Zeitung Heute : Pauschalreisen erstmals über Veranstalter buchbar

Gerd W. Seidemann

Lange Zeit ging es gut. Manchmal mehr, manchmal weniger. Doch jetzt hat auch Helga Masthoff eingesehen: Ohne Reiseveranstalter geht es nicht. Die ehemalige Nummer Eins im deutschen Damentennis betreibt seit vielen Jahren ein so genanntes Tennishotel auf Gran Canaria. Das Haus im "Tal der Palmen" gilt als Oase der Ruhe. Hier findet sich ein sportlich engagiertes und dabei zahlungskräftiges Publikum ein, das sich nicht in einem x-beliebigen Strandhotel dem Trubel auf der tosenden Insel aussetzen möchte. Lange als "Geheimtip" gehandelt, war die Anlage in Los Palmitos nur direkt buchbar. Jetzt steht das Helga Masthoff Park & Sport-Hotel im Katalog von terramar, der Nobelveranstaltermarke des aus Condor und NUR geschmiedeten Reisekonzerns C & N.

So ist der Trend der Zeit, immer mehr Urlauber finden es offenbar zu aufwändig, sich ihr Reiseprogramm - auch innerhalb Deutschlands oder für die Nachbarländer - selbst zusammenzustellen. Da die sogenannte Do-it-yourself-Reise zudem oft unter dem Strich auch noch teurer wird als die vorgefertigte Pauschalreise, gehen immer mehr Deutsche, wenn auch meist mit konkreten Vorstellungen, ins Reisebüro.

Anders als mit dieser Entwicklung ist es auch kaum zu erklären, dass zumindest die großen Veranstalter bei schwächelnder Konjunktur und sinkenden Realeinkommen bei den meisten Deutschen seit Jahren zweistellige Zuwachsraten erzielen. Ein Trend, der anhält und die Veranstalter strahlen lässt. Und die Reisemanager sind ständig auf Entdeckungsreise, um mit einem neuen Dreh ein altes Urlaubsziel wieder schmackhaft zu machen oder ein neues Ziel nach alter Machart anzupreisen. Bei der Vorstellung der Winterprogramme der Marken Neckermann, terramar und Aldiana machte C & N-Vorstand Wolfgang Beeser deutlich, wo er künftig Urlauber hinschicken möchte: "Die Kapverdischen Inseln sind das Zielgebiet der Zukunft."

Nur wenig mehr als eine weitere Flugstunde müssen sich Urlauber gedulden, die der Kanaren müde sind und nun die Inselgruppe 630 Kilometer vor der Küste Senegals ansteuern. Im November setzt Neckermann mit der Eröffnung eines Exklusiv-Hotels Fuß auf eine der Inseln. Von diesem "Basislager" aus können Entdeckernaturen über den Archipel schwärmen. Von den 18 Inseln sind nur zehn bewohnt. Aus gutem Grund, ist doch das Leben in der ehemals portugiesischen Kolonie eher beschwerlich. Auf demselben Breitengrad wie die Sahelzone sind die Probleme ähnlich: chronischer Wassermangel sowie karge und erodierte Böden. 85 Prozent der Nahrungsmittel müssen importiert werden. Bessere Voraussetzungen für einen Tourismus in großem Stil könnte man sich vorstellen. Sogenannte Schnupperwochen von Anfang November bis Mitte Dezember sind inklusive Condor-Flug ab 1489 Mark buchbar.

Neu beim Veranstalter ist Sansibar. All-inclusive-Hotels sollen den Badeurlaub angenehmer machen, wer nicht nur am Strand liegen möchte, kann die Insel auch mit einer Rundreise durch Tansania und Kenia kombinieren. Etabliert im Fernreise-Programm von Neckermann sind Ziele wie Florida, Karibik, Südliches Afrika oder Thailand. Für das Königreich ist das Angebot deutlich erweitert worden. Mit acht Rundreisen, zwei Kreuzfahrt-Kombinationen und 75 Urlaubshotels ist es umfangreicher als zuvor.

Als Besonderheit hat der Veranstalter nun erstmals Pakete für Singles und Alleinreisende geschnürt. Unter dem werbewirksamen Motto "In bester Gesellschaft" werden Touren durch Thailand, Sri Lanka, Kenia und Kuba angeboten, wobei die Gäste ausschließlich in Einzelzimmern wohnen.

Dass Euro oder D-Mark bei aller Ausgabefreudigkeit dennoch eine Rolle spielen, zeigt sich im Trend zur "Alles-inklusive-Reise": Der Urlaub soll möglichst genau kalkulierbar sein, teure Eiskugeln für quengelige Kinder oder kostspielige Longdrinks beim abendlichen Abstecher an die Hotelbar können da in der Rückschau den Urlaub nicht vermiesen. Bei Alles-inklusive kann zwar die Brieftasche nicht zu Hause bleiben, doch der Urlaub wird kalkulierbarer. Im Millennium-Winter hat Neckermann 137 All-inclusive-Hotels weltweit im Programm. Die Probleme, die diese Totalversorgung der Urlauber in den Hotelfestungen für die einheimische Bevölkerung mit sich bringt, werden offenbar weder von Veranstaltern noch von Gästen beachtet: Angebot und Nachfrage steigen ständig. Immer weniger Touristenmärker werden auf dem lokalen Markt ausgegeben, entsprechend geringer wird der Nutzen des Tourismus für den kleinen Laden- oder Barbesitzer.

