Peer Steinbrück : Gegen alle Wetter

Kurz, knapp, kontrolliert, so wirkt er. Finanzminister Peer Steinbrück, der Mann, der Deutschland durch die Krise führen soll. Ein Sozi, der etwas vom großen Geld versteht

Antje Sirleschtov
Steinbrück
Peer Steinbrück -Foto: dpa

Es ist 6 Uhr 40 morgens an einem Samstag, als ein Mann in der Hamburger Einsatzzentrale den ersten Befehl an die Kommandeure erteilt. Er hat nicht gefragt, welche Kompetenzen er hat. Es interessiert ihn nicht, ob genügend Geld oder irgendwelche Genehmigungen vorhanden sind. Er sieht die Katastrophe, er sieht das Inferno. Er spürt: Tausenden, ja hunderttausenden Menschen droht da draußen der Untergang. Und er tut, wovon er überzeugt ist, dass es in diesem Augenblick getan werden muss: ruhig, mit klarem Kopf und höchster Präzision. So rettet er die Menschen einer ganzen Stadt. Hamburg, Samstag, der 17. Februar 1962: Es ist der erste Morgen der großen Sturmflut, und der Mann am Steuerrad heißt Helmut Schmidt, Innensenator.

Es ist wieder ein Samstag, als auch ein anderer Mann spürt, dass der Augenblick zum Handeln gekommen ist. Er weiß, dass er wahrscheinlich gleich eine folgenschwere Entscheidung zu treffen hat. Irgendwo in Paris: Seine Berater haben genickt, die Experten aus dem Kanzleramt auch. Nun muss er entscheiden, was das Land in 48 Stunden vor einer Katastrophe rettet.

Helmut Schmidt als Vorbild

Der Mann heißt Peer Steinbrück. Er ist der Finanzminister der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Er ist der Manager der Deutschen in diesem Finanzinferno. Er ist es, der heute vor drei Tagen entschieden hat, was die Bundeskanzlerin dann am Sonntag vor Kameras mit ihm gemeinsam vertrat: dass der Staat in dieser Krise jedem Bürger die Sicherheit seines Geldes garantiert.

Keine Frage: Die Sturmflut von Peer Steinbrück, der Helmut Schmidt als sein großes Vorbild bezeichnet, findet in diesen Tagen statt. Letzterer, das ist verbürgt, hat die Flut überstanden. Wird das dem Finanzminister nun auch gelingen? Wird man später auch von diesem Hanseaten das sagen, was man dem Krisenmanager Schmidt bis heute zugute hält? Dass es ein glücklicher Zufall war, dass gerade ein Mann wie er in der Krise an den entscheidenden Hebeln gesessen hat: scharf im Urteil, entschlossen im Handeln.

Denn das scheint in diesen Tagen und Wochen, in denen Gewissheiten wanken und fallen, das Wichtigste zu sein. Damit die Stimmung nicht kippt, keine Hysterie aufkommt. Dabei gilt Steinbrück, 61, studierter Volkswirt, auch als Kenner seines Fachs. Er ist der Einzige am Kabinettstisch, der als Finanzminister die Welt des großen Geldes und die Handelnden in deren Schaltzentralen persönlich kennt.

Vertrauen ist das Wichtigste

Im Finanzministerium in der Berliner Wilhelmstraße laufen die Informationen über die weltweiten Finanzströme zusammen. Der Minister lässt sich ständig über aktuelle Bewegungen informieren, nimmt die entscheidenden Termine stets selber wahr. Und so ahnte, ja wusste Peer Steinbrück an diesem Wochenende, dass die Entscheidung der Staatsgarantie über kurz oder lang auf ihn zukommt.

Er weiß, dass der "Bank-Run“ das Schlimmste ist, was jetzt passieren kann. Weil die Gefahr dieser Krise der Vertrauensverlust der Banken untereinander ist. Greift dieser Bazillus um sich und verlieren auch die Bürger das Vertrauen, dann bricht das gesamte System binnen Stunden zusammen. Denn wo einer in der Angst Geld abhebt, werden es bald Hunderte, Tausende, Millionen sein. Und dann geht plötzlich nichts mehr.

Das musste Steinbrück verhindern, muss er immer noch. Am Montag stürzten die deutschen Aktienindizes weiter ab. Nichts ist vorbei. "Wer behauptet, Licht am Ende des Tunnels zu sehen“, ist zurzeit einer von Steinbrücks Lieblingssätzen, der "soll aufpassen, dass das nicht die Lichter des entgegenrollenden Zuges sind.“ Und um zu verstehen, welche Verantwortung der Mann auf sich genommen hat, muss man nur das Gegenteil denken: Denn ein Bank-Run, der Supergau hätte auch gedroht, wenn Millionen Menschen Montagmorgen panisch die Bankschalter gestürmt hätten, nicht obwohl, sondern weil der Finanzminister die Staatsgarantie ausgesprochen hat.

Arroganter Sack oder kaltblütiger Denker?

