Zeitung Heute : Pathologie der Lüge

Gerd Appenzeller

Haben Sie das Gefühl, dass noch nie auf so niedrigem Niveau wie heute gelogen wurde? Dass unsere Gesellschaft selbst bei den kleinen Unwahrheiten jegliche Stilsicherheit verloren hat und nur noch ordinär geworden ist? Dann sind Sie ein Fall für Maria Bettetini. Die italienische Philosophieprofessorin hat eine „kleine Geschichte der Lüge“ geschrieben. Eine kurze, wie der Verlag sie nennt, ist es nicht. Die 142 Seiten haben es nämlich in sich. Frau Bettetini hat nicht den Ehrgeiz, die Kunst des Lügens zu lehren, was amüsant wäre und das Büchlein in die Reihe der wirklich wertvollen Ratgeber heben würde. Nein, sie führt uns, nüchtern und grausam teilnahmslos, durch zwei Jahrtausende Lügengeschichte. Wer sich über die Lüge empören will, liest bei Maria Bettetini falsch: „Wer vorgibt, nie zu lügen, ist naiv oder hochmütig“, tröstet sie uns. Es ist, sozusagen, eine Pathologie der Lüge. Eine Leseempfehlung für Schmerzunempfindliche.

Maria Bettetini: Eine kleine Geschichte der Lüge. Aus dem Italienischen von Klaus Ruch. Wagenbach, Berlin. 142 S., 10,90 €.

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