Zeitung Heute : Patente Rezepte

Adelheid Müller-Lissner

WHO-Experten beraten derzeit die Möglichkeiten medizinischer Forschung. Was muss passieren, damit nicht mehr jährlich 15 Millionen Menschen an so genannten vergessenen Krankheiten sterben?

Sie betreffen 90 Prozent der Weltbevölkerung, doch nur zehn Prozent der Forschungsgelder werden weltweit zu ihrer Bekämpfung eingesetzt: „Vergessene Krankheiten“ nennen Gesundheitsexperten vor allem in armen Ländern verbreitete Infektionskrankheiten, die jährlich nach Angaben der WHO ungefähr 15 Millionen Menschen das Leben kosten.

Einzelne Verbesserungen gab es in den letzten Jahren. So sagte der Pharmakonzern Aventis im Jahr 2001 zu, den Bedarf für ein Medikament gegen die gefährliche Schlafkrankheit, die durch die Tsetsefliege übertragen wird, fünf Jahre lang sicherzustellen. In dieser Zeit soll das Know-how zu dessen Herstellung außerdem an ein anderes Unternehmen weitergegeben werden. Die Vorgeschichte zeigt allerdings, dass damit vor allem Fehler ausgebügelt werden: In den 60er Jahren galt die Parasitenkrankheit als so gut wie besiegt, doch flammte sie in den Wirren verschiedener Kriege wieder auf. Trotzdem wurde 1995 die Produktion des Mittels Eflornithin gegen die gefährliche Spätform der Krankheit eingestellt. Der Wirkstoff tauchte dafür wenig später in einer Enthaarungscreme für Frauen in den USA wieder auf. Das führte zu internationalem Druck, ihn auch wieder den Opfern der Tropenkrankheit zugänglich zu machen, mit der sich vor allem südlich der Sahara nach Schätzungen der WHO jährlich 300000 bis 500000 Menschen neu infizieren.

Für eine bessere Versorgung der Patienten in armen Ländern mit Medikamenten kämpft seit 1999 auch „Drugs for Neglected Diseases“. Zu den Projekten gehören klinische Studien, in denen Malariamedikamente getestet werden, die wegen einer festen Wirkstoffkombination einfach einzusetzen sind. Gegen Leiden wie das Dengue-Fieber, eine Virusinfektion, die von einer bestimmten Mückenart übertragen wird und in über 100 Ländern in tropischen Regionen vorkommt, wird dringend Impfschutz gebraucht. Jährlich infizieren sich 50 Millionen Menschen. Vor allem Kinder, für die die Krankheit tödlich werden kann, wenn das System der Blutgerinnung zusammenbricht und sie an inneren Blutungen sterben.

Wenn die Krankheiten durch Insekten übertragen werden, helfen oft schon konsequent angewandte Schutzmaßnahmen wie Moskitonetze oder Fallen. Zwei Drittel der Todesfälle bei Kindern könnten mit schon existierenden Techniken verhindert werden, sagte Tim Evans von der WHO.

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