Es ist sieben Minuten nach acht Uhr am Montagmorgen. Steinbrück sitzt im Willy-Brandt-Haus vor zwei Dutzend Journalisten. Wieder hat er die ganze Nacht mit Bankmanagern verbracht. Nicht zum ersten Mal in dieser Woche Zehn-Stunden-Krisenmarathon mit Parallelkontakt ins Bundeskanzleramt. Und immer wieder die Panik vertreiben: Vergangenen Dienstag, da stand er vor der SPD-Fraktion und hat mit Engelsgeduld alle Fragen der Abgeordneten beantwortet. Auch die naiven, die doofen, wie er denken, aber nur sehr verschlüsselt sagen würde.

Einen arroganten Sack nennen ihn viele hier, weil er immer alles besser zu wissen scheint und für die seelischen Befindlichkeiten der Sozialdemokratie nicht viel übrig hat. "Gefühlsduselei“, sagt er abschätzig dazu. Er, der kaltblütige Denker, der Schachspieler, der mal auf die Frage, warum er nicht zu Mannschaftssport taugt, geantwortet hat, er traue nur sich selbst. Wie oft sie in der SPD die Nase über dieses Verhalten ihres Ministers gerümpft haben? Jetzt – in der Krise – gibt es manchen, der über seine Art, die Dinge anzupacken, froh zu sein scheint. Nicht nur in der sozialdemokratischen Fraktion. Auch in der Union schätzen sie seinen Kriseneinsatz.

Ahnungslosigkeit im Kanzleramt und Finanzministerium

Am Montag dann träufelt Steinbrück Sahne in seinen Kaffee und scheint zufrieden mit dem Ausgang der Wochenend-Operation namens "Wir retten euch alle“. Das Kinn nach vorn geschoben, sein Mund wie ein Hufeisen, Öffnung nach unten, wie oft. Sein Kopf ist – kurz nach acht Uhr morgens – leicht gerötet, was aber kein Grund zur Beunruhigung ist. Der Minister nähert sich seiner üblichen Betriebstemperatur. Gleich wird er die Ergebnisse des Koalitionsausschusses von gestern Abend referieren. Wie immer: kühl, knapp, kontrolliert.

Dann kommt er auf die Krise zu sprechen. Hanseatisch klar, in Sprache und Gestus, nimmt er sofort Kurs auf das Wesentliche. Nämlich: Wie er am Samstagabend aus den Medien erfuhr, dass das erste Rettungspaket für die angezählte Hypo Real Estate – immerhin 35 Milliarden Euro schwer – scheitern würde.

Auch die Bundeskanzlerin, der Bundesbankpräsident und der Chef der Bankenaufsicht Bafin waren bis dahin ahnungslos. Noch am Vortag habe alles darauf hingedeutet, dass der "Rettungsschirm hätte fliegen können“. Am Wochenende zuvor haben sie zusammen gesessen und bis zwei Uhr morgens mit Bankern und Beamten hart verhandelt, damit er nicht nur faktisch, sondern auch politisch Bestand haben kann, dieser Rettungsschirm.

Blankes Entsetzen über das Management der Banken

Dass Letzteres, die politische Akzeptanz der Aktion, wichtig war, spürt der Sozialdemokrat Steinbrück seit Tagen, wenn er erklären muss, warum er gierigen Bankern, die die Verluste erst produziert haben, nun noch Steuergelder hinterherschmeißen will. Nicht, dass der Mann je um eine Antwort verlegen gewesen wäre. Doch Banker in der Krise retten, ist das eine. Sich für ein Finanzpaket beschimpfen lassen, das – wie sich nun herausstellt – auch noch falsch berechnet ist, das will Steinbrück nicht mit sich machen lassen.

"Das Management", sagt er, "hat mich, die Kanzlerin und die Banken zum Entsetzen gebracht." Derart "in den Schraubstock" genommen zu werden, das wolle er nicht akzeptieren. „Ungeheuerlich“, schimpft Steinbrück, und man kann sich vorstellen, wie er gewütet haben muss, in der Nacht zum Sonntag, als ihn die Nachricht vom Platzen des Hilfspakets für die Hypo Real Estate erreicht hatte. Dass die Politiker als "Idioten" dargestellt werden, die mit der Krise nicht fertig werden, sei "grenzwertig", sagt er jetzt, und es ist einer von Steinbrücks typischen Sätzen. Voll Wucht und doch mit Hintertür. Nächstes Wochenende muss er mit denselben Leuten vielleicht schon wieder verhandeln.

Steinbrück bespricht "Plan B" in Luxemburg

Heute früh um fünf soll er aber erst einmal im Flugzeug sitzen. In Luxemburg muss er mit den Finanzministern der Europäischen Union die nächsten Schritte besprechen, den Plan B. Und gestern war der Minister noch ein paar Stunden im Bundestag – die Erbschaftssteuer retten.

Seine Sorge: Wenn er nicht da ist, ziehen die Unterhändler der Union den Koalitionskompromiss weit in ihre Richtung, und die SPD wird hinterher ihn verantwortlich machen. Noch so eine Brandstelle, wo er als Feuerwehrmann im Einsatz ist. Und nächstes Wochenende wieder eine Bank retten? Nächstes Wochenende?, flachst Steinbrück. "Da bin ich nicht da.“


Mitarbeit: Stephan Haselberger

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