Patti Smith : "Kommen Sie mit auf den Friedhof?"

Das Gespräch mit Patti Smith geht nach 30 Minuten in die Verlängerung: Sie will die Berlinale nicht verlassen, ohne Brechts Grab zu besuchen.

Patti Smith, 61, hat 1975 mit "Horses“ die Musikwelt revolutioniert. 2007 wurde sie in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen; es erschien ihr Album "Twelve" mit 12 Coverversionen. Der Regisseur Steven Sebring begleitete die Sängerin elf Jahre lang – entstanden ist "Patti Smith: Dream of Life".

Freitag, Cinestar am Potsdamer Platz, ein abgetrennter Bereich im ersten Stock. Patti Smith und der Regisseur Steven Sebring sitzen auf zwei Ledersesseln. Sie trinkt ein Glas heißes Wasser und hat eine schwarze Sonnenbrille auf der Nase. Er trägt einen Cowboyhut und probiert die Klingeltöne seines iPhones aus.

Frau Smith, es war die Berlinale der Musik. Sie haben sich Martin Scorseses Dokumentation über die Rolling Stones, „Shine a Light“, angesehen. Wie hat Ihnen der Film gefallen?

Der war ganz schön lang. Allerdings muss ich dazu sagen, dass Konzertfilme grundsätzlich nicht zu meinen Lieblingsfilmen zählen. Aber ich fand „Shine a Light“ dann doch inspirierend. Es war interessant, zu sehen, wie Mick Jagger arbeitet. Ich dachte sofort: Ich muss unbedingt auch Sport machen, ins Fitnessstudio gehen. Ich bin ja nur ein paar Jahre jünger als Mick, und für eine Person meines Alters scheint er ziemlich in Form zu sein. Außerdem beeindruckt mich seine Arbeitsmoral. Ich kenne den Ort, an dem die Stones in dem Film auftreten …

… das Beacon Theatre in New York …

… aus eigener Erfahrung. Das ist schon rein aus professionellen Gründen interessant zu sehen. Die Stones verdienen eine derartig aufwendig produzierte Dokumentation. Unser Film wurde im Gegensatz zu Scorseses High-End-Dokumentation nur mit einer einzigen 16-Millimeter-Kamera aufgenommen. Ohne künstliches Licht, ohne Budget.

SEBRING: Ja, das war wirklich eine komplett andere Sache, die man so nicht vergleichen kann.

Als junge Frau liefen Sie oft mit einem T-Shirt rum, auf dessen Vorderseite ein Porträt von Keith Richards gedruckt war. Haben Sie ihn und die anderen nach der Premiere von „Shine a Light“ getroffen?

Ach nee, ich bin kein besonders geselliger Mensch, ich hätte gar nicht gewusst, wo ich hätte hingehen müssen, um ihn zu treffen. Aber ich habe Keith erst letztens gesehen, als ich in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. Er hat mit mir „People have the Power“ gespielt. Wissen Sie, ich hänge wirklich nicht so viel mit Rockstars rum, wie Sie sich das vielleicht vorstellen. Ich verbringe Zeit mit Freunden, der Band oder Steven ...

SEBRING: ... naja Patti, viele deiner Freunde sind zufälligerweise Rockstars: Flea von den Red Hot Chili Peppers und Michael Stipe von R.E.M. zum Beispiel ...

... okay, okay, aber ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass ich mich mit berühmten Rockstars treffe. Ich kenne Fleas Frau und sein Kind. Wir haben Songs zusammen geschrieben. Ich bin mit den Red Hot Chili Peppers aufgetreten. Alles ganz normal.

Die Red Hot Chili Peppers kommen aus Kalifornien. Gibt es einen Ostküsten-Westküsten-Streit zwischen Ihnen und Flea?

SEBRING: Es geht hier nicht um Hip-Hop.

Nö. Wir sind keine Konkurrenten. In meiner Zeit, den 70er Jahren, war ich die direkte Konkurrentin von Bruce Springsteen, weil wir beide aus New Jersey sind. Ich komme zwar aus einem südlicheren Teil als er, aber trotzdem.

Bruce Springsteen hat Ihnen 1978 die Melodie zu Ihrem größten kommerziellen Hit, „Because the Night“, geschrieben.

