Zeitung Heute : Pech haben

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Es gibt Tage, die fangen gar nicht gut an und hören doch gut auf. Letzten Mittwochmorgen zum Beispiel, auf dem Weg zu einem Termin in Grunewald – so was passiert einem ja immer auf dem Weg zu einem Termin –, kurz vor dem Ziel, habe ich an der Ampel gehalten. Meine Hinterfrau nicht. So knallte Auto auf Auto und mein Kopf gegen die Kopfstütze. War autotechnisch nicht soo schlimm, aber einen kleinen Schock kriegt man schon, und so stieg ich irgendwann leicht benommen aus. Meine Hinterfrau blieb samt Mann in ihrem Auto sitzen, sie war beschäftigt: mit Telefonieren. Mit mir konnte sie nicht sprechen, weil sie meine Sprache nicht sprach. Kein Deutsch, kein Lächeln, nichts. Dann kam die Konsulin der Botschaft, bei der die Fahrerin arbeitete, dann kamen noch zwei Männer, von denen einer der Dame die Hand küsste, ein kleines Hallo für mich hatte er nicht übrig, dann kam noch ein Mann dazu und noch einer, ich habe nachgezählt: Am Schluss scharten sich sieben Leute zusammen auf dem Bürgersteig. Sieben gegen eine. Zum Glück hatte ich die nette Kioskbesitzerin, die hat für mich die Polizei gerufen, weil ich natürlich kein Handy dabei hatte, hat man ja nie, wenn man’s braucht. Und als ich eine Frau auf der Straße ansprach, die aussah wie die geborene Karrierefrau, mit Aktentäschchen und allem, sagte die: „Ich hab gar kein Handy.“ Aber wir waren ja in Grunewald, eins der letzten Viertel West-Berlins, wo man noch echte Zeitungskioske findet. Wahrscheinlich weil man sonst nirgendwo einkaufen kann.

Am Abend bin ich dann mit der U-Bahn nach Kreuzberg gefahren, ins Le couchon bourgeois, zum „Wein-Genuss-Seminar“. Gibt’s nur für Frauen. Als Erstes hat Alexandra, Sommeliere bei Paasburg’s Weinhandlung, uns erklärt: Das Leben ist kurz, der Tag ist hart, da muss man abends was Gutes trinken. Aaah! Tut sie auch immer. Wenn die Französin vom Weinvergnügen erzählt, braucht man eigentlich fast gar nichts mehr zu trinken, so ansteckend ist ihre Begeisterung. Haben wir aber doch gemacht, sehr gut sogar, und ebenso gespeist. Und weil ich mit der U-Bahn da war, bin ich auch heil nach Hause gekommen.

Der nette Kiosk ist an der Ecke Hubertusallee/Lassenstraße. Weinseminare für Frauen bei Paasburg’s, Fidinicinstr. 3, Tel. 611 018 38.

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