Zeitung Heute : PDS: Die Cool-Macher

Matthias Meisner

Reiner Strutz freut sich über den Coup, als wäre er ihm erst gestern geglückt. Der Bundestagswahlkampf 1998 hatte noch gar nicht richtig begonnen, da zerstritt sich die PDS schon über die Reklame, die seine Agentur entworfen hatte. "Cool" und "Geil" stand auf den Plakaten der SED-Nachfolgepartei. Der Werbefachmann streicht sich zufrieden über den kurz geschnittenen Bart, und seine blauen Augen strahlen. "Das hatte keine Aussage, logisch", sagt er, "aber wir konnten in bestimmtem Maße auch die eigene Basis provozieren."

Binnen weniger Wochen waren in der PDS - von der Führung bis zur Basis - Werbung und Image plötzlich ein Thema, und das hat Strutz gefallen. Die älteren Leute, die sonst gern im Wahlkampf aushalfen, sagten über die geilen Plakate: "Das kleben wir nicht." Aber nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, waren in der PDS fast alle zufrieden. Die Partei war im Gespräch, und das nicht als Runde verknöcherter Altkader, sondern als hipper Verein. Der 49-Jährige gerät, wenn es um die Mittel der Werbung geht, ins Schwärmen. Und gibt zu: "Die PDS wirkt heute jünger, frecher, dynamischer und sympathischer, als sie wirklich ist."

Reiner Strutz ist der Cool-Macher der PDS. Trialon heißt seine Werbeagentur, eine kleine Firma mit nur fünf fest angestellten Mitarbeitern in einem Backsteingebäude in Berlin-Pankow. Ringsherum Mietshäuser, an einigen prangt noch die "Goldene Hausnummer" der Hausgemeinschaftswettbewerbe - als Relikt aus einer Zeit, in der für eine bessere DDR gekämpft wurde.

Das Domizil der Agentur bauten Kreuzberger Architekten nach der Wende zu einem modernen Bürogebäude um. Der Osten und der Westen, hier treffen sie aufeinander, und das passt zum Konzept der Agentur. Die Räume sind mit modernen Designermöbeln eingerichtet. An den Wänden hängen alte DDR-Plakate - für Stralsunder Pils und Weinbrand aus Wilthen. "Unsere DDR-Flotte im Welthandel", steht auf einem anderen Bild. Ostalgie als Leitmotiv für PDS-Reklame? Strutz wehrt ab: Werbung in der DDR sei "bei der Ästhetik der 50er Jahre stehen geblieben".

Erfahrungen aus zwei Systemen

Strutz ist in der DDR aufgewachsen. Er war für sein Land Diplomat in Paris, nach der deutschen Vereinigung aber erstmal anderthalb Jahre arbeitslos. Später organisierte er in Leipzig Umwelt-Schulungen für eine West-Firma. Die Erfahrungen aus zwei Systemen scheinen hilfreich gewesen zu sein: 1993 gewann die neu gegründete Agentur Trialon mit Quereinsteiger Strutz an der Spitze unter 60 anderen Bewerbern den PDS-Etat für den Bundestagswahlkampf im folgenden Jahr. "Für die Partei ging es damals ums Überleben", erinnert sich der Werber. Die PDS stand unter dem Druck, sich unter den neuen Verhältnissen zu behaupten. Schon damals fand sich die Stammbesetzung zusammen, die noch heute die Konzepte von Trialon bestimmt. Freiberufliche Grafiker aus der DDR, Absolventen der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, aber auch Fachleute aus München und West-Berlin. "Das entscheidende Kriterium für uns ist Professionalität."

Professionell, das scheint ein Lieblingswort von Reiner Strutz zu sein. Es soll ein wenig überdecken, dass in Berlin-Pankow natürlich auch Politik gemacht wird. "Ich will nicht über Politik reden. Das ist nicht meine Aufgabe", betont Strutz. "Wir sind für Kommunikation zuständig."

Erfolgreich im Osten wurde auf diesem Gebiet, wer eine Brücke von Ost nach West schlagen konnte - etwa die jungen westdeutschen Werber von Scholz & Friends, die bald nach dem Mauerfall in Dresden ein Büro eröffneten. Auch für Trialon wurden die Gründungsjahre zu Boom-Jahren. Nach der PDS-Kampagne für die Bundestagswahl meldete sich Bertelsmann, der für seine Buchclubs im Osten werben wollte. Ehemalige DDR-Kombinate entdeckten die Notwendigkeit von Reklame. Trialon positionierte etwa Berliner Pilsner auf dem Markt und entwickelte das Logo für Spreequell. Die Agentur arbeitete für die "Lausitzer Rundschau" und die S-Bahn Berlin GmbH. "Damals hätten wir richtig groß werden können", sagt Strutz.

