Die CSU hatte sich mit diesem Zustand übrigens prächtig eingerichtet. Seehofer hat nicht mehr tun und lassen können, was ihm gerade so einfiel. An der Basis und im Funktionärscorps hat sich neue Hoffnung breitgemacht – die glänzende Zukunft in Person des jungen, frechen Freiherrn stand ja schon bereit.

Die Umfragen stiegen wieder an. Man hat wieder anfangen können, von 50 plus x zu träumen. Landtagsabgeordnete, die noch vor wenigen Monaten keine andere Perspektive mehr für ihre Zukunft sahen als den raschen Sturz des CSU-Chefs, fanden die Revolution nicht mehr vordringlich. Und deshalb hat letztlich sogar Seehofer selbst der Situation etwas Gutes abgewinnen können, weil deutlich wurde, dass Guttenberg gar nicht so scharf war auf einen Job in München. Er genoss lieber das leichteste Amt, das die Demokratie zu vergeben hat: das des Hoffnungsträgers.

Alles vorbei. Von einem Tag auf den anderen ist das freundliche Idyll in sich zusammengestürzt. Mit angehaltenem Atem haben sie zusehen müssen, wie der jugendliche Held sich selbst verbrannte. Die Fassungslosigkeit ist bis heute zu spüren. Wenn er doch einfach ganz am Anfang der Affäre gesagt hätte: Leute, ich habe da eine Riesendummheit begangen, ich hab’ gedacht, es merkt keiner – könnt ihr mir verzeihen? Aber Guttenberg hat sich verhalten wie jeder stinknormale Betrüger: Erst war er’s angeblich nicht, dann war es angeblich nicht so schlimm, dann war er’s angeblich immer noch nicht, aber schlimm war’s halt inzwischen doch. „Wer hat den denn bloß beraten?“, fragt ein führender Christsozialer und gibt sich selbst die Antwort: „Wahrscheinlich hat der wirklich geglaubt, ihm kann keiner was.“

Jetzt ist er weg. Horst Seehofer hingegen ist noch da. Oder soll man sagen: wieder da? Aber wir greifen vor.

Der gefallene Held ist nämlich irgendwie auch noch da, allerdings nur als Phantom und auf Pappe. Hinten im Saal drängen sich die Fotografen um einen der Biertische, an dem sich ein kleines Dutzend Abgesandte der CDU Schönbrunn/Rhein-Neckar-Kreis häuslich eingerichtet hat. Auf ihren ansehnlichen Bäuchen spannen sich T-Shirts mit dem Konterfei des Karl-Theodor zu Guttenberg. Auf dem Tisch stehen Pappschilder mit der flehentlichen Bitte „Wir wollen Guttenberg zurück!“ Über dem ganzen Ensemble schwebt, sorgsam hinter Folie gezogen, die Aufmacherseite der „Bild“-Zeitung mit der Schlagzeile „Ja, wir stehen zu Guttenberg!“ Damals glaubte das Boulevardblatt noch, seinen strauchelnden Liebling durch einen selbst zusammengefragten Volkswillen retten zu können.

Das Gedränge der Kameras und Mikrofone um diesen Tisch mit den Baden-Württembergern ist nun aber auch deshalb so groß, weil dies die einzige größere Kundgebung zugunsten des Gefallenen ist. Ein paar Besucher sieht man noch mit einem KT-Sticker, mehr nicht. Das ältere Ehepaar, das einen Platz im Vip-Bereich vor der Tribüne hat und seit fünf Jahren so etwas wie das informelle Stimmungsbarometer der Partei darstellt – das ältere Ehepaar also, das im vorigen Jahr umstandslos KT als Kanzler gefordert hat, ist politisch auch schon einen Schritt weiter: „Zeit für 50 plus x – Auf geht’s – auch ohne Dr. Titel“ lautet diesmal das Plakat.

Es lässt offen, wer da die CSU zu altem Glanz zurückbringen soll. Seehofer, nur so zum Beispiel, hat ebenfalls keinen Doktortitel. Seehofer firmiert jetzt auch wieder als „die Kraft des Südens“, jedenfalls in den Sprüchen, die traditionell die Rückwand der Halle zieren. Die Sprüche sind von Mitgliedern und Verbänden der CSU vorgeschlagen worden. Das Copyright wird durch Fußnoten dokumentiert, immer schon, nicht erst in diesem Jahr. Aber welcher Spruch wo hingehängt wird und wie groß gedruckt, das entscheidet die Landesleitung. Die Kraft des Südens ist relativ groß und hängt mittig. Mehr am Rand und nur halb so hoch steht die Versicherung: „KT – Du bleibst einer von uns“.