In dem Halbjahr, wenn Skilauf oder die klassische Fernreise bei vielen Urlaubern auf dem Programm steht, suchen auch immer mehr Sommer-Sonnenziele ihr Winterheil. Hotelkapazitäten wollen ausgelastet sein, die für das Sommerhalbjahr benötigten Flieger kosten ebenfalls zuviel Geld, wenn sie nur am Boden parken. Marokko, Tunesien, Portugal und Zypern haben sich als Ziele für die in Deutschland kalt-graue Jahreszeit längst durchgesetzt, trotz keineswegs immer frühlingshafter Temperaturen. Obwohl sich die Südküste der Türkei als Winterdestination noch schwer tut und ihre Attraktivität vornehmlich über den Preis bezieht, wurde die Region nun in den Neckermannkatalog aufgenommen. Und auch Kreta wird angepriesen, wobei weniger das Bestaunen verlassener Hotelburgen auf dem Programm stehen dürfte, sondern durchaus attraktive Wanderwochen durch die kretische Bergwelt angeboten werden.

Ob nun der Trend zu mehreren kürzeren Reisen oder nur zu Kurzreisen geht - die Forscher sind sich da nicht einig. Feststeht hingegen, dass Städtereisen von drei bis vier Tagen Dauer hoch im Verbraucherkurs stehen. Dem trägt auch Neckermann Rechnung, indem sechs zusätzliche Städte ins Programm rutschen: Athen, Gent, Bremen, Leipzig, Halle und Münster. Zum Jahresende wurden wegen "lebhafter Nachfrage" Sonderflüge nach Paris, London und Rom aufgelegt.

Bei den Auto- und Bahnreisezielen in Deutschland und den (gebirgigen) Nachbarländern breitet der Veranstalter seine bewährte Palette aus: von der preiswerten Familienpension im Harz bis zum luxuriösen Hotel in Gstaad. Fast alle Häuser bieten dabei besondere Ermäßigungen für Kinder. In mehr als der Hälfte der Unterkünfte wohnen Kinder zwischen zwei und elf Jahren sogar umsonst.

Umsonst gibt es eher nichts in den Katalogen von terramar und Aldiana. Diese sogenannten Premium-Veranstalter der C & N-Gruppe - was den Bierbrauern recht ist, darf den Reiseveranstaltern billig sein - haben ihren Preis, bieten jedoch auch entsprechenden Gegenwert. Noch glaubt die Konzernleitung daran, dass "ein großer Teil der Bevölkerung" auf der Suche nach "exklusivem und anspruchsvollem" Urlaub ist. Über die Begriffe lässt sich streiten, doch die drei terramar-Kataloge - allesamt beworben mit dem Slogan "Da will ich hin" - für die Wintersaison können sich sehen lassen.

Hauptzielgruppe sind die 40- bis 60-Jährigen, wobei das Durchschnittsalter des terramar-Gastes derzeit bei 54 Jahren liegt. Ziel von C & N ist es, 400 000 Gäste pro Jahr für die ausgesuchten Vier- und Fünf-Sterne-Hotels zu buchen. Die voraussichtlich 125 000 Kunden zum Ende des laufenden Geschäftsjahres sind für den Vorstand "nicht ganz befriedigend", doch man setzt auf die Entwicklung des Produkts. Im Winter also Flugreisen zu Warmzielen im Mittelstreckenbereich, Fernreisen und - wie könnte es anders sein - Golfreisen. Dabei stehen zum ersten Mal Häuser (elf an der Zahl) ausschließlich bei terramar unter Vertrag. Außerdem fährt das Kreuzfahrtschiff "terramar" exklusiv für den Veranstalter die klassische Route auf dem Nil.

Neu im Angebot sind Kreuzfahrten ab Antigua, Mexiko, Puerto Rico, Thailand und Zypern. Zwölf von 30 Rundreise-Programmen sind frisch aufgelegt, und komplettiert wird das Angebot durch sieben Wanderwochen auf verschiedenen Kanareninseln sowie auf Mallorca und Madeira. Mehr als 25 Jahre schmückte sich Aldiana mit dem Zusatzhinweis "Club" - das ist seit diesem Sommer vorbei. Weil sich immer mehr x-beliebige Hotels mit dieser Bezeichnung schmücken, die oft nicht die Anforderungen einer klassischen Ferienclubanlage erfüllen, verzichtet diese C & N-Marke nun darauf. Einfluss auf das Club-Konzept hat das allerdings nicht. Im Gegenteil. Die Angebote in den zehn Anlagen werden breiter. Es wird zunehmend auf Ruhe und Erholung, Wellness und Wohlfühlen Wert gelegt. Für sportlich Interessierte bleibt nicht nur das bestehende Angebot, es ist vielmehr zusätzlich ein Spezialkatalog entstanden, in dem Aktionswochen mit prominenten Sportlern und eine Reihe von Extra-Programmen zusammengefasst sind. Und als wollte Aldiana seine Exklusivität unter Beweis stellen, wird den Tennis-, Reit- und Golfmüden endlich eine weitere Alternative geboten: die Flight Academy im Aldiana Andalusien. Wer es hier lange genug aushält oder öfter binnen zwei Jahren wiederkommt, kann es hier bis zur Privatpilotenlizenz bringen. Eine neue Clubanlage wird im Januar in Belek an der Türkischen Riviera eröffnet, eine weitere Anlage soll im Dezember 2000 in Hurghada am Roten Meer Urlauber aufnehmen.

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