Zeitung Heute : PC-Unterhaltung: Die Angst vorm Spielen

Gregor Wildermann

Lange Warteschlangen, gut gefüllte Geldbeutel und sehnsüchtige Blicke. Darauf hatten sich die Verkäufer in Japans Elektronikläden für den 14. September eingestellt - und dann kam alles anders. Seit zwei Wochen ist dort der neue Nintendo GameCube erhältlich. Er sollte in einer Startmenge von einer halben Million Exemplaren und einem Verkaufspreis von 25 000 Yen (455 DM) verkauft werden. Doch die Ereignisse in Amerika gingen auch an der sonst so unbekümmerten Spielwelt nicht vorbei. Es konnten bisher erst 70 Prozent der neuen Konsolen an den Mann gebracht werden.

Insgesamt gestaltete sich der Launch des GameCube zu einem überschaubaren Ereignis. Gerade mal drei Starttitel wurden von Nintendo angeboten. Erst in den kommenden Wochen will man für den japanischen Markt nachlegen. Die ungewissen politischen Entwicklungen dürften auch für den US-Verkaufsstart am 18. November noch einige Fragen offen lassen. Geplant war der Start in Nordamerika mit rund 700 000 Einheiten und einem Einzelpreis von 199 Dollar, während die Spielfans in Europa noch bis zum Frühjahr 2002 auf den magischen Würfel warten müssen.

Nach der eingestellten, aber noch immer erhältlichen Sega-Konsole Dreamcast und Sonys "PlayStation 2" ist der GameCube die dritte Spielkonsole, die in die 128-Bit-Familie aufgenommen wird. Das komplette Rennen um die Gunst der Spieler eröffnet Microsoft am 15. November, wenn die Xbox in Amerika ihre Weltpremiere feiert. Während Microsofts Konsole in Größe und Form einem mittelgroßen Heizlüfter ähnelt, bringt Nintendo einen wahren Winzling auf den Markt. Auf gerade mal 11 x 15 Zentimeter bemisst sich das Spielgerät, das damit für die engen Platzverhältnisse in Japan ideal zu sein scheint.

Grafisches Herzstück des neuen GameCube ist der mit 485 Megahertz getaktete IBM Power-PC. Eingebaut ist ein Matsushita DVD-Laufwerk, vier Controllersteckplätze und zwei Slots für die Memorykarten, die die vergleichsweise geringe Menge von 512 Kilobyte abspeichern können. Ein 56k-Modem wird als Zusatzgerät angeboten und ist im Gegensatz zur Dreamcast nicht vorab schon eingebaut. Mit dem GameCube beginnt für Nintendo ein einschneidendes Kapitel. Bisher arbeiteten alle ihre Konsolen mit eigenen Cartridges, die gebrannte Platinen mit der Spielinformation enthielten. Sehr kurze Ladezeiten und ihre robuste Bauweise waren ihre Vorteile, jedoch sind die neuen, anspruchsvolleren Spielwelten mit immer höherem Speicherplatz darauf kaum mehr einzubauen.

Die neuen Disc-Medien fassen jetzt 1.5 Gigabyte, sind in der Produktion wesentlich billiger und mit acht Zentimetern Durchmesser kleiner als eine normale Compact-Disc. Im Gegensatz zu den Konkurrenten soll der GameCube aber nur für Spielediscs und nicht für DVDs mit Spielfilmen geeignet sein. Durch die aktive Anbindung des neuen GameBoyAdvance als externen Controller versprechen sich die Spieleentwickler mehr Möglichkeiten und Spielspaß abseits vom Wohnzimmer. So ermöglicht es diese Tilt-Technologie, dass interaktive Vorgänge zwischen den beiden Geräten ausgetauscht werden. Dabei sind gerade solche Spielideen im Kampf um Marktanteile des boomenden Geschäftes mit Konsolen und Spielen die Trumpfkarte von Nintendo, die als Firma die gestiegene Konkurrenz sehr genau zu spüren bekommt.

Während Sony mit seiner "PlayStation2"-Konsole voll auf die Multimedia-Karte setzt, sieht Nintendo seine Hauptqualitäten in 110 Jahren Firmengeschichte, die sich immer nur auf das eigentliche Spiel konzentriert hat und bei den Starttiteln wie schon bei ihrer 64-Bit Konsole auf eine breite Mischung aus Action, Sport und Simulationen setzt. Dabei wurden viele der ersten fünfzehn geplanten Starttitel in nur knapp einem Jahr entwickelt, was im Vergleich eine recht kurze Zeitspanne ist.

Insgesamt arbeiten rund 80 Entwickler-Firmen an weiteren GameCube-Titeln. Dies scheint ein guter Beleg dafür zu sein, dass die Spieleentwicklung wesentlich einfacher ist und damit nicht mehr so Zeit raubend und kostenintensiv wie bei der N64-Konsole. Zu den neuen Spielen gehört "Star Wars - Rogue Squadron II". Darauf folgt die Basketballsimulation "NBA Courtside 2002" oder das Adventurespiel "Eternal Darkness". Als hauseigene Entwicklungen stehen "Luigis Mansion", "Pikimin" oder die Jet-Ski-Simulation "Wave Race" : Blue Storm" auf dem Programm. Das sind alles weniger martialische Titel, was entwicklungstechnisch gesehen natürlich noch kein Reflex auf die Ereignisse in den USA sein kann. Gegenüber dem Fachmagazin "Edge" widersprach Spieleentwickler Shigeru Miyamoto, der 1980 "Donkey Kong" erdachte, der allgemeinen Vorstellung, dass Nintendo-Spiele nur für eine jüngere Zielgruppe konzipiert seien. "Seit den Mario-Brothers war es immer unser Ziel, dass ein Spiel Kinder und Eltern zugleich ansprechen muss."

Auf der hauseigenen SpaceWorld-Messe wurde darüber hinaus die neueste Version der "Zelda"-Reihe im komplett neuen Look vorgestellt. Statt einer grafisch detaillierten Charakterdarstellung tanzt die Hauptfigur Link im buntfarbigen Disneystil durch die Spielwelt. Da der vor wenigen Wochen auch in Europa eingeführte GameBoyAdvance mit einem Preis von 249 DM für das jüngere Zielpublikum fast zu teuer geworden ist, versucht Nintendo, neue Spielmöglichkeiten zu etablieren. Auf der ECTS-Fachmesse wurde zum ersten Mal der kleine Handheld "Pokémon Mini" vorgestellt, die nächste Attraktion im Kinderzimmer. Aber vielleicht ist Pokémon & Co für Kinder in den kommenden Wochen nicht das wichtigste Thema. Vielleicht wollen sie eher verstehen, wo Afghanistan liegt und was denn ein Taliban ist.

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