Zeitung Heute : Pecuniae Causa

Bundesweit wird gegen 100 Professoren wegen Betrügereien bei der Vergabe von Doktortiteln ermittelt. Wie berechtigt sind die Vorwürfe, und ist die Wissenschaft betrugsanfällig?

Juliane Schäuble Tilmann Warnecke
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Foto: dpa, Montage: Thomas Mikadpa

Dass sich offensichtlich Geld mit wissenschaftlichen Dienstleistungen verdienen lässt, zeigte am Sonntag ein Blick auf die Homepage des „Focus“. Das Magazin hatte am Tag zuvor öffentlich gemacht, dass die Kölner Staatsanwaltschaft bundesweit gegen rund 100 Professoren ermittelt. Sie sollen Geld genommen haben, um Kandidaten zu Doktortiteln zu verhelfen. Rund um den Artikel über die Bestechungsvorwürfe prangten auch am Sonntag diverse, über die Internetsuchmaschine Google automatisch generierte kleine Anzeigen wissenschaftlicher Helfer. Ein Link versprach dabei „Promotionshilfe: Unterstützung Promotion/Habil. Finden passender Professur. www. promotion-d.de“ und führte zu einer Saarbrücker Firma namens „West Promotionshilfe GmbH“, die den Zusatz „Institut für wissenschaftliche Forschung“ trägt. Eine andere Annonce warb: „Diplom- und Hausarbeiten. Wir beraten & unterstützen Sie bei Ihren akademischen Arbeiten. Wissenschaftsberater. com“. Dahinter verbirgt sich die ACAD Write GmbH in Halle an der Saale. Offeriert wird unter anderem „Unterstützung bei der Planung und Realisierung Ihres wissenschaftlichen Projekts, von der Themenwahl über den inhaltlichen und logischen Aufbau der Arbeit bis zum Timing“ inklusive Literatur- und Datenbankrecherchen. „West Promotionshilfe“ bietet zudem an, bei der Suche nach einem geeigneten Doktorvater behilflich zu sein.

Damit ist auch das „Institut für Wissenschaftsberatung“ in Bergisch Gladbach in die Kritik geraten – allerdings zusammen mit dem Vorwurf, dass Professoren Geld gezahlt wurde, um möglicherweise ungeeignete Kandidaten anzunehmen.



Wie lauten die konkreten Vorwürfe?

Die rund hundert Hochschullehrer sollen laut „Focus“ illegalerweise bis zu 4000 Euro von der Wissenschaftsberatungsfirma in Bergisch Gladbach bekommen haben, um promotionswilligen, aber möglicherweise ungeeigneten Kandidaten schnell zu ihrem Doktortitel zu verhelfen. Der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld sagte am Sonntag der dpa: „Es geht um die Frage, ob die Professoren bei der Auswahl ihrer Kandidaten bestochen wurden.“ Der Eindruck, die Kunden des Instituts hätten darüber hinaus gar keine Doktorarbeit geschrieben, stimme dagegen „so nicht“, sagte Feld.

Falls sich der Verdacht bestätigt, hätten die Professoren ihre Dienstpflichten verletzt, wonach sie Doktoranden unentgeltlich betreuen müssen. Außerdem wäre die freie Auswahl der Promotionsstudenten durch die Geldzahlungen beeinträchtigt worden. Die Firma in Bergisch Gladbach war bereits im März 2008 durchsucht worden. „Wir haben nach der Razzia eine Unmenge an Material ausgewertet“, sagte Feld. „Dabei hat sich der konkrete Verdacht gegen die jetzt Beschuldigten ergeben.“ Es werde aber noch einige Zeit dauern, bis die zahlreichen Ermittlungsverfahren in dem Fall abgeschlossen seien. Danach werde die Staatsanwaltschaft „einzeln entscheiden, ob wir das Verfahren einstellen oder ob wir einen Strafbefehl oder eine Anklage fertigen“, sagte Feld. Laut dem Deutschen Hochschulverband droht den Betrügern die Aberkennung ihrer Titel. Welche Universitäten sind betroffen?

Der bundesweite Betrug mit gekauften Doktortiteln lief offenbar an vielen renommierten Universitäten. Betroffen sollen unter anderem Hochschulen in Frankfurt am Main, Tübingen, Leipzig, Rostock, Jena, Bayreuth, Ingolstadt, Hamburg, Hannover, Bielefeld, Hagen, Köln und die Freie Universität (FU) Berlin sein. Ein Sprecher der FU sagte dem Tagesspiegel, bisher lägen der Universität keine Informationen oder ein Schreiben der Staatsanwaltschaft vor. Laut „Focus“ soll es sich bei den Beschuldigten um „Honorarprofessoren aus allen Fachbereichen“ handeln – von Medizin über Jura bis hin zu Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften. Honorarprofessoren unterscheiden sich von ordentlichen Professoren dadurch, dass sie noch einem anderen Hauptberuf nachgehen und in der Regel nur wenige Lehrveranstaltungen abhalten. Dafür erhalten sie kein Honorar, sondern tun dies der Ehre (lateinisch „honor“) wegen. Nach Angaben Felds dürfen sie jedoch über die Vergabe akademischer Titel entscheiden. Der Oberstaatsanwalt sprach von „Aushilfsprofessoren oder Privatdozenten“, gegen die ermittelt werde.

Was ist über das beschuldigte Unternehmen bekannt?

