Zeitung Heute : PDS-Reform: Ein Mann, ein Signal

Sabine Beikler

Gabi Zimmer plaudert mit Lothar Bisky, Roland Claus blättert in seinen Unterlagen, Petra Pau lehnt sich entspannt zurück, und Diether Dehm macht Späßchen mit der Nachbarin. Zwei Plätze weiter sitzt Helmut Holter, spielt nervös mit dem Kugelschreiber, liest sein Manuskript durch und dreht sich immer wieder zu den PDS-Delegierten um. Sie sitzen ihm im Rücken: 438 Genossen, die darüber abstimmen werden, ob der stellvertretende Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern in den Parteivorstand gewählt wird. Und da kann sich der Wegbereiter der bundesweit ersten Koalition von PDS und SPD auf Landesebene durchaus nicht sicher sein. 19 Kandidaten bewerben sich für die quotierten fünf männlichen Plätze im Parteivorstand. Es liegt jetzt an ihm: Holter muss sich bei den Wahlen durchsetzen und damit auch nach außen ein Signals setzen, dass die Partei zu einem reformorientierten Kurs bereit ist. Das weiß der 47-Jährige, der sich in betont legerer Pose vor das Podium stellt und auf seinen Aufruf wartet.

Ruhig spricht er dann vor den Delegierten, erklärt seine Motive, warum er für den Vorstand kandidiert. Seine "authentischen Erfahrungen" aus der PDS-Regierungsbeteiligung möchte er im Parteivorstand einbringen. Erfahrungen, die seiner Meinung nach nicht nur für das norddeutsche Bundesland, sondern "für die gesamte Partei" gelten. Die letzte Umfrage unter den Schweriner Genossen habe große Zustimmung zur Koalition gezeigt: 75 Prozent beurteilten sie positiv, weniger als zwei Prozent negativ, spricht er betont ins Mikrofon. Natürlich, in einer Koalition würden auch die Grenzen der eigenen Möglichkeiten erfahrbar. Aber dann ist er beim Stichwort Steuerreform: "Da war der Kanzler auf die PDS angewiesen."

Die Genossen hören zu, und nirgendwo im Tagungssaal des Cottbuser Messe- und Tagungszentrums wird gemurrt oder dazwischen gerufen. Helmut Holter beendet seine Rede mit dem dringlichen Appell, als Oppositionskraft und gestalterische Reformpartei für den Sozialismus einzutreten. "Seid mutig, Genossen", ruft er den Delegierten zu, nachdem ihn die Glocke schon auf das Ende seiner Redezeit hingewiesen hat.

Wie jeder andere Kandidat muss sich auch Holter Nachfragen stellen. Als Erster tritt Genosse Olaf Walther vom linken Hamburger Landesverband ans Mikro. Was denn der Genosse Holter mit dem Spruch meine, die kulturelle Leistung der Junker sei anzuerkennen? Wie weit wolle er denn die Öffnung der PDS in die Gesellschaft haben? Die Fragen stoßen nicht überall im Saal auf Zustimmung . Holter wirkt genervt, die Genossen Pau und Zimmer reden auf ihn ein. Dann spricht er aggressiv, innerlich geladen, über die Bodenreform, die er verteidigt. "Ich lasse nicht zu, dass sie angegriffen wird, dass Bodenreformland zurückgegeben wird." Die zweite Antwort folgt sofort: "Bestimmen wir uns selbst als Partei. Dann herrscht auch Klarheit. Wir sollten uns keine Sorgen machen um die Öffnung der Partei." Holter gibt dem Mikrofon zum Abschied wütend einen Stoß, schreitet wieder zu seinem Platz. Diese Botschaft ist bei den Genossen angekommen: Stehende Ovationen und Jubelrufe für den Reformpolitiker.

Die Diskussionen im Sitzungssaal sind nicht so scharf und kontrovers, wie viele Parteistrategen das befürchtet hatten. Und die meisten Genossen sind mit der Ruhe und Bedächtigkeit zufrieden. Nur als am Sonnabend der 1 : 0-Sieg von Energie Cottbus über den FC Bayern München bekannt gegeben wird, geht ein Ruck durch die Reihen der Delegierten. Und es sind ausgerechnet die Parteilieblinge Gregor Gysi und Lothar Bisky, die der Versammlung diese gute Nachricht überbringen dürfen. Nach der Rede von Gabi Zimmer hatten sie den Parteitag verlassen und sich im Stadion schräg gegenüber das Spiel angeschaut. Der Parteitag wurde dann eigens unterbrochen, damit Gysi und Bisky den Genossen per Handy den Endstand mitteilen konnten.

Auf der Parteitagsbühne kommt es an diesem Wochenende nicht zum offenen Machtkampf zwischen den Linken und Reformern. Selbst Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform hält sich zurück, als sie ihre Kandidatur für den Vorstand begründet. Sie war bereits Mitglied des Vorstands und erhält mit 61,6 Prozent diesmal ihr bisher bestes Ergebnis.

War es schlechtes Gewissen der Genossen, nach dem strikten Kurswechsel der PDS Richtung Reform, eine der linken Dogmatikerinnen in den Vorstand zu wählen? Wagenknecht weiß darauf so recht keine Antwort. Sie stellt den betont realpolitischen Parteikurs zwar nicht in Frage, will aber "noch lange keine Gemeinsamkeiten mit der SPD" sehen. "Es ist eine geglättete Debatte", sagt die 31-Jährige. Die Parteistrategen seien daran interessiert, nach außen ein harmonisches Bild als Gesamtpartei abzugeben. Warum die parteiinternen Querelen, die es gibt, nicht offen ausgetragen werden, versteht sie angeblich nicht. Allerdings stört sie sich an den Jubelrufen und Ovationen für Holter: Das habe eine Partei wie die PDS nicht nötig.

Als das Ergebnis der Vorstandswahl bekannt gegeben wird, fällt dem Mann, dem die Ovationen galten, sichtlich eine Last von den Schultern. 60,4 Prozent der Stimmen - damit erzielt er das zweitbeste Ergebnis unter den männlichen Kandidaten. "Das ist das Signal, was von Cottbus ausgeht. Cottbus ist der Aufbruch auch für weitere parteiinterne Diskussionen", sagt er danach. Und jetzt sei die Partei gefordert, sich Richtung Westen zu bewegen. Davon könne man eben nicht ausgehen, dass "dort die Sympathie für uns schon in den Tüten ist".

Der Parteitag hat mit der Wahl von Holter in den Vorstand seine schwierigste Hürde genommen. Pressesprecher Hanno Harnisch scheucht die Mitglieder der Parteispitze auf das Podium, drückt jedem der Politiker ein Blatt Papier in die Hand, und schon ertönt die erste Strophe von "Für Gabi tun wir alles". Alle sind gut aufgelegt - und Gabi gibt den Takt an.

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