Zeitung Heute : "PCL" heißt das Zauberwort, das zur Konkurrenz für das Telefonkabel werden könnte

Niko Deussen

Strom und Kommunismus: so hieß Lenins Formel für den Fortschritt. Der bolschewistische Staat ist inzwischen auf dem Scherbenhaufen der Geschichte gelandet. Der Strom hingegen hat nicht nur den Hütten Licht gebracht. Die elektrische Energie ist zum Rückgrat der Konsumgesellschaft geworden. Hier behielt der russische Revolutionär recht: ohne Strom läuft nichts. Die Stromnetze könnten sogar den Fortschritt für das nächste Jahrhundert bringen. Denn die Kabel bergen freie Kapazitäten, die für die Datenübermittlung nutzbar sind. Der Energietransport braucht nur bestimmte Frequenzbereiche, die anderen Bandbreiten in den Leitungen sind frei. Alle Informationen, die sich in elektromagnetische Wellen umwandeln lassen, finden ihren Weg auch durch Überlandleitungen und häusliche Stromkabel (Powerline). Von Haus zu Haus.

Im vergangenen März durften die Einwohner des rheinischen Städtchens Leichlingen telefonieren, im Internet surfen und die Fernüberwachung ihrer Kühlschränke über das Stromnetz erproben. Sie nahmen Teil an einem Feldversuch, den die deutschen Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) gemeinsam mit dem schweizerischen Telekommunikations-Unternehmen Ascom durchgeführt haben, der "Powerline-Communication" (PLC).

Es war das Babyphone, mit dem die Datenübertragung in die Niederspannungsnetze der Haushalte einzog. Doch das Verfahren war nicht ausgereift. Störgeräusche und Systemausfälle verhinderten einen durchgängigen Informationsfluss. "Das häusliche Stromnetz ist ein schwieriger Übertragungskanal", weis Weilin Liu, Leiter des PLC-Projektes bei Ascom. Je weiter der Weg, den die Signale zurücklegen, um so gedämpfter kommen sie beim Empfänger an. Zudem erzeugen PC, Fernseher oder Mixer in den Kabeln Rauschen, das sich mit jedem eingeschalteten Gerät verstärkt.

Ascom und RWE haben in Leichlingen nun zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Sie überwanden mit ihrem PCL-Netz nicht nur die "letzte Meile", die Verständigungslücke zwischen Trafo-Häuschen und Gebäuden. Auch die Übertragungstechnik innerhalb der Wohnhäuser wurde entscheidend verbessert. "Genau hier", so Projektleiter Liu über die interne Hauskommunikation, "liegt der Schlüssel für den technologischen Durchbruch, der von einem Team der Ascom erreicht wurde." Wie das Verfahren genau funktioniert, ist bei Ascom allerdings nicht zu erfahren: absolutes Betriebsgeheimnis. Wer petzt, fliegt.

Um dem innerhäusigen Stromnetz ein digitales Datentransportnetz mit Anschluss an die weite Welt zu überlagern, entwickelte Ascom einen speziellen Adapter. Er wird einfach in die nächste Steckdose gesteckt und mit dem Telefon, dem Computer oder einem anderem Elektrogerät verbunden. Das reicht, um übers Internet zu telefonieren oder sich Web-Sites herunterzuladen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, ohne sich extra irgendwo einwählen zu müssen. Vor allem aber die Datenraten sind beachtlich: ein Megabit pro Sekunde. Das ist zwanzigmal schneller als mit einem ISDN-Anschluss.

Den Telefonanbietern, bisher alleinige Anbieter von Telekommunikations-Verbindungen, erwächst eine starke Konkurrenz. Mit dem ausgereiften Ascom-Adapter wird nicht nur jede Steckdose zur Schnittstelle. Auch aufwendige Montagearbeiten für neue Anschlüsse, bei denen Wände aufgeschlitzt werden, fallen weg. PCL gehört in die Kategorie "plug and play". Vor allem in Schwellenländern könnten PLC-Netze eine grosse Zukunft haben, denn dort verfügen mehr Haushalte über einen Stromanschluss als über einen Zugang zum Telefon.

"Mit einer Marktreife ist Anfang 2001 zu rechnen", sagt RWE. Die beiden Partner haben Eile. Auch andere Zugangstechniken wie Richtfunk oder TV-Kabel drängen auf den Markt. Die RWE sieht ihre Chancen für das Etablieren der neuen Technik daher auch an einen engen Zeitrahmen gebunden. In rund zwei Jahren sollen die PCL-Adapter die Nase vorn haben, über den Preis schweigen sich die Firmen aus. Um konkurrenzfähig zu werden, soll die neue Technik PLC für den Kunden nicht teurer werden als das Telefon, mit dem Massenabsatz vielleicht sogar "deutlich günstiger". Seitdem auch auf den Strommarkt der Preiskampf tobt, sehen die Energieerzeuger aber vor allem ihre neuen Verdienstmöglichkeiten. Durch Investitionen, die sich schon längst amortisiert haben: mit dem über Jahre gewachsenen Stromnetz.

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