Ich sehe Bruce noch dann und wann, ich mag ihn sehr. Aber ehrlich gesagt gehe ich nur sehr ungern zu Partys, und ich mag das Nachtleben ganz allgemein nicht. Ich bevorzuge die Oper, doch die meisten meiner Freunde sind nicht bereit, sich eine fünfstündige Inszenierung von „Tristan und Isolde“ anzugucken. Das schätze ich nämlich. Für mich bedeutet Spaß, in eine Bibliothek zu gehen oder in einem Antiquariat nach Büchern zu suchen. Ich lebe ein einfaches Leben, für das ich nicht viel Geld brauche.

Geht Ihre 20-jährige Tochter Jesse mit Ihnen in die Oper?

Von Zeit zu Zeit. Sie ist ein Klassikfan, spielt auch selbst Klavier. Sie hat auch eine Schwäche für Jazz. Wenn John Coltrane noch am Leben wäre, würden wir zu seinen Konzerten pilgern. Mein Sohn Jackson mag den Gitarristen Tony Rice und Country-Rock. Meine beiden Kinder treten mit mir auf und gehen mit mir ins Studio, damit ich sie auch ab und zu sehe. Es geht bei uns zu Hause sehr lebendig zu, ständig übernachten die Freunde meiner Tochter bei uns im Wohnzimmer, und ich muss dann morgens über sie hinwegsteigen. Außerdem sind meine Kinder sowieso viel besser als ich, musikalisch gesehen.

Sie kokettieren.

Nein, wirklich. Ich kann nur singen. Entschuldigen Sie, würden Sie mal kurz mit Steven alleine reden? Ich muss mal.

Kein Problem. Steven, erzählen Sie uns von Ihrer ersten Begegnung mit Patti Smith.

SEBRING: Das „Spin“-Magazin hat mich als Fotografen angeheuert, sie bei ihrem ersten Konzert nach ihrem Comeback 1995 zu fotografieren. Als ich sie singen sah und hörte, dachte ich nur: Holy shit, das ist genial. Dann fragte sie mich, ob ich mit ihr nach London reise. Seitdem war ich mit Patti und der Kamera unterwegs.

Was war der heftigste Moment, den Sie beide in dieser Zeit hatten?

SEBRING: Das Heftigste war sicherlich, den Film finanziert zu bekommen. Elf Jahre lang habe ich Patti begleitet und war die ganze Zeit über pleite. Oder das Filmmaterial ging zur Neige, gerade in dem Moment, in dem sie eine besonders gute Version ihres Songs „Rock ’n’ Roll Nigger“ aufführte. Und dann haben wir noch ohne Ende unveröffentlichtes Material aus der letzten Nacht des CBGB’s …

… dem weltbekannten New Yorker Punkclub, der im Oktober 2006 aufgrund einer drastischen Mieterhöhung schließen musste. Hallo Frau Smith! Wie haben Sie diese Nacht erlebt?

Es war eigentlich wie immer: eine ganz normale Nacht im CBGB’s. Der Sound war total schlecht, es war brechend voll. Am Anfang haben wir einfach grauenvoll gespielt. Das Equipment ist zwischendurch kaputtgegangen, die Verstärker sind uns um die Ohren geflogen, dann gab es einen Kurzschluss und das Licht ging aus. Einer unserer Musiker hatte zu viel geraucht. Ja, es war ein typischer Abend im CBGB’s.

Warum haben Sie die Journalisten rausschmeißen lassen?

Es waren einfach zu viele Leute von der Presse da, Journalisten aus der ganzen Welt. Die gingen mir auf die Nerven, weil sie die ersten Reihen blockierten. Ich wollte, dass es für die Zuschauer ein perfekter Abend wird. Am Ende habe ich eingesehen: Es war doch eigentlich nie perfekt.

Der Gründer des CBGB’s, Hilly Kristal, hat diesen letzten Abend noch erlebt.