Pünktlich um zehn Uhr stimmt die Passauer Stadtkapelle den Defiliermarsch an. Der Marsch ist das Erkennungszeichen des Ministerpräsidenten. So oft wie diesmal hat ihn die Kapelle seit Menschengedenken nicht mehr hintereinander spielen müssen. Langsam, sehr langsam schiebt sich Horst Seehofer vom hinteren Saaleingang in Richtung Bühne vor. Er schüttelt jede Hand, die sich ihm bietet, und wenn gerade keine in Sicht ist, schiebt er die seine einem der Gäste entgegen. Als er endlich auf der Bühne angekommen ist, hebt er gemach den Arm zum Winken und schreitet dann zum Kapellmeister, der auch einen Händedruck abbekommt. Seehofer hat keine Eile. Die Bühne gehört wieder ihm allein.

Das ist nicht nur ein erfreulicher Zustand. Als Guttenberg hinwarf, war Seehofer ehrlich erschrocken. Der Konkurrent war weg, doch mit ihm auch der helle Glanz. Seither versucht sich Seehofer an einer ziemlich komplizierten Operation. Der Abglanz des Helden soll weiter auf die CSU scheinen – deshalb schüren sie die Hoffnung, dass er dereinst wiederkommt. Aber die Hoffnung darf nicht so stark werden, dass der Held selbst von ihr erfasst wird. Denn die Zahl derer in der CSU-Führung, die Guttenberg ernsthaft wiederhaben wollen, ist sehr überschaubar. „So viele Krokodilstränen hab’ ich lange nicht mehr vergießen gesehen“, sagt einer der Alterfahrenen der Partei.

Dass das wirklich so ist, hört man aus den offiziellen Reden nur andeutungsweise heraus. Offiziell beschwört Niederbayern-Chef Manfred Weber das Märchen vom ehrlichen Karl-Theodor, der doch alle Fehler zugegeben und sich entschuldigt habe. Offiziell rühmt Seehofer die CSU, in der wie in einer guten Familie kein kritisches Wort über den Bedrängten gefallen sei. Und offiziell verspricht Seehofer, er werde „alles tun“ für seine Rückkehr: „Du bist einer von uns, du bleibst einer von uns, und wir wollen, dass du wieder zurückkehrst in die deutsche Politik“, ruft Seehofer. Der Saal jubelt jetzt doch noch deutlich lauter als eingangs beim Stoiber.

Dass Seehofer dem lieben Karl-Theodor und seiner Familie jetzt erst mal etwas Abstand wünscht, ist hingegen womöglich nicht nur fürsorglich gemeint. Abstand lässt vergessen – die Untaten des falschen Doktors, aber auch die Taten des Helden. Während er Abstand gewinnt, steigen überdies andere über ihn hinweg und auf. Der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich wird im Saal gefeiert für seinen Spruch, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Die Landesgruppe in Berlin könnte demnächst ein Junger führen. „Die Karawane zieht weiter“, sagt ein Christsozialer. Die CSU, ergänzt ein anderer aus der Parteispitze, habe noch stets ihre Kraft bewiesen, Lücken rasch zu füllen. „Das ist sogar bei Franz Josef Strauß gelungen – und was war das für eine Lücke.“

Auch Seehofer ist längst unterwegs als Lückenfüller. Warum sonst würde er eine taufrische Umfrage präsentieren, die zwar nur in Niederbayern veranstaltet worden ist, aber der CSU 55 Prozent gibt? Still triumphierend blickt er drein, als wollte er sagen: Seht ihr, geht auch ohne KT! Und warum sonst erzählt er noch einmal sehr ausführlich die Geschichte, wie drei alte Ministerpräsidenten die Hartz-IV-Reform zu einem guten Ende führen mussten, die vorher die jugendlichen Heldinnen Ursula von der Leyen (CDU) und Manuela Schwesig (SPD) nicht zuwege gebracht hatten? „Heldenselbstverehrung liegt mir ja sonst nicht“, sagt Seehofer, aber andererseits, wie sage ein Sprichwort: „Ein Mann mit weißem Haar ist wie ein Haus, auf dessen Dach Schnee liegt. Das beweist noch lange nicht, dass im Herd kein Feuer ist.“

Der Rest der Rede gilt Bayern. Sogar eine Verfassungsänderung kommt darin vor: Es solle in der Landesverfassung stehen, dass Integration nicht nur Fördern, sondern auch Fordern bedeuten müsse, und insbesondere das Bekenntnis der Migranten zu Grundgesetz und deutscher Landessprache. „Jawoll!“ ruft einer im Saal in den tosenden Applaus. Verfassungsänderungen muss in Bayern das Volk zustimmen. Man sieht die CSU schon vor sich, wie sie demnächst auf den Marktplätzen um Unterschriften wirbt. Mit so was Ähnlichem hat ein gewisser Roland Koch einmal eine fast schon verlorene Wahl gewonnen. Koch ist übrigens auch weg. Trauert ihm noch einer nach?

„Nicht die Asche bewahren, sondern das Feuer weitergeben, das ist unsere Aufgabe“, verkündet Seehofer am Ende. Beim Schlussapplaus zieht er Edmund Stoiber fest an seine Seite. Zwei Silberköpfe mit Feuer im Herzen – dazwischen ist kein Platz mehr frei für angebrannte Helden.

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