Warum Trialon dennoch klein blieb? Das hat auch mit der Größe der Herausforderung zu tun, einer Partei, die ihre rund zweieinhalb Millionen Wähler vor allem im Osten hat, ein neues Image zu geben. Trialon arbeitete sowohl für die Bundespartei als auch für viele Landesverbände. Früh erkannten PDS-Vordenker wie André Brie die Chance, über gute Werbung den Bruch mit der SED zu forcieren. Eine klare Typografie, eine klare Bildsprache und Schwarzweiß-Fotos mit dokumentarischem Charakter sollen Glaubwürdigkeit und Kompetenz der Partei unterstreichen. "Das erste Mal", als Slogan zur Jungwählerkampagne, oder "Nazis raus aus den Köpfen", die Kampagne gegen Rechtsextremismus - vom ersten Bildeindruck her ähnelt ein Poster dem anderen.

Auch knüpft die Agentur mit ihren Kampagnen häufig an die Zeichenvorräte ehemaliger DDR-Bürger an. Beispielsweise 1994, als Trialon für "Gysi und seinen Trupp" warb. Die Ostdeutschen erinnerten sich sofort an "Timur und sein Trupp", ein sowjetisches Kinderbuch über einen kleinen Jungen, der anderen immer hilft. Oder 1999, als die PDS rund um das neue Berliner Regierungsviertel Plakate mit Gummibärchen klebte: "Keinem Bonner wird es schlechter gehen." Die Ostdeutschen dachten an Helmut Kohls Versprechen aus Wendetagen, wonach es niemandem im Osten schlechter gehen werde. Und die Regierungsbeamten vom Rhein entdeckten die Bären der Bonner Süßwarenfabrik Haribo auf dem Plakat. "Dinge zu brechen durch Humor und Vieldeutigkeit", erläutert Strutz die Idee. Vorsichtshalber fügt er rasch hinzu: "Es geht nicht darum, die Bevölkerung zu bespaßen."

Einheitliches Erscheinungsbild

Den Parteioberen gefallen die Ideen der Agentur. "Ein typisches PDS-Plakat ist auch aus einem mit 250 Stundenkilometern dahinrauschenden ICE eindeutig als solches zu identifizieren", lobte Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch vor einigen Wochen auf einer Funktionärskonferenz in Magdeburg die Werbeleute aus der Hauptstadt. Wenn ein Kreisverband ausschert, Prospekte und Plakate auf eigene Faust gestalten lässt, hagelt es prompt Kritik.

Die PDS-Reformer wollen das einheitliche Erscheinungsbild der Reklame. Es ist auch kein Zufall, dass André Brie als Leiter des Wahlteams von Gregor Gysi jetzt daran beteiligt war, das Wahlkampfquartier des Berliner Landesverbandes auf der Kult-Meile Karl-Marx-Allee einzurichten. "Die Unabhängigkeit demonstrieren wir hier auch örtlich", sagt Brie zur Begründung und ärgert sich zugleich über die Genossen in der Parteizentrale: "Das Karl-Liebknecht-Haus sieht zurzeit wie eine Festung aus. Man sieht nicht einmal, dass Wahlkampf in Berlin ist."

Auch Strutz ist zufrieden, dass die PDS in Berlin für den Wahlkampf ein gläsernes Hauptquartier bezogen hat. 1998 hatte er die Bundes-SPD ein wenig beneidet, als die ihre Wahlkampfmannschaft aus dem Bonner Erich-Ollenhauer-Haus auslagerte und in die erste externe Wahlkampfzentrale, genannt "Kampa", zog. "Jetzt sind wir einen Schritt weiter", freut sich der Trialon-Chef: Denn anders als die "Kampa" vor drei Jahren in Bonn hat das Gysi-Wahlquartier in Berlin mit Café und Bierstand offene Türen für Neugierige.

Zusätzlich zu den PDS-Kampagnen will Trialon jetzt noch die Werbung für die Volkssolidarität, die alte DDR-Wohlfahrt, übernehmen. Vielleicht kann Strutz gerade dann nicht Nein sagen, wenn eine Aufgabe beinahe unlösbar erscheint. "Völlig antiquiert" wirke dieser Verein, sagt Strutz. Und wieder freut er sich auf die Herausforderung: "Die haben ein Riesen-Imageproblem."

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