Ja, zu dem Zeitpunkt kämpfte Hilly gerade gegen den Krebs. Über allem hing die Melancholie einer letzten Nacht. Ich war mir bewusst, dass ich nie mehr dort spielen würde und wahrscheinlich auch Hilly nie mehr wiedersehen würde. Viele von meinen Freunden sind gestorben, zum Beispiel der Fotograf Robert Mapplethorpe und Joe Strummer von The Clash. Wir spielten über vier Stunden.

Wo nehmen Sie die Kraft dafür her?

Die kommt vom Publikum. Und von den anderen, deren Songs wir gespielt haben. Von den Ramones. Von Jimi Hendrix. Oder das Lied „Elegie“, das ich für Hendrix geschrieben habe, als er starb. Das hatten wir vorher noch nie live gespielt, aber an dem Abend taten wir es einfach. Am Ende haben wir all die Namen der Toten verlesen, die wir kannten: Roadies, Barkeeper, Gitarristen, Mädchen, die mit uns rumgehangen haben.

Sie haben von 1980 bis 1994 mit Ihrem Mann Fred Sonic Smith in der Nähe von Detroit gelebt und sich aus dem öffentlichen Leben vollkommen zurückgezogen. Erst nach dem Tod Ihres Mann sind Sie wieder nach New York zurückgekehrt. Wie hatte sich die Stadt verändert?

New York war unfassbar teuer geworden. Die Mieten waren explodiert. Ende der 60er Jahre, als ich dorthin aufbrach, habe ich mir einfach einen Job im Buchladen besorgt, und dann ging es schon irgendwie. Das wäre heute undenkbar, man brauchte gleich mehrere Jobs. Aber es sind auch viele kleine Dinge. Man sieht in Cafés niemanden mehr am Tisch sitzen, der Gedichte schreibt. Alle hängen nur noch am Handy oder arbeiten am Laptop. Die Atmosphäre hat sich verändert, alle wirken jetzt viel gestresster.

Das ist inzwischen in den meisten Metropolen so.

Ja. Die Schönheit der großen Städte bestand früher darin, dass sie rau, gefährlich, aber auch kreativ waren. New York ist glatter geworden, eine Stadt ohne Ecken und Kanten. Es geht nur noch ums Geschäft. Alles ist sauber, an jeder Ecke gibt es eine Filiale von Starbucks. Früher hatten wir so wenig Geld, dass wir noch nicht mal ein Konto hatten. Darum geht es in meinem Lied „Free Money“.

Im Film sehen wir Sie im Gespräch mit Flea am Strand …

SEBRING: Jetzt kommt die Pinkelsache!

… die Geschichten, die Sie Flea erzählt haben; dass sie im Cockpit eines Kleinflugzeugs über Afrika in eine Flasche gepinkelt haben. Ist die wahr?

Ja.

Ihre erste Single hieß „Piss Factory“, später kam „Pissing in the River“. Als Jugendliche haben Sie in einer Fabrik gejobbt, und Ihre Kolleginnen haben Sie angeblich mit dem Kopf in die Toilette gesteckt, weil Sie Rimbaud gelesen haben.

Die dachten, ich sei eine Kommunistin. Ich habe keine Ahnung, aber das Pinkeln scheint wirklich ein immer wiederkehrendes Motiv meines Lebens zu sein.

Sie lachen.

Weil es ein immer wiederkehrendes Motiv in jedem Leben ist. Sie können natürlich nicht wissen, wie wir am Strand darauf gekommen sind. Das war so: Ich habe Flea gefragt, ob er mal mit mir in die Oper gehen möchte. Er war nicht uninteressiert, sagte dann aber, er wisse nicht, wie er es vier oder fünf Stunden aushalten könne, ohne auf die Toilette zu gehen. So kamen wir von der Oper direkt auf dieses Thema. Ich habe ein natürliches Verhältnis dazu. Als ich ein kleines Mädchen war und den Hund spazieren führen musste, habe ich auch einfach in den Wald gepinkelt. Wir hatten ein Klohäuschen hinter dem Haus, da mussten wir bei Wind und Wetter rein. Als ich mit Robert Mapplethorpe in New York lebte, hatten wir kein Bad, so dass ich ins Waschbecken pinkeln musste – weil mal wieder so ein Junkie die Toilette auf dem Flur blockierte. Wenn du musst, dann musst du. Das ist eben so.

