Zeitung Heute : Patente: Auf der Suche nach dem Rad von morgen

Ulf Hoffmann

Die Geschichte des Fahrrades ist auch eine der Patente. Welche Schätze in den Archiven des Europäischen Patentamtes schlummern, zeigt nun eine Ausstellung in der Berliner Dependence in Kreuzberg, Gitschiner Straße 97. Noch bis zum 30. Juni sind ausgewählte Beispiele zu sehen: Den oft sehr trocken verfassten Schriftstücken aus mehr als 160 Jahren stellte man erstmals (zum Großteil) Orginalräder aus der Zeit der Erfindung gegenüber.

Die Spanne der Schaustücke reicht von einem Laufrad aus dem Jahre 1820 bis hin zu Rädern aus heutiger Zeit. Die rund 40 historischen Räder stammen vor allem aus dem Deutschen Technikmuseum Berlin und dem Zweiradmuseum in Werder, aber auch von Privatsammlern. Zusammengefasst wurden die wichtigsten Patente in einem über 200 Seiten starken Katalog.

Der gratis erhältliche Band ist das eigentliche Highlight, auch wenn er ein wenig unübersichtlich wirkt. So findet man darin viele Patente heutigen Standards wie den Umwerfer für die Gangschaltung oder die Schnellspanner für die Laufräder. Und als Ausstellungsstück besonders interessant ist ein Messrad der Berliner Firma FES. Es ist voller Elektronik und Sensoren, die die Leistung, die Tritt- und Herzfreuqenz des Fahrers messen. So soll im Vergleich zu üblichen Versuchen im Windkanal eine bessere Abstimmung von Fahrverhalten, Aeordynamik und Kraftübertragung möglich sein.

Insgesamt nur vier Hersteller zeigen ihre neuesten Fahrräder (darunter sogar der Spielzeughersteller Märklin mit einem auf 99 Stück limitieren Mountainbike). Wie Märklin setzt auch Staiger bereits auf die neue Generation von speichenlosen Felgen. Die neue Konstruktion macht die Felge auswechselbar, Unwuchten sollen der Vergangenheit angehören.

Epple ist mit seinem Milleniumrad vertreten, über das wir bereits im vergangenen Herbst berichtet haben. Bei dieser mutigen Neuheit windet sich der wellenförmige Rahmen seitwärts um den Fahrer, er steigt also gleichsam ins Rad ein, nicht mehr auf. Doch besonders die Autohersteller Porsche und BMW beeindrucken mit messetauglichen Präsentationen. Und ein Sprecher des Amtes bestätigt, dass die Zahl der Anmeldungen von Fahrradpatenten gerade dieser Firmen beachtlich sein soll. Weshalb die Autofirmen den modernen Teil der Ausstellung dominieren, bleibt unklar. Vielleicht war manch einem Hersteller aus dem klassischen Fahrradbereich der Aufwand einer Beteiligung einfach zu groß. Doch schade ist das, denn so erhält der Besucher den Eindruck vermittelt, ohne die Autofirmen liefe auch im Fahrradbereich nichts (mehr).

Natürlich könnte man eine Reihe von Innovationen aufzählen, die wir ebenfalls gern in solch einer ambitionierten Ausstellung gesehen hätten. Doch ihr Schwerpunkt liegt eindeutig in der Vergangenheit, wenn auch die Ausführungen des Instituts für Werkstofftechnik der Universität Gesamthochschule Kassel zur Fahrradvision im Jahr 2101 sehr interessant sind: "Im Jahre 2000 hatte sich das Fahrrad im Vergleich zu 1900 aus der Ferne betrachtet nicht dramatisch geändert. Aber eben nur aus der Ferne betrachtet!" Gleiches gelte für das Fahrrad des Jahres 2101. "Das Prinzip an sich ist unschlagbar", schreibt Jürgen Häberle von der Uni Kassel in einem Aufsatz, der im Katalog abgedruckt ist: "Die Änderungen liegen wie bei der natürlichen Evolution im Detail".

Neue Werkstoffe werden in 100 Jahren den Leichtbau vorangetrieben haben. Auch die Elektronik wird bis dahin verstärkt Einzug halten. Häberles Vision von 2101: "Dank Minituarisierung von elektronischen und elektrischen Komponenten verfügen heutige Fahrräder über eine Vielzahl von nützlichen Helfern, zuverlässig und wartungsfrei gespeist von im Rahmen integrierten Solarzellen. Navigationssysteme im Bordcomputer, Funkübermittlung von fahrerrelevanten Daten wie Blutdruck und Sauerstoffaufnahme".

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