Zeitung Heute : "pech & blende": Chrysanthemen in Beton gegossen

Ursula Krechel

Die nahezu einhellige Zustimmung, die die Gedichte von Lutz Seiler finden, ist ein Phänomen der Bedürftigkeit. Der Bedürftigkeit und der Scham, viel zu wenig zu wissen über den poetischen Untergrund der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik. Wenn die Dichtung einer Sprache das Gedächtnis dieser Sprache ist, dann ist die Sprache dieses versunkenen Landes ein schützenwertes Gut. Schützenwert nicht im Sinne einer melancholischen Reflexion, sondern als eine Energie, als eine Strahlkraft, die Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwärtigkeit des Lesevorgangs verbindet. Gute Gedichte haben immer sowohl eine Sprache vorangetrieben als auch vergangenes, vom Untergang bedrohtes Sprachmaterial aufbewahrt.

Zu rasch, mit dem Gestus des Erhabenen, hat Heiner Müller das Schmerzensmaterial seines Landes in toto erfasst und zum Materialhaufen erklärt, zu einem Montage-Material, das verfügbar ist und verfügbar gehalten werden muss. Zu rasch wurde das untergegangene Land Metapher, es verlor dabei Geruch und Geschmack, die Wörter des Stillstands und die des Aufbruchs wurden gleichermaßen Phrasen. Feiertags-Chrysanthemen, in Beton gegossen. Dass das Unbewusste keine Historizität kennt, dass es die Gleichzeitigkeit und Gleichrangigkeit aller Gegenstände behauptet, ja behaupten muss, dies sind Implikationen, die für das ästhetische Restmaterial der DDR noch viel zu wenig bedacht worden sind.

Der allgemeine Verlust lebendiger Erinnerung in der zeitgenössischen Gesellschaft, dem ein gigantischer Ersatz durch Speicherung entgegensteht, wirkt sich jedoch nicht nur auf den Ort der Poesie im Gedächtnis des einzelnen aus. Dieser Verlust lockert die Verbindung zur Sprache im Allgemeinen. Andererseits steht fest, dass die Verfügbarkeit des rasch Erlebten und rasch ins Gedicht Verschobenen eine Tendenz zur lyrischen Postkarte zeigt: wer wüsste das besser als die Dichter, die sich in der Dunkelheit bewegen, ohne dem Irrtum zu verfallen, die Dunkelheit verunkläre die Gegenstände.

Der Lyriker Lutz Seiler, geboren 1963, ist nur ein Jahr jünger als Durs Grünbein. Er hat sich zweifellos an dessen Lyrik abgearbeitet, in indirekten Zitaten, in den Ablagerungen des "Stoffes DDR". Doch wo Grünbein Welt und Weltläufigkeit sucht, den Anschluss im Kopf und in den Empfindungen ohne ästhetische Mühen vollzogen hat, ist Lutz Seiler beharrlicher, auch irdischer. Aus dem antikisch wirkenden Titel "Den teueren Toten" von Grünbein macht Seiler ein Bild des Niedergangs: "leis durch den geruch/ der teuren toten:/ zirkel sticht & hammer drischt/ ins leer geschnittene loch der fahne".

Wo Grünbein Kanten glättet, eine melodische Stimmführung bevorzugt, entscheidet sich Seiler für Härten, Brüche, Montagen. Seine Gedichte sind originär, sie haben Körper und einen starken Rhythmus. Sie atmen den Staub und den Schmutz, die Verheerungen in den Köpfen und Häusern, die Erschütterungen des Umbruchs, doch ihr Formwille so stark, dass daraus etwas Neues entsteht, eine Textur der Durchlässigkeiten, des Doppelsichtigen. "inneres kind" und "ballungsgebiete, vor dem ural" und "ostvorstädtisch" heißen die Stichworte. Gott wohnt sonntags in einem Trafohäuschen, - und beruhigend ist: "es ist hier/ nicht so weit/ vom sofa bis zum zaun/ wie in amerika". Anspielungen aus dem Kinderlied, dem Fundus christlicher Gebete und sozialistischer Spruchbänder kommen häufig vor in Lutz Seilers Gedichten. Er schafft ein Blitzlichtgewitter der Wahrnehmungen im Text, paradoxe Verknüpfungen des Unvereinbaren. Viele seiner Zeilen haben nur drei, vier Hebungen (wie die Volksliedstrophe), doch vermeiden sie den Reim. Alles ist Behauptung, Setzung, sein Zugriff ist stupend sicher, er wählt das Detail, den fernen Klang des eben noch Gehörten. Es gibt nichts Prosaisches in diesen Gedichten, mögliche Erzählkerne (das Haarteil der Mutter, die Mauer, ein Zucken innerhalb des Apparates) werden sparsam behandelt, so entstehen enorme Spannungsfelder in wenigen Zeilen, Verdichtungen im besten Sinne. Lutz Seilers wichtigstes stilitisches Mittel ist die Ellipse. "Im osten der länder" heißt ein Gedicht.

wind kam auf die grenzland
hunde stiegen an
in ihren zart verästelten gerippen

pfiff ein betörend töricht
wanderlied, schnee kam auf
& riss der eisen

vorhang ihrer augen jener
stumpfe blick ins hinterland
zeigte dass wir uns beschieden. ja

wir wären wenn wir hätten
gehen können immer fort
bei uns geblieben.

Alles wäre Hinterland, verdruckste Hinterlassenschaft in diesem Gedicht, ginge es nicht so sparsam mit dem Horizont der Erinnerung um, mit dem politischen Material des Gehens und Bleibens, dem eisernen Vorhang, der Potenzialität der nur halb gelebten Leben. Hier kommt der Stillstand in Bewegung. Wie präzis sitzt das kleine Wort "ja" am Zeilenende, Abbild des Eingeständnisses, der Resignation und als Aufbruch in den Konjunktiv des Fortgehens. Lutz Seilers erster Gedichtband "berührt/geführt", vor fünf Jahren im Oberbaum-Verlag erschienen, hatte eine Sickerwirkung. Der zweite, das Ergebnis einer langen, durch drei verschiedene Stipendien abgesicherten Arbeitsphase hat den schönen Titel "pech & blende".

Lutz Seilers Material ist häuslerisch, ländlich, vom Klang russischer Wörter getränkt: Gagarin, Sachalin, Potjomkin. Es herrscht die Sachlichkeit von Abbruchhalden, alles hat mit allem zu tun, die Wörter amalgamieren, bilden neue Energiefelder. Seilers Enjambements sind immer kreativ, nie mutwillig gesetzt. Das kleine Kinderlied "Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze" entfaltet er zum reichen Spielmaterial, die Wörter "Mauer" und "Wanze" werden aus dem Kontext gelöst, in einen sinnfälligen biographischen Zusammenhang gesetzt, und plötzlich beginnen die Rudimente des banalen Kinderliedes zu glänzen.

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