Sie kennen keine Scheu.

Sagen wir lieber: Ich spiele keine Rollen. Ich bin nicht anders mit meinen Kindern, als ich auf der Bühne bin oder hier mit Ihnen. Ich habe kein wildes Leben, nehme keine Drogen und trinke kaum was. Der Film zeigt, wie ich bin. Manchmal schockiert das die Leute, oder sie finden es geschmacklos, aber dieselben Menschen beobachten jemanden beim Koksen und finden das cool.

Auf Ihrer letzten Platte „Twelve“, die nur aus Coverversionen besteht, ist uns Ihre Interpretation von Neil Youngs „Helpless“ besonders aufgefallen.

Sie meinen, ob ich eine hilflose Person bin? Ja, bin ich. Ich habe zugesehen, wie mein Mann starb. Man kann nicht hilfloser sein. Ich musste meine Kinder ohne ihren Vater aufziehen. Wenn ich das Lied singe, denke ich an ihn. Wenn mit den Kindern irgendwas ist, wünsche ich mir so, er wäre noch da und ich könnte mir seinen Rat holen. Er war der talentierteste Mensch, den ich kenne. Ich vermisse ihn. Wenn eines meiner Kinder krank ist, auch wenn es nur die Grippe hat, konnte ich immer meine Mutter anrufen und fragen: Was soll ich tun? Hilf mir bitte! Aber sie ist auch tot.

Im Film sind Sie oft an Gräbern zu sehen: an dem Ihres Mannes, an Allen Ginsbergs zum Beispiel, William Blakes, Arthur Rimbauds.

Wenn ich in Berlin bin, besuche ich jedes Mal Bertolt Brechts Grab. Es ist ein wunderschöner Friedhof im Osten der Stadt …

… der Dorotheenstädtische Friedhof …

… und man kann dort immer noch die Einschusslöcher aus dem Krieg sehen.

SEBRING: Echt?

Dann gehen Sie sicher Sonntag zum Grab? Dann ist Brechts Geburtstag.

Stimmt, danke! Das erinnert mich daran, dass meine erste Performance mit dem Gitarristen Lenny Kaye auch an einem 10. Februar war: in der New Yorker St. Marks Church. Es war Vollmond, und ich habe den Abend Bertolt Brecht gewidmet. Ich meine das vollkommen ernst, wenn Sie mitkommen möchten zu Brechts Grab? Am Sonntag in aller Herrgottsfrühe?

Sonntag, 110. Geburtstag von Bertolt Brecht, Dorotheenstädtischer Friedhof in Berlin-Mitte. Die Sonne scheint, es ist fast frühlingshaft. Gegen 9 Uhr halten zwei Taxen vor dem Eingangstor an der Chausseestraße. Patti Smith steigt aus, gefolgt von Steven Sebring und ihrer Entourage. Sie trägt Boots und Jeans. Um ihren Körper flattert ein schwarzer Mantel, der auf der Rückseite mehrere Löcher hat. Das ergraute Haar umweht sie wild zerzaust, über der Schulter hängt eine alte, riesige Polaroid-Kamera. Langsam bewegt sie sich auf Brechts Grab zu. Sie dreht sich um und sagt zu Steven Sebring: „Das sieht aus wie Freds Grab.“ Sie legt einen Button, auf dem „Dream of Life“ steht, zwischen die Pflanzen vor den Grabstein. Da nähert sich ein alter, gut gekleideter Mann mit einer Krücke. Er wendet sich an Patti Smith.

ALTER MANN: Was machen Sie denn hier?

Wir besuchen Bertolt Brecht. Und Sie?

ALTER MANN: Der Brecht hat immer nur geraucht, und die Helene hat gesagt, wo es lang geht. Ich bin hier nur mal Probeliegen. Da hinten werde ich eines Tages ruhen, in der Nähe von August Borsig.

Kann ich mal sehen?

Patti Smith und der alte Mann besichtigen seine zukünftige Grabstätte. Auf dem Rückweg stoppt sie an Heiner Müllers Grab. Sie macht davon noch ein Foto, bevor sie ins Taxi steigt.

Das schicke ich meinem Freund Christoph Schlingensief.

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