Zeitung Heute : PC-Spielemarkt: Zwergenaufstand in Friedrichshain

Bertram Küster

Spiele für Millionen prangt es auf der Homepage von SEK.Ost in großen Lettern. Ein Vorsatz, der dem SpieleEntwicklungsKombinat aus Friedrichshain zunächst ein leicht übersteigertes Selbstwertgefühl attestiert. Könnte man meinen. Denn obwohl Deutschland - nach den USA - über den zweitgrößten Markt für Computerspiele verfügt, stellen schon Verkaufszahlen um die Hunderttausend das Maß aller Dinge dar.

Die etablierten amerikanischen Major Companies, deren Budgets für einzelne Projekte nicht selten Millionen verschlingen, haben den Markt längst unter sich aufgeteilt. Deutschen Spieleherstellern gelingt zwar dann und wann ein Achtungserfolg, der Sprung in die Top Ten, in der 90 Prozent der Umsätze verteilt werden, bleibt jedoch ein schweres Unterfangen. Doch die Berliner Newcomer peilen für ihr erstes Projekt gleich einen Platz unter den ersten fünf an.

Der große Coup

Alles nur Zweckoptimismus? Schon seit September 1998 arbeitet das kleine Team an dem großen Coup. Damals begannen die vier SEK-Gründer Thomas Langhanki, Carolin Batke, Ingo Neumann und Carsten Orthbandt noch im heimischen Wohnzimmer mit der Planungsphase. Einschlägige Erfahrung in Sachen Spieleentwicklung hatten sie zuvor bei Terratools in Potsdam gesammelt. Dort war Langhanki für den Aufbau der Spieleabteilung verantwortlich und an der Projektierung des 3D-Action-Spiels "Urban Assault" beteiligt, das Terratools für Microsoft entwickelte.

Auch die Projektleiterin von SEK, Carolin Batke, lernte ihr Handwerkszeug in der renommierten Softwareschmiede. Erfahrungen, die SEK heute zu Gute kommen. "Wir kannten das Geschäft und waren von Anfang an ein eingespieltes Team", begründet Batke den bisherigen Erfolg. Denn den wenigsten gelingt es auf dem Weg zum eigenen Spiel die entscheidende Hürde zu nehmen: einen Publisher für die eigenen Ideen zu begeistern. "Ohne ein vollständiges Konzept mit ausgearbeiteter Finanz- und Zeitplanung inklusive Demo hat man heute keine Chance." Bei einem Besuch der größten Computerspielemesse der Welt, der E3 in Los Angeles, gelang es schließlich, einen Vertrag mit dem ebenfalls noch jungen Publisher Innonics abzuschließen.

Das war im Juni 1999. Seither läuft das Projekt unter dem Codenamen "Heinz" auf Hochtouren. Das inzwischen um sieben freie Mitarbeiter angereicherte Team macht den "Wiggles" Beine. "Wiggles", das sind die kleinen Stars des gleichnamigen 3D-Aufbau-Strategie-Spiels. Ein Zwergenvolk, dessen Aufzucht und Hege einmal in den Verantwortungsbereich des Spielers fallen wird. Anders als innerhalb des Genres üblich, siedeln die "Wiggles" nicht auf, sondern unter der Erdoberfläche. Das Spielgeschehen verfolgt man in einer Art Terrarium, durch das sich die bildhübschen, aufwendig animierten Kerlchen in Richtung Erdmittelpunkt buddeln. Dort gilt es den Höllenhund Fenris an die Kette zu legen, der im Gefolge von Trolls, sonderbaren Raubtieren namens "Wuker" und weiteren üblen Kreaturen das Zwergenreich bedroht wird.

Außergewöhnlich an den Wiggles ist vor allem ihre Persönlichkeit. Während bei klassischen Aufbau-Strategie-Spielen, wie etwa BlueBytes "Siedler" eine anonyme Masse ihre Arbeit verrichtet, führen die Wiggles ein erstaunliches Eigenleben. Nicht nur, dass der Spieler die individuellen Charaktere von der Wiege bis ins Grab begleitet. Auch mit ihren Bedürfnissen wird er ständig konfrontiert. So betrachten die Zwerge einen Teil des Tages als Freizeit, in der sie nur sehr ungerne Aufträge des Spielers übernehmen. Wird dieser Umstand ignoriert, kann es schon mal vorkommen, dass die Kleinen in den Streik treten. Auch sonst sollen die Wiggles fernab jeglicher Fantasy-Konventionen jede Menge Unsinn treiben und so eine böse Variante der Schlümpfe abgeben. Laut Langhanki sind wilde Besäufnisse mit Kneipenprügeleien ebenso vorgesehen wie Discobesuche.

Jugendliche Wiggles sollen das Höhlenlabyrinth mit Graffitis verschandeln und sogar ein Bordell sorgt für verruchten Beigeschmack. "Rollenspieler werden uns verteufeln", befürchtet der 27-jährige Game-Designer mit verschmitztem Grinsen. Bis es soweit kommt, hat das Kombinat noch reichlich Zeit. Bis Oktober soll die erste Vorab-Version fertiggestellt sein. Dann werden die Zwerge auf Herz und Nieren getestet und im März 2001 wird Innonics das Spiel schließlich in den Handel bringen. Ob der gewünschte Erfolg dann eintritt, steht noch in den Sternen. Doch erste Vorschusslorbeeren geben dem Optimismus neue Nahrung. Besonders stolz ist Langhanki über einen zweiseitigen Bericht in der PC-Games, der "Wiggles" höher bewertet als die vierte Folge des Dauerbrenners "Die Siedler".

Auch das Online-Spielemagazin "GamesZone" hat schon erkannt, dass in Friedrichshain ein echter Hit heranreift. Noch ist es nicht soweit, aber mit etwas Glück spielt SEK.ost bald in der ersten Liga der deutschen Spielehersteller. Da wo das Moorhuhn spielt, von dem es ab 20. August eine Fortsetzung gibt.

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