Zeitung Heute : Peinliche Predigt

Der Tagesspiegel

Von Martin Gehlen

Alle katholischen Priester auf der Welt haben am Gründonnerstag Post von Johannes Paul II. bekommen. „Schlimmste Auswüchse des Bösen" und „schwerwiegende Skandale" nennt das Kirchenoberhaupt in seinem Schreiben den sexuellen Kindesmissbrauch durch Kleriker – Kapläne, Pfarrer und sogar Bischöfe. Immer neue Fälle werden bekannt. Ob in den USA, Kanada, Australien oder in England, Irland, Belgien, Österreich und Polen – viele Ortskirchen sind betroffen und die meisten haben bislang versucht, das Geschehene zu vertuschen. Die Oberhirten sahen weg, versetzten die Täter rasch in andere Pfarreien oder erkauften sich das Schweigen der Opfer durch Geld.

Dieses Vorgehen hat der Glaubwürdigkeit und Integrität der Kirche geschadet. Denn eine Institution, die mit hohem moralischen Anspruch auftritt – gerade auch im Bereich der Sexualität – , trägt bei sexuellen Verfehlungen in den eigenen Reihen besondere Verantwortung. Stattdessen wurde die Fürsorge für die betroffenen Kinder und ihre Familien sträflich vernachlässigt. Die Realität, dass eine kleine Minderheit von Geistlichen pädophil ist, war bekannt, aber wurde verdrängt. Zehntausende unbescholtener Priester sehen sich nun mit ins Zwielicht gerückt.

Doch der Druck auf die katholische Kirche wächst, sich diesem dunklen Teil ihrer Wirklichkeit zu stellen – nach Außen wie nach Innen. Bischofskonferenzen, wie die in Frankreich und England, haben mögliche Wege im Blick auf Staat und Gesellschaft bereits vorgezeichnet. Nachdem sich ihre ersten, in den neunziger Jahren erlassenen Verhaltensrichtlinien als unwirksam erwiesen haben, fahren diese Kirchen inzwischen einen kompromisslos harten Kurs. „Keine Toleranz" heißt das Leitmotiv der vor sechs Monaten überarbeiteten Vorgaben zum Schutz der Kinder. Ihnen wollen sich auch die Kirchen in den USA und in Irland anschließen. Und sie sollten die Richtung für die Weltkirche weisen.

Den Taten angemessen und ungewöhnlich für kirchliche Dokumente sprechen diese neuen Texte eine absolut klare Sprache. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, heißt ihre Devise. Aufmerksamkeit wird eingeschärft, Vorbeugung gefordert, Aufklärung betrieben, falsche Rücksichten angeprangert und Sanktionen bindend vorgeschrieben. Priester sollen nicht länger auf ein Kartell aus Scham und Schweigen setzen können. Und die jungen Opfer und ihre Familien sollen sich ermutigt fühlen, die Verbrechen anzuzeigen. Das Aufdecken von Kindesmissbrauch, lautet die implizite Botschaft, hat nichts mit billigem Anti-Klerikalismus zu tun oder mangelnder Loyalität zur Kirche. Es ist im Interesse der Kirche.

Die Aufarbeitung nach Innen ist wesentlich komplexer. Drei Viertel der bekanntgewordenen Opfer von Klerikern sind Jungen. Vor allem in den USA fragen Verantwortliche für die katholische Priesterausbildung, ob das nicht auch mit dem Zölibat, dem Verbot der Frauenordination oder dem relativ hohen Anteil homosexuell orientierter Männer unter Geistlichen in Verbindung stehen könnte. Zwar verneinen erfahrene Psychotherapeuten nahezu einhellig solche Zusammenhänge, aber die innerkatholische Debatte über Identität, Zuschnitt und Zukunft ihrer geistlichen Ämter sowie die Auswahlkriterien für ihr Seelsorgepersonal ist voll entbrannt. Der Anlass ist unglücklich. Und vorerst gibt es viel mehr Fragen als Antworten. Doch auch diese innere Auseinandersetzung ist notwendig. Sonst könnte über der Kirche, wie der Papst schreibt, ein dunkler Schatten bleiben.

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