Zeitung Heute : Pathos schlägt Disco

Mit einer Verbeugung vor Amerika und Martin Luther King haben die Franzosen Marina Anissina und Gwendal Peizerat olympisches Gold gewonnen. Zu italienischer Musik erklangen aus den Lautsprechern die legendären Worte des Bürgerrechtlers "I have a dream". Mit der Anfangspose, die die Freiheitsstatue darstellen soll, und einer ausdrucksstarken Kür liefen die Eistänzer in Salt Lake City direkt in die Herzen des Publikums - und der Preisrichter. Vergessen waren bei Gwendal Peizerat eher negative Urteile vor dem Wettkampf. "Manchem mag das Thema nicht gefallen, aber das ist immer die Gefahr bei Kunst", sagte der langmähnige 29-Jährige über das Programm "Liberté", in dem er einen Sklaven vor der Befreiung spielt.

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Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Auch die russischen Silbermedaillen-Gewinner Irina Lobatschewa und Ilja Awerbuch, die den Favoriten am Ende nur mit 4:5 Preisrichterstimmen unterlagen, schwangen sich zu großem Pathos auf: "Unser Programm ist dem 11. September gewidmet. Es zeigt, wie der Terror besiegt wird und die Liebe triumphiert", meinte Awerbuch.

Einzig die Dritten Barbara Fusar-Poli und Maurizio Margaglio aus Italien wollten mit der Discokür "I will survive" nur ihren Spaß auf dem glatten Parkett ausdrücken. Doch der verging den ambitionierten Weltmeistern angesichts eines Sturzes. "Wir haben gerade so überlebt", war der knappe Kommentar der Italienerin.

Auch René Lohse war völlig geschafft und erlitt in den Katakomben der Eishalle einen Schwächeanfall. "Mir ist total schwindelig. Nach drei Minuten konnte ich körperlich nicht mehr, danach war es nur noch mein Wille", sagte der 28-jährige Berliner, der nach seiner schweren Knieverletzung erst seit Jahresbeginn wieder im Training ist. "Ich bin einfach nur stolz auf René", sagte Partnerin Kati Winkler, der Freudentränen über die Wangen liefen. Ihr achter Platz war ihnen egal. "Dass wir hier gelaufen sind, war ein Wunder", sagte Kati Winkler. "Die Konkurrenten haben uns mehrere Wettbewerbe voraus."

Bis zur WM im März wollen die beiden ihre Kür noch einmal überarbeiten. Viel Zeit bleibt nicht. Ihr Ziel ist, in den nächsten beiden Jahren eine internationale Medaille zu holen. Ein Platz an der Weltspitze wird frei, denn die Olympiasieger kündigten an, nach der Saison aufzuhören.

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