Die Firma in Bergisch Gladbach war im März 2008 durchsucht worden. Sie war wegen eines Verfahrens vor dem Hildesheimer Landgericht ins Visier der Kölner Ermittler geraten: Dort wurde der Geschäftsführer im Juli 2008 wegen schwerer gewerbsmäßiger Bestechung zu dreieinhalb Jahren Haft und einer Geldstrafe von 75 000 Euro verurteilt. Er hatte einem Jura-Professor der Uni Hannover 61 Doktorkandidaten vermittelt, die wegen ihrer schlechten Examensnoten eigentlich ungeeignet waren. Der Hochschullehrer selbst war im April 2008 zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Gibt es so etwas häufiger?

Der Soziologe Stefan Hornbostel, Leiter des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Bonn, ist nicht überrascht. Noch immer sei die Promotion nicht nur ein wissenschaftlicher Leistungsnachweis, sie bedeute für viele auch einen „gesellschaftlichen Statusgewinn“, sagte Hornbostel dieser Zeitung. Der Wunsch, den Doktortitel vor dem eigenen Namen führen zu dürfen, treibe einige an, zu unlauteren Mitteln zu greifen. Studien zeigten, dass Promotionen in Deutschland öfters unter „eigenartigen Bedingungen“ entstünden. Bisher sei man von einer Anzahl um 600 pro Jahr ausgegangen. Insgesamt wurden im Jahr 2007 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes an deutschen Universitäten und gleichgestellten Hochschulen 23 700 Doktortitel vergeben. Falls sich der Verdacht der Kölner Staatsanwaltschaft erhärte, würde ihn allerdings erstaunen, wie systematisch offenbar vorgegangen worden sei, sagte Hornbostel.

Was bringt ein Doktortitel?

Zunächst einmal und immer noch hebt der höchste berufliche Bildungsabschluss das gesellschaftliche Ansehen. Akademische Grade wie der Doktor oder Titel (Professor) sind zwar, anders als vielfach angenommen, kein Bestandteil des Namens und auch keine Berufsbezeichnung. Aber der Nachweis zur Befähigung „vertiefter wissenschaftlicher Arbeit“ hilft manchmal der Karriere, zum Beispiel in Unternehmensberatungen, in Anwaltskanzleien oder im medizinischen Bereich. Es heißt, dass Promovierte ihre Aufwendungen nach acht bis 17 Jahren wieder hereingeholt haben. Ein Grund dafür ist, wie „West Promotionshilfe“ Interessierten im Internet erklärt, dass die Kosten für den nebenberuflichen Erwerb eines Doktortitels, „sofern sie beruflich veranlasst sind“, als Werbungskosten steuerlich absetzbar sind. Das hat der Bundesfinanzhof im Jahr 2004 entschieden. Dennoch müssen für den Erwerb eines Titels in der Regel mindestens zwei bis drei Jahre eingeplant werden, eine Zeit, in der weniger oder nichts verdient wird. Dafür erhalten promovierte Wirtschaftswissenschaftler oder Juristen nach einer Aufstellung der Kienbaum Vergütungsberatung im Vergleich monatlich 500 Euro mehr als ihre Kollegen ohne Titel. Diese Kluft nimmt demnach noch zu, je höher man auf der Karriereleiter klettert. So verdienten etwa Abteilungsleiter mit Doktortitel durchschnittlich 106 000 Euro im Jahr – 13 000 Euro mehr als Kollegen ohne Promotion.

In der Wissenschaft ist der Doktortitel die Voraussetzung, um die Habilitation in Angriff zu nehmen oder auf eine Juniorprofessur berufen zu werden. Eine Doktorarbeit allein hilft ambitionierten Nachwuchsforschern allerdings wenig. Wichtiger sei etwa, mit zahlreichen Publikationen in den wichtigen Fachjournalen präsent zu sein und Forschungsprojekte einzuwerben, sagte Hornbostel.

Welche Anforderungen werden an Promotionswillige gestellt?

Wer eine Doktorarbeit schreiben will, darf eine nicht zu schlechte Examensnote haben, muss ein Thema finden und einen Doktorvater, der die Arbeit betreut. Die Universität muss das Thema akzeptieren. Inhaltlich sind die Anforderungen von Fach zu Fach extrem unterschiedlich, was immer wieder Kritik auslöst. Zumal Promotionen in der Medizin gelten oft als wissenschaftlich wenig anspruchsvoll, was auch der Wissenschaftsrat wiederholt gerügt hat.

Ist es verboten, sich bei wissenschaftlichen Arbeiten helfen zu lassen?

Prinzipiell nein. Ulrike Beisiegel, Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sagte dem Tagesspiegel, es sei nachgerade die Aufgabe von Doktorvätern und -müttern, ihre Promovierenden zu beraten. „Es handelt sich um die erste große Forschungsarbeit von Nachwuchswissenschaftlern. Die brauchen die Hilfe von uns Professoren.“ Das Konzept und die Experimente für die Arbeit müssten aber zum überwiegenden Teil selbst gemacht werden – genauso wie die Arbeit auch selber geschrieben werden muss. Das Grundprinzip laute: „Alles geistige Eigentum, das nicht von einem selber stammt, muss gekennzeichnet werden.“ Anders als mit der legalen Hilfe der Professoren verhalte es sich mit den kommerziellen Firmen: „Es kann keine Anbieter für akademische Arbeiten geben.“

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